: Auf dem Acker der Vorfahren
Unser Autor wuchs in einem Dorf in Sachsen-Anhalt auf und lebt heute als Schriftsteller in Leipzig. Sein jüngerer Bruder kehrte zurück in die Heimat, belebte den familiären Hof wieder. Die Brüder treffen sich – und reden. Über den Osten, Landwirtschaft und die AfD
Von Domenico Müllensiefen (Text) und Andreas Schoelzel (Fotos)
Vor über 20 Jahren habe ich den altmärkischen Bauernhof verlassen, auf dem ich aufgewachsen bin, und mein Glück in der Fremde gesucht. Von Beetzendorf aus ging es nach Magdeburg, dort absolvierte ich eine handwerkliche Ausbildung. 2006 zog es mich der Arbeit wegen nach Leipzig, wo ich Jahre später Schriftsteller wurde und heute noch lebe. Die Verlockungen der Großstadt waren für mich Angebote, denen ich mich kaum entziehen konnte. Ein Leben, das in der Ruhe und Abgeschiedenheit eines Dorfes stattfindet? Unvorstellbar für mich, nachdem ich das in meiner Kindheit und Jugend durchmachen musste.
Mein knapp zehn Jahre jüngerer Halbbruder Cedric allerdings kam nach seinem Studium auf den Hof der Eltern zurück. Nach dem Abitur ging er nach Halle (Saale), um Landwirtschaft zu studieren. Mit dem Bachelor in der Tasche zog er nach Witzenhausen in Hessen und machte dort seinen Masterabschluss in der ökologischen Landwirtschaft. Noch aus dem Studium heraus fing er an seinen freien Tagen an, den Bauernhof, auf dem wir aufgewachsen waren, wieder zu einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb umzubauen. Sein Großvater musste sich in der DDR zwangskollektivieren lassen, und der Vater hatte einen anderen Berufsweg eingeschlagen, sodass Hof und Grundstück drumherum für etwas mehr als ein halbes Jahrhundert kein Bauernhof im eigentlichen Sinne gewesen waren. Nach und nach entnahm mein Bruder die familieneigenen Ackerflächen aus der Pacht und fing an, diese als Bauer selbst zu bestellen, während ich in meiner Leipziger Wohnung saß und die meisten meiner Gedanken sich um Literatur und das Schreiben eben dieser drehten.
Wenn ich meine Familie besuchte, konnte ich mir das begehbare DDR- und Sowjet-Landmaschinen-Museum ansehen, das sich auf dem Hof nach und nach aufbaute. Mein Bruder kaufte allen möglichen Kram in der Gegend auf, und gemeinsam mit meinem Stiefvater brachte er die Maschinen und Werkzeuge in endlosen Stunden wieder auf Vordermann. Während ich mit meiner Mutter Karten im Wintergarten spielte, hörten wir das Töfftöff, das die alten Geräte von sich gaben, wenn der Bruder mit einem breiten Grinsen im Gesicht damit über den Acker fuhr.
Ein junger Mann, der aufbricht nach Hause zu kommen, der den Beruf seiner Vorfahren wieder aufgreift und mit dem Traktor die Erde öffnet. Auf mich, der sich aus dem Proletariat in die akademische Welt geschrieben hat, wirkte das aus der Zeit gefallen, beinahe schon verrückt.
Aus dem Wintergarten heraus beobachtete ich staunend den Bauern, der anscheinend schon immer in meinem kleinen Bruder lebte, und ehrlich gesagt, verstehe ich das alles bis heute nicht. Weder habe ich Ahnung von Landwirtschaft noch begreife ich, warum man sich an diesem Ort, der auf mich den Anschein hat, als würde er nach und nach absterben, eine Zukunft aufbauen möchte, die direkt an das Land, an die Erde gebunden ist. Dazu noch als Einzelkämpfer, der zwar Acker, aber kein Personal hat. Ich kann mir dieses Leben nicht vorstellen.
Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern schreiben Autor*innen aus beiden Bundesländern in jeder wochentaz über ihren Blick auf die Zukunft ihrer Heimat, über den Kampf gegen den Rechtsextremismus – und was ihnen Hoffnung macht, dass die Demokratie gewinnt.
Ich frage meinen Bruder, ob er mich besuchen möchte. Vielleicht kann ich es begreifen, wenn ich mit ihm rede.
Diesen Sommer über lebe ich in Rheinsberg, bin dort Stadtschreiber, bewohne ein paar Zimmer auf dem Schlossgelände, und dieser Ort scheint mir in seiner pittoresken Abgeschiedenheit geradezu perfekt, um mit ihm ein Gespräch darüber zu führen, warum er sich das mit dem Hof überhaupt antut. Mit seinem Abschluss steht ihm schließlich die ganze Welt der Landwirtschaft offen.
An einem verregneten Sonntagabend Anfang Juli besucht er mich. Wir gehen Essen, reden über die Familie, über unser Aufwachsen auf dem Hof und verabreden, dass wir am nächsten Tag einen langen Spaziergang machen werden.
Spazierengehen, die Umgebung angucken und die Gedanken schweifen lassen, so arbeite ich tatsächlich sehr oft. Für jemanden wie meinen Bruder, der tief in der Erde kniet und Pflanzen begutachtet, muss das ebenso unvorstellbar wirken wie sein Verhalten auf mich.
Die erste Frage, die ich ihm stelle, als wir den Schlosspark betreten, ist, was er am 6. September machen wird. Er sagt, dass er sicher Zeit haben wird, wenn ich ihn sehen wolle. Ich freue mich sehr über diese Art der Antwort und sage ihm dann, dass ich die Landtagswahl meinte, und er antwortet knapp: Beten, dass die AfD es nicht schafft, das Bundesland zu übernehmen.
Hoffnung scheint das zu sein, was übrig geblieben ist. In den letzten Jahrzehnten erlebte Beetzendorf einen strukturellen Niedergang. Die Einkaufsstraße ist wie leergefegt, es gibt keine Gaststätten und keine Kneipen mehr. Die Einwohnerzahlen sind rückläufig.
Ein Teil vom Dorf allerdings ist im Wachstum begriffen. In der Gemeinde Beetzendorf befindet sich das Ökodorf Sieben Linden.
Bei dem Ökodorf handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Bauernhof, der von mehrheitlich westdeutschen Pionieren übernommen wurde, nachdem diese viele Jahre nach Flächen für ihre Ideen gesucht hatten. Was mit viel Idealismus begann, ist inzwischen tatsächlich zu einer nachhaltigen Dorfgemeinschaft geworden, die sich basisdemokratisch verwaltet. Über die Jahre hat das Projekt bundesweit Bekanntheit erlangt. Ich wurde sogar mal auf einer Lesung in Zürich auf das Ökodorf angesprochen.
Foto: Philipp Sipos
Domenico Müllensiefen
Jahrgang 1987, ist Schriftsteller und lebt in Leipzig. In seinen Romanen befasst er sich mit dem Aufwachsen und Leben in Ostdeutschland.
Ich möchte von meinem Bruder wissen, wie die Beziehungen zu dem Ökodorf sind und ob es einen Impact von den Neubewohnern auf den alten Teil des Dorfes gibt. Cedric wägt ab, überlegt und sagt, dass ein paar der Leute aus dem Ökodorf ihm bei einem Agroforstprojekt geholfen hätten und dass daraus Freundschaften entstanden wären. Ansonsten ist die einzige sichtbare Auswirkung des Ökodorfs, dass die Straßen und Wege verstopft sind, wenn die Besucher dorthin fahren, um drei Tage lang in ihrer Utopie zu leben.
Diese Antwort ist hart und doch hört man oft und in vielen Teilen der Beetzendorfer Gesellschaft Ähnliches zu den nicht vorhandenen Beziehungen zu den Neubewohnern. Mein Bruder fügt hinzu, dass das Interesse des alten, ursprünglichen Dorfes in Bezug auf das Ökodorf sehr begrenzt ist. Man lebt nebeneinander her.
Eine merkwürdige Situation. Vor allem wenn ich daran denke, dass mein Bruder seinen Betrieb als nachhaltigen Bauernhof betreibt. In verschiedenen Streifen baut er Getreide, Mais, Gurken, Kartoffeln, Kürbisse und andere Pflanzen an. Es gibt Hühner, seit Neuestem zwei Hängebauchschweine, und wie schon damals, als ich als Kind zum ersten Mal den Hof betreten hatte, Schafe. Ich vermute, dass es die Schafe gibt, weil es schon immer Schafe gab. Würde mich nicht wundern, wenn die Schafe schon vor den Menschen hier gewesen sind. Was es nicht gibt, ist ein Biozertifikat, was es Cedric ermöglichen würde, an Bioläden und Projekte wie das Ökodorf zu verkaufen. Der Betrieb ist schlichtweg zu klein, als dass sich der Aufwand der Zertifizierung lohnen würde. Auch gibt es keinen Großabnehmer für Bioerzeugnisse in der näheren Umgebung. Also verkauft er seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse an den lokalen Großhändler und bringt so zumindest ein wenig biologische Qualität in den Kreislauf der konventionellen Warenkette.
Auf meine Frage hin, warum er nicht doch irgendwann die Zertifizierung anstreben will, antwortet er in seiner trockenen Art: „Oma Erna aus dem Nachbardorf braucht keinen Biokürbis, sie hat ihren eigenen.“
Wetten, die Demokratie gewinnt?
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26
Während er sich eine Zigarette dreht, sage ich ihm, dass er doch in die nächstgrößere Stadt liefern könnte.
„Zu teuer. Zu viel Diesel, der dabei verbrannt wird“, sagt er und zündet die Zigarette an. Ich frage ihn, ob Diesel so etwas wie eine zweite Währung für Landwirte ist, und er antwortet mit einem knappen „Ja“.
Inzwischen haben wir den Rheinsberger Schlosspark verlassen und laufen auf einem kleinen Wanderweg am Großen Rheinsberger See entlang. Dicke Regentropfen fallen auf das ufernahe Wasser. Immer wieder müssen wir hintereinander gehen, um uns nicht ins Gehege zu kommen. Mein Bruder erzählt von seinem Bauernhof, den er im Nebenerwerb bewirtschaftet. Der Hof hat keine 10 Hektar Gesamtfläche, die sich zudem noch auf mehrere Flurstücke im Ort verteilt. In einer Umgebung, in der manche Ackerflächen alleine ähnliche Dimensionen erreichen können, ist er mit seinem Betriebskonzept sehr allein. Wieder einmal merke ich, dass er diesen Hof nicht aus wirtschaftlichen Gründen betreibt. Es ist eine emotionale, eher schon sentimentale Bindung, die er zu seinem Land hat. Wenn ich meinen Bruder so ansehe, erinnert er mich an Romanfiguren von Cormack McCarthy, die in Land und Erde ihren Lebenssinn finden. Hier ist ein junger Mann, der aus Überzeugung kein „Ackergift“ verwendet, wie er die Spritzmittel der konventionellen Landwirtschaft bezeichnet.
Was mich immer wieder fasziniert, ist die schiere Menge an Insekten, die man über seinen Flächen stehen sieht. Im Abendlicht flimmert die Luft schwarz über dem Ackerboden. Auf Flächen mit konventioneller Nutzung ist das nicht der Fall.
Den Hof führt mein Bruder neben seiner Berufstätigkeit an einem landwirtschaftlichen Versuchsgut, wo er unter anderem Saatgut und Pflanzen auf ihre Anpassungsfähigkeit an neue klimatische Bedingungen testet.
In Bayern, sagt er, da hätte er die Möglichkeit, zumindest halbtags von der Tätigkeit als selbstständiger Landwirt leben zu können. Es fällt mir schwer, ihm in allen Details zu folgen, was ich aber verstehe, ist, dass vor allem Großbetriebe von den Subventionen profitieren und Betriebs- und Ackerflächenzusammenlegung das Ergebnis dieser Politik sind. Das wiederum zieht inzwischen auch Großinvestoren aus der ganzen Welt an, die Ackerland als Spekulationsobjekt begreifen und so verhindern, dass sich Betriebe seiner Größe entwickeln können. In Bayern würden Bauern gefördert, die mit althergebrachten Werkzeugen und Maschinen kleine Ackerflächen bestellen und durch diese Herangehensweise das traditionelle Bild des Landes erhalten.
Inzwischen hat uns unser Spaziergang ein ganzes Stück weg von Rheinsberg geführt. Wir kommen an einem Zeltplatz vorbei. Mein Bruder bleibt stehen und sagt, dass er vor ein paar Jahren hier mal ein paar Tage verbracht habe. Wie zur Selbstbestätigung wiederholt er die Worte, sieht noch kurz in Richtung der Zelte und dann gehen wir weiter. Mein Bruder läuft neben mir her und spricht davon, dass den Politikern der landwirtschaftliche Raum egal sei, davon, dass die Förderungen nicht sinnvoll platziert würden und es wenig hilft, wenn der Radweg geteert wird, da dadurch der Frisör eben nicht wiederkommen wird.
Ich frage mich, wie viel Fläche es braucht, damit ein Ort auch heutzutage autark in seiner Ernährung existieren könnte. Also frage ich ihn, ob es funktionieren würde, das Dorf mit seinem Acker zu ernähren. Er guckt mich an und sagt, dass er seinen Ortsteil mit seinem Acker komplett das ganze Jahr über mit Kalorien versorgen kann. Seine Mundwinkel gehen nach oben. Grinsend sagt er, dass das Essen dann wirklich sehr eintönig wäre und in großen Teilen vor allem aus Haferbrei und Kartoffeln bestehen würde. Aber ja, es wäre möglich. Ab und an würde es auch mal eine Tomate geben. Lachend sage ich ihm, dass der Ort dann noch eine Person braucht, die sich um die Skorbutpatienten kümmert, und er antwortet trocken, dass das nicht nötig wäre, da er genug Obstbäume habe und die Leute aus dem Dorf dort ihre dann von ihm rationierten Vitamine herbekommen könnten.
Wir kommen an einem kleinen Ferienort an. An einem Hotel steht ein Automat, der alles in sich führt, um über ein Wochenende zu kommen, wenn man wenig Angst vor einer fleischlastigen Ernährung hat. „Eier aus’m Discounter, Bodenhaltung für 4 Euro“, kommentiert er laut, während ich den Automaten bereits mit Münzen füttere und uns zwei Bier hole.
Unter einem Baum finden wir eine Bank. Wir setzen uns, hören dem Regen zu, der auf die Blätter prasselt, und gucken auf den See. Ich erzähle ihm die Geschichte, wie neulich ein guter Freund genau hier in den See gefallen ist, als dieser mich besuchte und wir mit einem geliehenen Boot am Steg anlegen wollten. Mein Bruder muss lachen, wir stoßen an, und er erzählt mir davon, was man auf dem Hof noch alles so machen könnte, würde man investieren.
Ob er einen Kredit aufnehmen würde, frage ich, und er antwortet, dass das nicht infrage komme. Warum, will ich wissen und höre eine Antwort, die ich als typisch für Ostdeutschland empfinde. Er möchte das Risiko nicht eingehen, möchte das Land der Familie nicht gefährden, und dann sagt er, dass er lieber den Acker verwildern lasse, sollte es sich finanziell überhaupt nicht mehr tragen.
Foto: Andreas Schoelzel
Ich nehme ihm das nicht ab. Auch wenn ich ihm das so noch nicht gesagt habe, kommt es mir vor, als wenn er die Last von Generationen auf seinen Schultern trägt und es ihm eine innere Aufgabe ist, dieses Land zu bestellen. Dass er dafür keinen Kredit braucht, kann ich verstehen. Aber der Hof, das Land drum herum sind ein Erbe, aus dem er sich ein Schicksal geknüpft hat, dem er sich nicht entziehen können wird. Zumal die Eltern und seine Partnerin mit ihm gemeinsam den Hof bewohnen. In den letzten Jahren hat sich, ohne dass meine Familie es vielleicht bemerkt hat, mein Bruder in das Zentrum dieses Hofes geschoben. Ein junger Mann, dessen Handeln sich auf das Bewirtschaften von Land fokussiert, samt einer kleinen Familie, die ihn dabei unterstützt.
Sachsen-Anhalt, die Altmark im Besonderen sind seine Heimat. Eine Heimat, deren Feld er bestellt und die bleibt, egal, wer gerade die Regierung stellt.
Was auch immer am 6. September passieren wird, ich gehe davon aus, dass er an diesem Tag auf seinem Acker stehen wird.
„Komm, wir gehen noch ein Stück“, sagt er und wir stehen auf.
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