Ausstellung zur Kolonialgeschichte: Widerstand sichtbar machen

Die Schau zur Kolonialausstellung 1896 in Berlin wurde neu gestaltet. Damit geht das Museum Treptow bei der Dekolonisierung voran.

Blick in die Berliner Ausstellung, beim Blättern von Biografien

„Zurückgeschaut“ auf die Kolonialausstellung in Treptow Foto: Daniela Incoronato

BERLIN taz | Die Aufarbeitung von Kolonialgeschichte ist an vielen Orten ein Thema. Offenkundig hängt die (verdrängte) deutsche Geschichte mit heutigen Problemen wie Alltagsrassismus zusammen. Aber wie kann man Vergangenes darstellen, ohne alte Klischees zu wiederholen? Die neu überarbeitete Ausstellung „Zurückgeschaut – looking back“ im beschaulichen Museum Treptow in Berlin zeigt, wie die Dekolonisierung von Geschichte beginnen kann.

Die kleine Schau im historischen Rathausbau befasst sich mit der ersten deutschen Kolonialausstellung 1896 im Treptower Park. Mit dem Groß­ereignis sollten die neuen deutschen Kolonien vor einem breiten Publikum beworben werden. Dazu wurden im Park klischeehafte Nachbildungen afrikanischer und pazifischer Dörfer gebaut, in denen eigens in den Kolonien angeheuerte Menschen das beschaulich-friedlich imaginierte Leben von „Wilden“ darstellen sollten.

Die 106 Akteure dieser diskriminierenden „Völkerschau“ stehen im Zentrum der Ausstellung. „Unsere Darstellung betont, welche Formen des Widerstands und Widerspruchs es unter ihnen gab“, erklärt Tahir Della von der Initiative Schwarzer Deutscher (ISD) beim Presserundgang Ende voriger Woche. Die ISD ist einer der Kooperationspartner des Museums, der andere ist der Verein Berlin postkolonial. Beide sind Teil des Bündnisses „Dekoloniale“, das im Auftrag des Berliner Senats die Dekolonisierung der Stadt voranbringen soll.

Im zentralen Raum der Ausstellung hängen die Porträts fast aller 106 ProtagonistInnen der „Völkerschau“ an den Wänden. Etwa 20 von ihnen seien hier geblieben, erzählt der Historiker Christian Kopp von Berlin postkolonial, viele hätten geheiratet und Kinder bekommen. „Drei Nachfahren sind im Nationalsozialismus in Konzentrationslager gekommen.“

Lokalmuseum als Vorbild

Die Porträts entstanden auf Veranlassung des Anthropologen Felix von Luschan, dem Direktorialassistenten am kurz zuvor erst gegründeten Berliner Völkerkundemuseum, der die 106 Darsteller für seine „rassekundlichen“ Forschungen nebenher vermaß. Eigentlich sollte der Fotograf sie auf Luschans Anweisung in „traditioneller“ Bekleidung abbilden. Doch viele, so Della, hätten sich geweigert und darauf bestanden, in Anzug, Hemd oder anderer „westlicher“ Kleidung verewigt zu werden. Manche verweigerten sich dem Fotografiert-Werden ganz, an sie erinnern leere Bilderrahmen mit ihren Namen.

Auch der (dekoloniale) Lernprozess der Ausstellungsmacher wird in dem Raum deutlich. In der 2017 eröffneten Vorgängerausstellung waren die Porträtfotos noch schwarz-weiß und zur Hälfte mit Text über die Person zugestellt. Diese „steckbriefartige Darstellung“ sei vielen BesucherInnen unangenehm aufgefallen, berichtet Matthias Wiedebusch, museumspädagogischer Mitarbeiter. „Das ist nicht würdig genug“, hätten viele gesagt.

Für die überarbeitete Ausstellung wurden die Porträts nachkoloriert und vergrößert, so dass sie lebendiger und individueller wirken. Die Lebensgeschichten, soweit bekannt, wanderten in Hängeordner.

Dass die kleine Ausstellung eines Lokalmuseums zum Vorbild taugt, darüber sind sich die Beteiligten einig. „Alle Museen sollten sich Partner suchen“, findet Wiedebusch, Della hofft, dass das Projekt zum „Impulsgeber für andere dekoloniale Aktivitäten“ wird. Die nächste Museumskooperation der Dekoloniale steht schon fest: 2022 geht es nach Friedrichshain-Kreuzberg. Dort soll vor allem die Migrationsgeschichte des Bezirks ­kritisch unter die Lupe genommen werden.

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