piwik no script img

BERLINER WOCHENKOMMENTAR II Erwartbar große Empörung

Anna Klöpper

Kommentar von

Anna Klöpper

Eine Studie will untersuchen, wie Lehrer über das Thema sexuelle Vielfalt denken: Das ist eine sinnvolle Sache, wäre da nicht diese heikle Frage.

E ine Studie will herausfinden, wie Lehrer über das Thema sexuelle Vielfaltdenken: Stehen sie dem eher offen oder doch ablehnend gegenüber? Wie viel wissen sie überhaupt, zum Beispiel über Intersexualität? Thematisieren sie es im Unterricht, wenn auf dem Schulhof jemand als „Schwuchtel“ beschimpft wird? Sinnvolle Sache, findet die Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer bei der Gewerkschaft GEW. Wichtig sei diese Befragung, sagen unisono die queerpolitischen SprecherInnen von Linken, Grünen und der SPD.

Da haben sie Recht: Wer wissen will, muss Fragen stellen. Und gerade Schule darf beim Thema Diskriminierung keine Blackbox sein. Umso ärgerlicher, dass sowohl die beteiligten Wissenschaftler von Humboldt-Universität und der privaten Sigmund Freud Universität als auch die Senatsbildungsverwaltung als Auftraggeberin den Erfolg der Studie, die zu Wochenbeginn öffentlich wurde, so unbedacht aufs Spiel setzen: „Was ist Ihre sexuelle Orientierung?“, heißt eine der letzten Fragen. Mit anderen Worten: Sind Sie schwul?

Klar, dass sich die Medien darauf stürzen würden: „Hetero oder nicht? – Sex-Schnüffelei an Berlins Schulen“, schrillt die B.Z. Klar, dass die CDU, zumal so wenige Tage vor der Bundestagswahl, sich extrem empört geben würde und in Windeseile den parlamentarischen Antrag fertig hatte, mit dem sie diese „abstruse Befragung“ unverzüglich beenden will. Da können die Forscher wie auch die Berliner Datenschutzbeauftragte hinterher noch so sehr beteuern: Alle personenbezogenen Angaben – und die Studie fragt davon reichlich ab – würden selbstverständlich codiert oder gelöscht.

Denn selbst wenn alles ganz korrekt sein sollte beim Datenschutz, bleibt am Ende offen: Warum braucht es diese heikle Frage nach der sexuellen Orientierung überhaupt? Zumal die Forscher nach dem ganzen Schlamassel selbst betonten: Die Frage sei nur „ein (vergleichsweise unbedeutender) Faktor unter vielen anderen“.

Eigentlich hätte man sie also auch weglassen können? Aber so durften die Forscher jetzt nochmal viel Zeit darauf verschwenden, gerade zu rücken, was im Prinzip alle wissen: Nur weil man Hetero ist, ist man noch lange nicht homophob, und nicht in jedem Schwulen wohnt ein liberaler Geist. Bleibt zu hoffen, dass die Studie durchkommt – und der Erkenntnisgewinn am Ende für alle Seiten groß ist.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Anna Klöpper

Anna Klöpper Leiterin taz.eins

Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Sunny Riedel das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung, inklusive der Nahaufnahme - der täglichen Reportage-Doppelseite in der taz. Davor Ressortleiterin, CvD und Redakteurin in der Berliner Lokalredaktion. Themenschwerpunkte: Bildungs- und Familienpolitik.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • cazzimma

    "Mit anderen Worten: sind Sie schwul?"

     

    -Warum tappt ausgerechnet die "taz" auch in die Falle, die in den Medien weit verbreitet ist, dass nämlich dann, wenn es um Homosexualität geht, ausschließlich an schwule Männer gedacht wird?

     

    Enttäuschend in der Wortwahl.

     

    Abgesehen davon wird sich viel zu wenig darum gekümmert, welche Formen von Diskriminierungen es außer Rassismus an Schulen gibt; diese Thema ist wichtig!

     

    Meiner Erfahrung nach kümmert es viele LehrerInnen herzlich wenig, wenn SchülerInnen sich untereinander homophob beleidigen.