piwik no script img

Ausnahme für AnwohnerCornerverbot gekippt

Hamburger Verwaltungsgericht beschränkt ein mit Corona begründetes Alkoholverbot – zumindest für vier An­woh­ne­r:in­nen aus dem Schanzenviertel.

Tjade Brinkmann

Aus Hamburg

Tjade Brinkmann

Das Alkoholverbot im Hamburger Schanzenviertel ist nur teilweise verhältnismäßig. Vor dem Verwaltungsgericht hatten vier An­woh­ne­r:in­nen aus dem Ausgehviertel einen Eilantrag gegen die Regelung eingereicht. Nun hat das Gericht das geltende Verbot teilweise aufgehoben. Demzufolge dürfen die An­woh­ne­r:in­nen nun unter der Woche an bestimmten, überwiegend im Schanzenviertel gelegenen Orten ihr Bierchen trinken.

Bislang gilt an einigen Orten in Hamburg, so auch im Schanzenviertel, ein Alkoholverbot. Lediglich montags bis freitags zwischen sechs Uhr morgens und 14 Uhr ist es erlaubt, alkoholische Getränke zu verzehren. Geregelt ist das in der Hamburgischen Corona-Eindämmungsverordnung.

Wie das Gericht am Mittwoch mitteilte, ist das Verbot im Grundsatz nicht zu beanstanden. Es diene dem legitimen Zweck, Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern. „Eine Beschränkung auf die geltenden Abstandsgebote, Kontaktbeschränkungen sowie auf die unter bestimmten Voraussetzungen im Freien bestehende Maskenpflicht sei nicht gleichsam effektiv.“

Die An­woh­ne­r:in­nen würden durch das Verbot nur wenig eingeschränkt. Daher sei es für Orte und Zeiten geeignet und erforderlich, an denen sich regelmäßig Menschen versammelten und gemeinschaftlich tränken.

Grundsätzlich rechtmäßig

Trotz der grundsätzlichen Rechtmäßigkeit der Verordnung war der Antrag der An­woh­ne­r:in­nen in Teilen erfolgreich. Nach Auffassung des Gerichts ist ein Verbot nämlich nur dann gerechtfertigt, soweit es nur an Freitagen, Samstagen und Tagen, auf die ein Feiertag folgt, gilt. Zudem müsste es auf die Zeit von 20 Uhr bis sechs Uhr am Folgetag beschränkt sein. Für andere Zeiträume sei nicht davon auszugehen, dass regelmäßig Abstandsgebote und Kontaktverbote verletzt würden.

Sollte es trotzdem zu „größeren Menschenansammlungen und gemeinsamem Alkoholkonsum“ kommen, sei die Stadt angehalten, auf „einzelfallbezogene Maßnahmen“ zurückzugreifen, schreibt das Gericht. Auf Anfrage bestätigen Innenbehörde und Polizei, dass diesbezüglich keine besonderen Maßnahmen geplant sind.

Wie Max Plog, Sprecher der Verwaltungsgerichte, erklärte, werde die zugrunde liegende Eindämmungsverordnung durch den vom Gericht veröffentlichten Beschluss nicht für unwirksam erklärt. Stattdessen gelte die Entscheidung lediglich für die Beteiligten des Verfahrens. Folglich sind nur die vier An­woh­ne­r:in­nen vom pauschalen Alkoholverbot ausgeschlossen. Um die Eindämmungsverordnung entsprechend der Entscheidung anzupassen und Anträgen weiterer An­woh­ne­r:in­nen zuvorzukommen, müsste die Stadt also handeln.

Auf taz-Anfrage wollte die zuständigen Behörde weder zum Urteil noch zu möglichen Folgen Stellung beziehen. Martin Helfrich, Pressesprecher der Gesundheitsbehörde, betonte lediglich, dass die Eindämmungsverordnung bis zum 20. November gültig sei. „Welche Änderungen sich ergeben, wird sich im Laufe der Woche zeigen – gerade auch in Anbetracht der gesetzlichen Änderung im Infektionsschutzgesetz auf Bundesebene.“

Es sei davon auszugehen, dass sich in der kommenden Woche einiges tun werde – nicht durch das Urteil, sondern weil sich die Rahmenbedingungen sowieso ändern würden, sagt Helfrich.

Wenn der Senat Anträge weiterer Anwohner verhindern wollte, müsste er handeln

Die An­woh­ne­r:in­nen hatten mit ihrem Eilantrag auch versucht, das Alkoholverkaufsverbot sowie das Verbot, an bestimmten öffentlichen Orten Alkohol mitzuführen, anzugreifen. In beiden Fällen sah es das Gericht jedoch nicht als notwendig an, die bestehenden Regelungen einzuschränken.

Die An­woh­ne­r:in­nen seien vom Verkaufsverbot nur mittelbar betroffen und könnten somit nicht wie unmittelbar betroffene Kioskbesitzer vor Gericht ziehen. Das Verbot, Alkohol bei sich zu tragen, gelte ohnehin nur am Wochenende. Zudem seien An­woh­ne­r:in­nen unter bestimmten Voraussetzungen davon ausgenommen.

Gegen den Gerichtsbeschluss können sowohl die An­trag­stel­le­r:in­nen als auch der Senat Beschwerde beim Hamburgischen Oberverwaltungsgericht einlegen. Ob die Stadt diese Möglichkeit nutzen werde, wollte Helfrich nicht kommentieren.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Rudolf Fissner

    Alk-Corona-Pimmel-Parties sind dort also wieder erlaubt. :-)

    • Andreas J

      @Rudolf Fissner:

      Und was bitteschön soll ein Alk-Corona-Pimmel sein?