Auf ins Hinterzimmer: Geheim, geheim, geheim
Für erfolgreiche Verhandlungen ist viel Fingerspitzengefühl, Geduld und Geschick nötig. Und ein Plätzchen, zu dem nicht jeder Zugang hat.
E in Abend in einem räudigen Schuppen irgendwo auf dem Land. „Wann kommt denn der Habeck und reißt mir die Heizung raus?“, wurde da empört gerufen. „Du bist doch bei denen in der Politik da oben ständig dabei.“ So geschehen vor rund zwei Jahren. Mit der, die „da oben“ angeblich doch andauernd dabei sei, war die Autorin dieser Kolumne gemeint. Klassische Hinterzimmerpolitik. Wenn auch mit dem Schuppen in einem untypischen Umfeld. Natürlich ist die Autorin nicht bei denen „da oben“ dabei. Das zur Klarstellung, damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht.
Wahr ist, dass in sogenannten Hinterzimmern jede Menge Empörung ventiliert wird. Und auch Entscheidungen fallen. Derzeit sind die Hinterzimmer im schönen Genf in der Schweiz wieder in den Schlagzeilen. Was verabredet und gesprochen wird, dringt nur in spärlichen Dosen raus. Oder gar nicht.
In Hinterzimmer eins wird aktuell die Causa Iran/USA verhandelt. Kommt es zu einer Einigung auf ein neues Atomabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Mullah-Regime? Kann ein Angriff der USA verhindert werden? Störeffekte während solcher Verhandlungen gehören dazu. Auf der Fake-News-Schleuder X wurde etwa kolportiert, dass Israel womöglich einen Erstangriff auf den Iran auslösen könnte, zur Gesichtswahrung von Donald Trump. Schließlich brüstete sich der US-Präsident in seiner Rede an die Nation – in dem Fall öffentlich –, die beste Regierung aller Zeiten anzuführen.
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Macht der Staaten im Gefüge spielt eine Rolle
Hinterzimmer zwei gehört der Ukraine. In Genf wird parallel um einen Waffenstillstand oder was auch immer den Beteiligten vorschwebt, gerungen. US-amerikanische Verhandler und ukrainische Vertreter sind am Start. Ob die beiden Hinterzimmer fußläufig zu erreichen sind, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass die beiden Termine am selben Tag stattfanden.
In den Hinterzimmern, gerne auch schmuckgetäfelte, abhörsichere Räumlichkeiten, werden natürlich auch Spitzenposten vergeben. Einschlägiges Beispiel ist der Vorsitz der EU-Kommission oder die Position des Nato-Generalsekretärs. Eine öffentliche Anhörung ist in diesen Fällen gar nicht vorgesehen.
Die Macht der Staaten im Gefüge spielt dabei eine Rolle. Wer viel einbringt, bekommt viel. Der Begriff der Hinterzimmerpolitik ist aber kein vergiftetes Instrument. Die Mischung aus Vertraulichkeit, Rücksicht auf Befindlichkeiten und späterer Transparenz macht’s.
Genf steht ganz oben auf der Liste. Als sich 1985 dort Reagan und Gorbatschow treffen, führt dies später zum Ende des Kalten Kriegs. Frieden schaffen über die Hinterzimmer, mindestens für eine Zeit. Selbst im Schuppen auf dem Land beruhigten sich am besagten Abend die Gemüter.
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