Ausstellungsempfehlung für Berlin: Wolkig bis Rotzig

Matthew Lutz-Kinoys „Window to the Clouds“ ist ein Ritt durch die Kunstgeschichte, voll crèmeroter Bommeln, Malerei und ganz viel Rokoko und Keramik.

Matthew Lutz-Kinoy, „Pillow In The Form Of Reclining Child With Polkadots“, 2018. Glazed ceramic, 30 x 10 x 13 cm Foto: Andrea Morin; Courtesy of the artist and Fitzpatrick Gallery

Pastoralen in Pastell, Ruinen in flauschigen Landschaften und Körper in sanfter Zuneigung: „Er kann ­alles – nur nicht die Wahrheit“, ließe sich für Matthew Lutz-Kinoy sagen, der im Salon Frieder Burda gerade die wollig-weiche, rosa-rote Illusion eines himmlischen Orts ausbreitet. Irgendwo in den Wolken muss er sein, folgt man seinem Ausstellungstitel „Window to the Clouds“. Ein betretbares Bühnenbild hat der aus der Performancekunst kommende Matthew Lutz-Kinoy hier in­stal­liert, das mit großformatigen Malereien, Keramiken, Deckengemälden, Teppich und Hunderten herabhängenden crèmeroten Bommeln alle Räumlichkeiten umfasst.

Das Zitat aber stammt eigentlich von Denis Diderot; „Cet homme a tout – excepté la vérité“ schrieb dieser nach einem Besuch des Salons 1761 über den Rokokokünstler François Boucher, der ein Günstling Ludwig XIV. und der Pompadour war. Bouchers Illusionismus, sein Gesamtkunstwerk vom Bühnenbild bis zum Suppenteller und die von ihm besonders vollführte Leichtfüßigkeit des Rokoko übersetzt Lutz-Kinoy nun in diese bebommelten Räumlichkeiten.

Für seine Gemälde – technisch eine Mischung aus Druck und Malerei – begibt sich der in Paris lebende US-Amerikaner noch tiefer in die Kunstgeschichte: Auf seinen theatralischen Darstellungen von Körpern und Pflanzen sind die Konturen von Auguste Rodins Plastiken zu erkennen, die berühmten Hände aus Michelangelos „Erschaffung Adams“ tauchen auf oder Kompositionen nach dem Symbolisten Ferdinand Hodler. Seine historische Beflissenheit in Pastelltönen schmeichelt für einen Moment zu sehr.

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Bis 5. 6., Di.–Do. 15–18 Uhr, Fr.–Sa. 12–18 Uhr, Auguststr. 11-13, Negativer Covid-Test + Tickets erforderlich: museum-frieder-burda.de/ausstellung-salon.php

Doch Matthew Lutz-Kinoy bricht die zu schöne Szenerie nonchalant wieder auf: Wie er seine Keramiken mal kunstvoll mit einem Vogel ziert, mal nur mit ein paar groben Splashes versieht, oder den eigentlich feinen Gegenstand einer keramischen Kopfstütze, die aus der chinesischen Kunst bekannt ist, geradezu krude mit Babygesicht kopiert, da wird klar: Der utopische Ort in den Wolken, zu dem Lutz-Kinoy mit dieser Ausstellung ein Fenster öffnet, ist willkommen heißend und warm, aber auch unperfekt und rotzig.

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