Ausstellung „Landscape and Urban Living“: Die Kraft des Künstlichen

Die Kieler Stadtgalerie zeigt, wie aktuelle Videokunst mit Natur umgeht. Dabei werden verborgene Seiten der Welt sichtbar – und Urängste aktiviert.

Eine Welle in einem großen Gewässer.

Die Wellen sind künstlich, machen aber Angst vorm Ertrinken: Clemens Wittkowskis „Lieben“ Foto: Clemens Wittowski/Bauhouse © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Man sieht gleich: Da stimmt was nicht. Wie die blauschwarzen Wellen auf der Leinwand da vor uns sich brechen, wie sie sich wieder aufbauen und auf einen zurollen – das ist doch nicht echt. Aber was, wenn es doch echt wäre? Wie lange würde man noch leben in diesen Wasserwirbeln? Wie schnell würde es gehen, bis man noch ein-, zwei-, vielleicht sogar dreimal kurz auftaucht, bewegungsunfähig von der Panik, die einen gepackt hat?

Das malt man sich so aus, im Trockenen, im Erdgeschoss des Neuen Rathauses an der Andreas-­Gayk-Straße nicht unweit des Kieler Hauptbahnhofes,­ das im hinteren Teil die Kieler Stadtgalerie füllt. Doch geht es unter die Wasserlinie, ins Dunkle. Dann zerlegen sich die aufsteigenden Luftblasen in einen Pixel-Strudel, als stimme etwas mit der Projektion nicht, als ruckelte das Programm kurz.

Aber reicht das Wissen um die mutmaßliche Konstruktion des zu Sehenden, um uns davor zu schützen, eine der Urängste von uns Menschen nachzuerleben? Also zu ertrinken, fassungslos unterzugehen, so allein, wie man nur allein sein kann, so sein Leben zu verlieren, irgendwo da draußen im unbegrenzten und sich immer wieder aufbauenden Meer.

„Lieben“, heißt konsequenterweise die Arbeit von Clemens­ Wittkowski, ein Video-Loop von gerade mal sieben Minuten und sieben Sekunden; es fühlt sich nach weit mehr an. Gefertigt, also entwickelt und realisiert allein am PC und damit am Bildschirm, also künstlich durch und durch – wenn man noch darauf besteht, dass es die echte und dass es die künstliche Welt gibt und dass sie unterscheidbar bleiben. Dazu hört man einen Mann und eine Frau Satzfetzen wie „Lieben leben“ oder „Lieben lassen“ rufen – Nina Petri und Stephan­ Schad haben den beiden­ Unbekannten ihre Stimmen­ geliehen.

Wir schauen auf eine seltsame, wie eingefrorene Szenerie, bis doch irgendwo ein Hafenkran sich kurz dreht

„Internationale Videokunst zur Urbanisierung von Landschaft“, lautet etwas sperrig, weil unnötig trocken, der dazugehörige Titel der Sammelausstellung, zu dem Wittkowskis Werk gehört. Zusammengestellt hat sie der Hamburger Kurator und Kunstkritiker Claus Friede. Ihn hat der Weg unserer Landschaftswahrnehmungen in die aktuelle visuelle Kunst beschäftigt, und er hat dazu in den vergangenen Jahren Kompetentes und also Sehenswertes zusammengetragen.

Da ist etwa die Arbeit „Pickled­ long cucumber“ (also: „Eingelegte, lange Gurke“) der lettischen­ Künstlerin Katrina Neiburga, die sich mit Mann und Kind in eine moorige Waldgegend begeben hat, wo sie mal durch den Sumpf streifen, mal auch versuchen, sich etwas­ zu Essen zuzubereiten (eine Gurke!), was jeweils wie seltsam ritualhaft anmutet. Unterlegt ist alles mit einem feinen Techno-Sound, der durch die Räume wabert.

Sehenswert auch die dreiteilige Videoinstallation „Huglaeg Rými“ (etwa: „Subjektiver Raum“) von Ólafur Sveinn ­Gíslason, die uns in den Süden Islands lockt. Dort lebt er in vermeintlicher Ruhe und kreativer Einsamkeit. Dort lernte er seinen Nachbarn kennen, einen Bauern, der ihm vom Mühsal der Landarbeit, aber auch von der Eingebundenheit in die Kreisläufe der Landschaft und der Natur erzählte.

Das spricht er auch im Video, begleitet von vier Männern in Isländer-Pullovern, seltsam verzögert nach. Eine komische wie auch kluge Auseinandersetzung mit dem Genre der engagierten Filmdokumentation, wo doch heute niemand mehr sicher­ sein kann, ob die uns dort zu Herzen gehenden Protagonisten am Ende nicht doch gecastet wurden und nun in bester Absicht eben ihr Spiel spielen.

Schön ist aber auch, dass Stadtgalerie-Kurator Sönke Kniphals­ es nicht nur bei der reinen­ Übernahme der Fried'schen Ausstellung belassen hat. Er hat sie sehr sinnvoll um zwei lokale Positionen ergänzt.

Da wäre zum einen die Arbeit „Aurora“ von Gor Margaryan, der ursprünglich aus Armenien stammt, der dort aufwuchs, bis ihn das Kunststudium an die Kieler Muthesius lockte, wo er blieb und wo er derzeit die Videowerkstatt leitet. Er nimmt uns mit auf einer Schlittenfahrt via Motormobil durch den vereisten Norden Russlands. Und wir sitzen zuschauend mit an Bord, lassen uns den eisigen Wind um die Nase wehen. Was für uns exotisch ist, ist für die dortigen Menschen nichts anderes als der Weg, um von A nach B zu kommen.

Landscape and Urban Living: bis 28. November, Stadtgalerie Kiel

In Kiel studiert hat auch Wibke Rahn, Medizin, war aber auch Gasthörerin an der Muthesius,­ fand später zum Kunststudium nach Halle, heute hat sie ihr Atelier im Kunstrefugium der alten Leipziger Tapeten­fabrik. Doch nun ist sie mal wieder vorbeigekommen und bietet­ mit „Vanishing­ point“ (also: „Fluchtpunkt“) einen 24-Stunden­-Live-Stream und bricht damit aus der strengen Ordnung der Loops aus.

Dazu ist sie auf das Dach der Stadtgalerie geklettert, hat eine Kamera installiert, hat sie fördewärts ausgerichtet, so dass wir nun auf das Gelände der einstigen HDW-Werft schauen können. Vor gut zehn Jahren wurde sie in „ThyssenKrupp Marine Systems“ umbenannt und spezialisierte sich auf den Bau von Kriegs-U-Booten, was im einst kriegszerstörten Kiel jeder weiß, worüber man aber nach wie vor ungern spricht. Umrahmt ist das Bild, dass uns Rahn auf dem Display bietet, von einer ganz eigenen Industrielandschaft einer abgewrackten Werft: gefertigt aus Pappmaché plus U-Boot-Modell, erworben bei Ebay.

Und wir schauen über diese Trümmer hinweg auf eine seltsame, wie eingefrorene Szenerie, sehen Stillstand, bis doch irgendwo ein Hafenkran sich kurz dreht oder eine Fähre für Momente die Blickachse kreuzt. Die Welt, sie zeigt uns ihre verborgenen Seiten, man muss nur jeweils genau und lange genug schauen.

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