Auf der Suche nach Führungskräften: Glücklich ohne Chefs

Wer braucht schon Vorsitzende? Parteien anscheinend. Doch ohne läuft es nicht viel schlechter – und es könnte noch viel besser werden.

Eine schwarze Fahne mit rotem Anarchie-A

Freiberuflich zu arbeiten ist besser – oft aber auch anstrengend Foto: imago images/Jürgen Hanel

BERLIN taz | Führungskräfte (FK) haben ein schweres Leben, in der Politik zumal. Ständig umgeben von neidvoller Konkurrenz, müssen sie diese auf dem Weg nach oben kraftvoll wegboxen, am besten mit nachhaltigen K.-o.-Schlägen, denn sonst treten die Unterlegen bei erster Gelegenheit nach. Für Führungsaufgaben qualifiziert man sich also vor allem mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit, gepaart mit einem eher funktionalen Verhältnis zu anderen Menschen: Wer ist für und wer gegen mich, wer nützt mir, wer schadet.

Das Personal aller Parteien entwickelt so eine brutale Kultur des Umgangs, über dessen unmenschliche und verschleißende Praxis schon die eine oder andere Analyse geschrieben worden ist, zumeist beim Abgang einst bejubelter FK. Wer oben angekommen ist, kann schließlich nur noch nach unten – alles eine Frage der Zeit. Wer gestern noch per Akklamation an die Spitze gehievt wurde, hält heute nur den Platz für die Nachfolge warm. Die Hamburger SPD umging in ihrem Wahlkampf das Problem der hohen Wechselfrequenz an der Parteispitze damit, dass sie die frisch gewählten Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans bat, der Stadt gleich ganz fernzubleiben.

Das erscheint auf den ersten Blick vernünftig, wenn auch inkonsequent – zumindest solange man sich einen Spitzenkandidaten leistet oder überhaupt Parteivorsitzende. Bei der CDU läuft es schließlich auch ganz gut, so ganz ohne funktionierende Chefetage. Da können sich die Jungs aus NRW mal so richtig aussprechen. Blöd für alle, dass wohl einer von denen am Ende doch den Chef geben muss. Das kann nur schiefgehen. So wie alles immer mal wieder schiefgeht. Ob nun ohne Chefs oder mit.

Denn die sind lediglich die Ikonen des Scheiterns oder gegebenenfalls Gelingens. Gemacht wird die Arbeit von namenlosen Unterlingen, für deren Erfolge (sehr gerne) und Fehler (nicht so gerne) jemand Verantwortung übernehmen muss. So war es immer. Muss schließlich alles seine Ordnung haben, denn Ordnung ist das halbe Leben. Für manche auch das ganze.

Ein Gefühl der Unzulänglichkeit

Wäre die Bestellung oder Wahl von FK nur eine symbolische Formalität, hätte ja auch alles seine Ordnung. Läuft es aber besonders schlecht, wie gerade bei SPD und CDU, sorgen die ständigen Führungsdebatten nur für mehr Chaos und kaum zu politischer Klärung (siehe Thüringen). Denn Führungslosigkeit ist Orientierungslosigkeit. Eine Leere wird da gefürchtet, die schleunigst zu füllen ist.

Diese Angst, für sich selber zu sprechen, dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, die unbedingt durch Vertretung in höheren Sphären ausgeglichen werden muss, ist dabei eine unnötige Selbsterniedrigung. Denn: Niemand braucht Chefs. Gewiss, manchmal ist es ganz bequem, jemanden zu haben, der oder die an allem schuld ist, was schiefläuft: blöde Dienstpläne, miese Politik oder einfach nur so schlechte Stimmung. Aber spielentscheidend ist doch immer das eigene Tun, die Bereitschaft, selber Verantwortung zu übernehmen. Keine Appelle an irgendwen „da oben“, sondern Organisation und Eigeninitiative, für die solche Chefs eher ein Hindernis sind.

Gewiss, von „regierungsfähigen“ Parteien müssen da keine Impulse erwartet werden. Dafür richtet es sich das Wahlvolk noch immer viel zu kommod in der gewohnten Hierarchie ein. Und auch sonst sind die Versuche selbst organisierten Lebens und Arbeitens wie auch basisorientierter Politik eher mühsam. Nicht wenige dieser Experimente fallen irgendwann zurück in tradierte Muster und Hierarchien.

Weil die Widerstände zu groß sind oder einfach, weil es so anstrengend ist, tatsächlich miteinander zu reden, so langwierig und nervtötend. Nicht nervtötender als das Karussell der Kandidaturen um Parteivorsitzende, jedoch dafür mit deutlich mehr Potenzial, tatsächliche Probleme anzugehen und zur Abwechslung mal irgendetwas zum Besseren zu verändern.

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