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Zugstrecke Hamburg – HannoverBahn will durch die Heide

Das Bundesverkehrsministerium plant eine bessere Zugverbindung im Norden: Die Neubauidee gewinnt, die Wünsche der Anlieger sind zu teuer.

Jahrzehntelanger Streit, um die völlig überlastete Schienenstrecke Hannover–Hamburg zu verbessern: Nun soll es ein Neubau richten Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Pläne für einen Ausbau der Zugverbindung zwischen Hamburg und Hannover werden konkreter. Das Bundesverkehrsministerium hat jetzt dem Bundestag das Ergebnis der Vorplanung für eine neue Bahnstrecke vorgelegt: Der Neubau sei demnach deutlich vorteilhafter als ein Ausbau der bestehenden Strecke. Denn die Wünsche der Anlieger, so teilte das Eisenbahnbundesamt (EBA) mit, machten den Ausbau unwirtschaftlich.

Über eine leistungsfähigere Bahnverbindung zwischen Hamburg, Hannover und Bremen wird unter dem Stichwort Y-Trasse schon seit Jahrzehnten diskutiert. In dem Beteiligungsverfahren „Dialogforum Schiene Nord“ mit Bürgerinitiativen, Verbänden und Kommunen wurde als Kompromiss dann die Variante „Alpha E“ entwickelt. Die sieht einen Ausbau der bestehenden Strecke vor, insbesondere ein drittes Gleis zwischen Lüneburg und Uelzen.

Auch der Bund und die Bahn unterzeichneten diesen Kompromiss – das war im Jahr 2015. Weniger glücklich damit waren Stadt und Landkreis Lüneburg, die unter dieser Variante zu leiden gehabt hätten, aber auch die Stadt Hamburg, der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und Fridays for Future, denen diese Ausbaulösung nicht reichte – ganz im Gegensatz wiederum etwa zum Naturschutzbund (Nabu).

2022 stellte sich heraus, dass die Bahn doch wieder über einen Neubau der Strecke Hamburg–Hannover nachdachte. „Die gemeinsam 2015 im Dialogforum erarbeitete Lösung hat sich in der planerischen Betrachtung als nicht möglich erwiesen“, erklärte ein Vertreter der Bahn in Celle.

Autobahn und Bahn bündeln

Stattdessen schlägt die Bahn nun als Vorzugsvariante eine Trasse von Seevetal zunächst mehr oder weniger dicht an der A7 vor und dann weiter über Bergen und an Celle vorbei nach Hannover. Diese Variante ist nach dem Bewertungsschema der Bahn in puncto Raumordnung, Umwelt, Betrieb und Kosten günstiger als die sogenannte bestandsnahe Variante.

Die Bahn hat dafür Punktezahlen für bestimmte Schutzgüter ermittelt und für jede Kategorie addiert. So schneidet die Neubaustrecke etwa mit Blick auf Natur und Landschaft, Rohstoffsicherung und Erholung/Tourismus deutlich schlechter ab als ein Streckenausbau. Das Gleiche gilt für die Flächeninanspruchnahme, Boden, Luft und Klima.

Es gibt auch Befürworter einer Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover: hier auf einer Demo in Hannover Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Besser schneidet der Neubau beim Schutz von Kulturgütern, der Wasserwirtschaft und dem Thema Energie ab, ebenso beim Schutz von Tieren, Pflanzen und der biologischen Vielfalt sowie von Natura-2000-Schutzgebieten. Die Lärmbelastung könne durch die Bündelung mit der A7 und der B3 gering gehalten werden. Zudem wäre ein Neubau mit 14,1 Milliarden gegenüber 19,4 Milliarden Euro deutlich billiger als ein Ausbau der Bestandsstrecke.

Auf Basis dieser Vorplanung kommt das Eisenbahnbundesamt zu dem Ergebnis, „dass der zuwendungsrechtlich geforderte Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit gewahrt wird“. Dabei übersteige der Nutzen die Kosten um das Anderthalbfache.

Das gelte allerdings nur, wenn die über das gesetzliche Maß hinaus gehenden Forderungen aus der Region nicht erfüllt werden. Dazu gehören zusätzlicher Lärmschutz, ein Tunnel, weitere Netzverknüpfungen, Haltepunkte, Geh- und Radwege und ein Fonds zur Sicherung hoher Siedlungsqualität.

Aus Sicht des EBA und der Bahn ist diese Variante die einzige, „welche alle rechtlichen, verkehrlichen und wirtschaftlichen Anforderungen erfüllt“. Dazu gehöre, dass nur ein Neubau mit vier Gleisen die nötige Kapazität schaffen könne, um den geltenden Verkehrsprognosen gerecht zu werden.

Die niedersächsische Landesregierung bezweifelt diese Prognosen und findet, der Überlastung könne auch mit dem Ausbau begegnet werden – und zwar schneller als mit einem Neubau, was wiederum die Bahn bestreitet. Die Bahn müsse sich fragen lassen, „inwieweit sie weitere Mittel in eine Planung stecken möchte, die die Entwicklung des Schienenverkehrs für weitere Jahrzehnte einfriert“, heißt es in einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der CDU-Abgeordneten Martina Machulla.

Die niedersächsische Landesregierung bezweifelt diese Prognosen und findet, der Überlastung könne auch mit dem Ausbau begegnet werden – und zwar schneller als mit einem Neubau, was wiederum die Bahn bestreitet.

Darin kritisiert die rot-grüne Landesregierung auch, die Bahn orientiere sich bei ihren Planungen nicht am aktuellen, sondern an einem unterstellten zukünftigen Bedarf 2040. Diese basiere aber im Wesentlichen auf einer Umleitung des Verkehrs von Hamburg ins Ruhrgebiet.

Das Bundesverkehrsministerium weist darauf hin, dass die Strecke heute schon zu 147 Prozent ausgelastet ist. Bei den vom Bund prognostizierten Zugzahlen sei der Handlungsbedarf groß. „Die Entscheidung, unter welchen Prämissen die Planung fortgesetzt wird, obliegt allein dem Bundestag“, schreibt das Ministerium auf seiner Website.

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