Auf dem Kapitalmarkt verzockt: Finanzkrise trifft auch die Kirche
Anders als angekündigt, findet das Thema Finanzkrise auf dem am Mittwoch beginnenden Kirchentag kaum statt. Dabei ist die Kirche selbst von ihr betroffen.
Die Welt wird durch die schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg erschüttert - aber auf dem am Mittwoch beginnenden Evangelischen Kirchentag kommt der Crash kaum vor. Über 2.500 Veranstaltungen stehen in Bremen auf dem Programm, doch mit der globalen Rezession befassen sich vielleicht 20 Angebote. Wenn man großzügig zählt.
In der Außendarstellung klingt dies allerdings anders: "Im Mittelpunkt werden die sozialen Auswirkungen der Krise stehen", versprach Kirchentagspräsidentin Karin von Welck, als sie im März das Programm vorstellte. Faktisch jedoch sind nur zwei Podien zur Finanzkrise prominent besetzt.
Ein Grund sei, so Klaus Heidel von der badischen Synode, dass in den Gemeinden bisher nur eine "diffuse Angst" vor den Folgen des Crashs angekommen sei. "Es wird nicht grundsätzlich über die Krise nachgedacht", stellt er fest. Heidel arbeitet hauptamtlich bei der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg, die sich als kirchennahe NGO mit entwicklungspolitischen und sozialen Themen befasst.
Auch bei den Unternehmen herrscht kein großes Bedürfnis, mit den Gläubigen zu debattieren, wie sich bei der Vorbereitung für den Kirchentag erneut zeigte. "Man muss kein Geheimnis daraus machen, dass wir uns intensiv um Wirtschaftsvertreter bemüht haben", sagt Rüdiger Runge, Pressesprecher des Kirchentags. "Doch die Spitzen aus Wirtschaft und Banken drängen sich nicht danach, sich Diskussionen über die Finanzkrise zu stellen." Wenn überhaupt Manager nach Bremen kommen, dann sprechen sie lieber über fachfremde Themen: So nimmt BDI-Präsident Hans-Peter Keitel am Freitagnachmittag an einem Podium teil, das den Titel trägt "Das Beste für unser Kind?"
Dabei geht die Finanzkrise auch an der Kirche nicht spurlos vorbei, sondern reißt tiefe Löcher in die Etats der Gemeinden. Besonderes Aufsehen erregte die Landeskirche Oldenburg. Sie verlor 4,3 Millionen Euro, weil sie ihr Geld zum Teil bei Lehman Brothers angelegt hatte. Bundesweit ergoss sich Häme über die Norddeutschen. Es war wohl nur Glück, dass es keine weiteren Landeskirchen traf. "Es ist purer Zufall, dass wir keine Lehman-Zertifikate hatten", gibt Oberkirchenrat Thomas Begrich freimütig zu. Er leitet die EKD-Finanzabteilung. Denn viele Landeskirchen investieren auf dem Kapitalmarkt, um ihre Rendite zu steigern. "Wichtig ist die Risikostreuung", sagt Begrich. Auch die Oldenburger hatten diese Regel befolgt: Trotz der Lehman-Pleite sind laut Medienberichten noch immer fast 118 Millionen Euro an Finanzvermögen übrig. "Die Kirche ist ein konventioneller Anleger", sagt Begrich. Er schätzt das Finanzvermögen insgesamt auf rund 4 Milliarden Euro.
Und die Krise hat einen unangenehmen Nebeneffekt, der den Kirchen wirklich zu schaffen macht: Die Guthabenzinsen sind dramatisch gesunken, seitdem die Notenbanken die Märkte mit Geld überfluten. Der Vermögensaufbau in den Pensionskassen stockt - das werden die Pfarrer noch in Jahren zu spüren bekommen. Gleichzeitig sinken die Kirchensteuern. Sie dürften in diesem Jahr um 400 Millionen Euro einbrechen, wie Begrich schätzt. Das wäre ein Minus von 10 Prozent.
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