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Auswirkungen von Russlands AngriffskriegGentrifizierung vs. Geldfluss

Russische Flüchtlinge, die in Nachbarländern sind, werden dort kritisch beäugt. Dabei bringen sie die Volkswirtschaften auf Trab.

Aus Tbilissi

Mathias Brüggmann

Nicht alle Russinnen und Russen sind hier willkommen: Wer in die Dedaena Bar am Fluss Mtkwari in der georgischen Hauptstadt Tbilissi will, muss ein Formular ausfüllen für ein sogenanntes Einlassvisum. Darin muss erklärt werden: „Ich habe nie Putin gewählt“, „ich verurteile den russischen Überfall auf die Ukraine“ und (die russisch besetzten georgischen Territorien) „Abchasien und Südossetien sind georgisch“.

Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 verließen rund eine Million Menschen Russland – oft in Richtung Nachbarstaaten, für die keine Visa gebraucht werden. Nach Angaben örtlicher Behörden flohen etwa 112.700 Menschen aus Russland nach Georgien, fast 150.000 nach Kasachstan, gut 110.000 nach Armenien und etwa 200.000 nach Serbien sowie in andere Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel und europäische Staaten.

In Georgien fanden sich schnell Graffiti an den Wänden wie „Fuck Ruzzia“ (z steht für Putins Krieg), „Russen, sprecht leise. Ihr dürft nur laut sprechen, wenn ihr euer blutiges Imperium anprangert“, und „Stand with Ukraine“. „Sie sollten nie vergessen, dass sie in ein Land kommen, das von ihrem eigenen Land angegriffen wird“, erklärt Data Lapauri, dem hier die Dedaena Bar gehört.

Im Mai 2022 verdoppelten sich die Mieten (plus 101,4 %) im Vergleich zum Mai 2021

TBC Bank

Vor allem in früheren Sowjetrepubliken werden die vor einer möglichen Einberufung in den russischen Angriffskrieg geflohenen Menschen kritisch beäugt. Denn der Zuzug blieb nicht ohne Folgen: „Im Mai 2022 verdoppelten sich die Mieten (plus 101,4 %) im Vergleich zum Mai 2021“, analysierte die TBC Bank in Tbilissi.

Die Geflüchteten sind oft nicht arm

Doch gesamtökonomisch gesehen hatte die Zuwanderung durchaus positive Aspekte, belegen weitere Studien. Betrug das durchschnittliche Wachstum der Wirtschaftsleistung zwischen 2012 und 2021 in Georgien 4,4 Prozent, so stieg es im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 auf jährlich 9,4 Prozent. In Armenien gab es nach Weltbank-Daten einen Sprung von 3,6 auf 9 Prozent, in Serbien von 2,1 auf 3,5 Prozent jährlich.

Der Hauptgrund ist einer Studie von OutRush, einem Forschungszentrum über russische Emigration, zufolge, dass 41 Prozent der Putin-Geflüchteten gutbezahlte Jobs im IT-Sektor hatten und zumeist remote für russische oder andere Unternehmen arbeiteten. Viele waren hoch bezahlte Soloselbstständige. Sie nahmen niemandem in den aufnehmenden Ländern Jobs weg. 7 Prozent haben in ihren Zufluchtsorten bereits eigene Unternehmen gegründet, 28 Prozent wollen dies.

Zugleich erhalten diese sogenannten Relokanten in den meisten anderen Aufnahmeländern keine Sozialleistungen. Sie bezogen im Gegenteil Zahlungen aus Russland oder Drittländern in ihre neue Heimat. In Armenien haben sich diese allein 2022 mehr als verdoppelt auf 1,8 Milliarden US-Dollar. In Georgien war der Anstieg russischer Überweisungen mehr als 6-mal so hoch wie im Jahr zuvor, rund 2 Milliarden US-Dollar.

Unzufriedenheit bei der Bevölkerung

Diese Transfers und die deutlich höheren Einkommen der vor Putin Geflüchteten im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung (in Armenien etwa 2.500 Euro gegenüber 300 Euro) stärkte die private Nachfrage in diesen Ländern und führte zu mehr Steuereinnahmen.

Insgesamt hat der Zustrom russischer Emigrierter das Wirtschaftswachstum der Aufnahmeländer also positiv beeinflusst. Doch der schnelle Preisanstieg und die geringe Integration der Geflüchteten in die lokale Gesellschaft führen mancherorts zu ernsthafter Unzufriedenheit.

Vor allem in Georgien macht die prorussische Regierung jetzt Druck auf die Geflüchteten aus dem Norden. Dort und in Kasachstan wurde das Aufenthaltsrecht erheblich verschärft. Von „kafkaesken Prozessen“, spricht Maxim, Miteigner der Buchhandlung Odradek in Tbilissi, die zumeist russisch- und ukrainischsprachige Bücher verkauft. Der Behördendschungel zum Erhalt eines Aufenthaltstitels sei schwer durchdringbar in dem Kaukasus-Land, von dem Russland ein Fünftel besetzt hält.

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