Auftakt der Grünen Woche in Berlin: Auf der Jagd nach Häppchen
Gratis-Kostproben auf der Grünen Woche in Berlin? Die kriegt man nur, wenn man Politiker ist. In der Brandenburg-Halle gibt es aber eine Überraschung.
Wer hat schon Zeit, vormittags zur Grünen Woche zu gehen, die an diesem Freitag ihre Pforten geöffnet hat? Die typische Klientel: Freundinnen, untergehakt, weit jenseits der 50, vermutlich Rentnerinnen. Männer mit dicken Bäuchen, die aussehen wie Landwirte, die mal ordentlich einen draufmachen wollen. Ehepaare, wo er zu ihr „Mutti“ und sie zu ihm „Vati“ sagt – mit Beuteln über der Schulter, die noch schlaff sind und bei dem Rundgang durch die Hallen mit Schnäppchen gefüllt werden wollen. Was sich als Trugschluss erweisen wird. Kostenlose Pröbchen und Häppchen? War gestern. Es sei denn, man ist Politiker.
Und doch zieht es jedes Jahr wieder Hunderttausende zur Grünen Woche, die dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Das erste Mal fand sie im Februar 1926 statt. An die 325.000 Besucherinnen und Besucher erwarten die Veranstalter dieses Mal bei der Messe, die bis einschließlich 25. Januar geht. Rund 1.600 Aussteller aus 50 Ländern präsentieren sich in den Messehallen unter dem Funkturm.
Am Freitagmorgen, als die Türen für die Bevölkerung noch verschlossen waren, machte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) den traditionellen Auftaktrundgang. Für ihn war es in dieser Eigenschaft das erste Mal. Seine Begleiter, Bauernpräsident Joachim Rukwied und der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) Christian von Boetticher, sind, was das angeht, schon Veteranen. Auch mit dabei: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), EU-Agrarkommissar Christophe Hansen und Messechef Mario Tobias.
Offizielle Rundgang von mehr als drei Stunden
Mehr als drei Stunden waren für den Rundgang, im Schlepptau die Presse, eingeplant. Alle paar Meter stehen bleiben, Hände schütteln, Schlückchen trinken, Häppchen essen, so geht das ab. Die Ukraine servierte an ihrem Stand Sekt, bei den Bulgaren gab es Tanz und Gebäck, bei den Tschechen Bier und bei den Polen Wurst, die aus Sicht des gelernten Metzgers Rainer nicht ganz heranreichte an die heimische Weißwurst. In der Holland-Halle durfte der Landwirtschaftsminister eine neue Tulpensorte taufen, die die Niederländer extra für die Grüne Woche gezüchtet haben: Die „Berlin Jubilee“. Estland präsentierte Schnittchen mit Elchfleisch und Brot.
Später, als die Bevölkerung Einlass gefunden hat, bricht die Stunde der Lokalpolitikerinnen und -politiker an. In der Thüringen-Halle steht Thüringens Staatssekretär für Landwirtschaft, Marcus Malsch (CDU), in einer Lederschürze auf der Bühne und lässt sich mit einem Glas Köstritzer Bier von der Schwarzbier-Brauerei seines Bundeslandes feiern.
In der Brandenburg-Halle sieht man Brandenburgs Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt (SPD) vor dem Stand des Landesjagdverbandes ins Gespräch vertieft. Ob es um die Wölfe ging? Ein Gesetzentwurf von Bundeslandwirtschaftsminister Rainer sieht vor, den Schutzstatus des Wolfs deutlich zu lockern und die Jagd auf das Tier zu ermöglichen. Die Lobbyverbände der Jäger fordern das schon lange. Mittelstädt hatte schon 2025 erklärt, dass sie für einen erleichterten Abschuss offen sei.
Zollstöcke mit politischer Botschaft
Ein Statement dazu ließ sie sich am Freitag gegenüber der taz vor dem Stand des Jagdverbandes nicht abringen. Nur das: Die neue Gesetzeslage müsse zunächst in den Landtag eingebracht werden. Dann drängte die Referentin weiter.
Gleich neben dem Landesjagdverband am Stand des Brandenburger Landfrauenverbandes gibt es eine Überraschung. Auf einem Tischchen liegen kleine Zollstöcke mit der Aufschrift: „Keinen Millimeter nach rechts“. Eine Botschaft, mit der man auf der Grünen Woche nicht gerechnet hatte. Und dazu auch noch kostenlos zum Mitnehmen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert