Aufsätze von ehemaligen Linken: Ich, ich, ich
Wenn das Denken die Richtung ändert: In einer Aufsatzsammlung hagelt es Bekenntnisse von Ex-Linken. Manches verbindet sie mit Rechtspopulisten.
Der Abschied von 68 ist ein etwas in die Jahre gekommenes Genre. Die einschlägigen Selbstreflexionen, unter anderem von Peter Schneider und Götz Aly, sind schon länger antiquarisch zu erwerben. Die 68er waren talentierte Selbstvermarkter. Das galt auch für die Abkehr von gestern, die mal selbstkritisch, mal zerknirscht, mal als triumphale Ankunft in neuen Glaubensfestungen (antiwoke, antilinks, multikultikritisch etc.) in Szene gesetzt wurde.
Das immer äußerst bedeutende Ich ist die Verlängerung der Politik in der ersten Person. Es ist kein Zufall, dass die materialreichste, produktivste Auseinandersetzung – „Das rote Jahrzehnt“ von Gerd Koenen – weitgehend ohne Ich auskam.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Das gilt für die Aufsatzsammlung „Wenn das Denken die Richtung ändert“ nicht. Es hagelt Ichbekenntnisse. Der Band versammelt 13 Selbstreflexionen in unterschiedlichen Tonarten. Antonia Grunenberg skizziert angenehm zurückhaltend ihre intellektuelle Biografie, die vom Trotzkismus zum Liberalismus führte. Das ist nicht neu, aber eine redliche Selbstbeschreibung, die ohne Fanfaren auskommt. Das Gleiche gilt für die biografische Skizze des früheren grünen Realos Hubert Kleinert.
Andere Texte arbeiten mit dem diskursiven Trick, sich selbst zum Opfer eines vermeintlichen linken Mainstreams zu veredeln und aus dieser Position auszuteilen. Das wird mit antitotalitärem Pathos umwölkt, auch wenn sich die Kontakte mit dem Totalitarismus auf ein paar ereignisarme Monate in kommunistischen Kleingruppen in den 70er Jahren beschränkten.
Selbstironie nur in Spurenelementen
Die konkrete Leidenserfahrung mit dem massenmörderischen Stalinismus schrumpft bei dem Kabarettisten Dieter Nuhr darauf zusammen, dass seine Scherze über „den Mittelaltermarkt in Eschwege und bekifften Hedonismus“ manche Organisatoren von Kleinbühnen nicht angemessen lustig fanden. „Ich bin nicht links, ich bin erwachsen“, so Nuhr. Ein Bekenntnis, das halb überzeugt.
Die meisten AutorInnen sind über 70 Jahre alt. Entspannte Altersweisheit oder Selbstironie kommen nur in Spurenelementen vor.
Ulli Kulke /Reinhard Mohr (Hrsg.): „Wenn das Denken die Richtung ändert – Warum wir nicht mehr links sind“. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2026. 259 Seiten, 24 Euro
Bemerkenswert ist der Beitrag der bayerischen Kabarettistin Monika Gruber. Ihr Spin: Früher war die Welt heil, jetzt herrscht Verfall. Niemand will mehr arbeiten, deutsche Frauen sind die Beute „von aggressiven Männergruppen mit ‚südländischem Erscheinungsbild‘ “. Der Staat hat Corona, „eine mittelschwere Grippe“ (Gruber), benutzt, um die Bürger zu schikanieren. Albert Einsteins Satz, dass „gesunder Menschenverstand eine Anhäufung von Vorurteilen ist, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat“, hat viel für sich.
Gruber versichert glaubhaft: „Ich war nie links.“ Das wirft die Frage auf, was sie in einem Band mit dem Untertitel „Warum wir nicht mehr links sind“ verloren hat. Offenbar existieren Schnittmengen zwischen Ex-Linken und Neurechten.
Radikalisierter Individualismus
Manchen Ex-Linken hat, wie der Text von Matthias Brodkorb illustriert, die Abkehr vom linken Kollektivdenken in einen radikalisierten Individualismus geführt. Der berührt sich mit dem ichzentrierten rechtspopulistischen Wutbürgertum à la Gruber, das sich vom Klimawandel, erfundenen Pandemien und linkem Aktivismus den Feierabend nicht vermiesen lassen will.
Gruber kolportiert, in Wien sei „die Weihnachtsdekoration abgeschafft“ worden, während „Ramadan-Beleuchtung mit Steuergeld“ gefördert werde. Dass ein bürgerlicher Verlag wie Kohlhammer sich an der Verbreitung von rechtsextremen Falschmeldungen beteiligt, ist schon erstaunlich.
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