piwik no script img

Atelierhaus KiefholzstraßeGekündigtes Künstlerkollektiv steht vor dem Nichts

Ohne Vorwarnung wird ein Atelierhaus mit 45 Kunstschaffenden gekündigt. Die Mieterschaft findet kaum Alternativräume, dafür ein wenig Hoffnung.

In der Kiefholzstraße in Treptow stehen am Dienstagmorgen vier Kunst- und Kulturschaffende in der Kälte. Sie blicken auf den Innenhof des Atelierhauses Kiefholz19. Gleich starten sie in einen weiteren Arbeitstag. Alle vier tüfteln hier schon seit fast zwanzig Jahren an den unterschiedlichsten Projekten. Doch wenn es nach der landeseigenen Berliner Immobiliengesellschaft BIM geht, ist damit bald Schluss.

Um sie herum wehen Protestbanner einer Soli-Party der vergangenen Woche im herbstlichen Wind. „Hier ist kein Ort für Profit – hier lebt die Stadt!“ und „Kiefi bleibt“, steht auf den Transparenten geschrieben. In dem Gebäude arbeiten etwa 45 Kunst- und Kulturschaffende. Doch jetzt stellt das ehemalige Fabrikgebäude laut der BIM plötzlich eine Gefahr dar. Am 21. September kündigte die Gesellschaft allen Mieterinnen und Mietern. Bis zum 31. Dezember müssen sie ihre Räumlichkeiten verlassen.

„Für mich ist das schlimm. Die kurze Frist halte ich für absolut unsozial“, sagt Anselmo Fox. Der Künstler beschäftigt sich mit plastischen Arbeiten. In seinem Atelier stehen Dutzende Werkzeuge: Sägen, Zangen, Bohrmaschinen. Die Regale quellen vor lauter bemalten Skulpturen und Gipsarbeiten fast über. „Ich muss eigentlich eine Ausstellung in Mexiko-Stadt vorbereiten“, sagt er, während er seine drei Atelierräume präsentiert. Dann fährt er fort: „Aber wenn wir wirklich ausräumen müssen, habe ich dafür nicht genügend Zeit.“

Fox meint, er habe in dem Monat seit dem Kündigungsschreiben erst ein mögliches Lager gefunden. Und das befinde sich in einem feuchten Keller in Sachsen-Anhalt. „Für den Gips wäre das eine Katastrophe“, sagt er. Deshalb wisse er nicht, wo er all seine eingelagerten Materialien hinbringen soll: „Ich muss vieles wegwerfen und später neu kaufen. Das wird richtig teuer.“

Die BIM begründet die Kündigung gegenüber den Mieterinnen und Mietern mit mangelndem Brandschutz. Nach einem Schwelbrand ließ die Immobiliengesellschaft ein Gutachten zu Elektroinstallation und baulichem Brandschutz erstellen. Das Ergebnis: „kritischer Sanierungsbedarf.“ Die Entscheidung zur Kündigung erfolge daher aus Verantwortung für die Sicherheit der Mieterschaft.

Sanierungsstau seit Jahren bekannt

Ein Blick in die Berichte der Berliner Senatsverwaltung für Kultur zeigt, dass ein „massiver Sanierungsstau“ bereits im März 2024 bekannt war. Die Kiefholz-Mieterschaft zweifelt die Dringlichkeit der Sanierungs-Begründung deshalb als Vorwand an. Allerdings kann sie den Bedarf auch nicht selbst überprüfen. Die BIM verwehrt den Künstlerinnen und Kulturschaffenden die Einsicht in das Gutachten.

„Wir verstehen ja, dass an dem Gebäude ein paar Sachen ausgebessert werden müssen“, sagt Kris Lambach, während er die Treppe in dem Atelierhaus hinaufsteigt. Der Boden unter seinen Füßen stammt teilweise noch aus DDR‑Zeiten. „Wir wären dafür auch alle bereit höhere Mieten zu zahlen“, fährt er fort. Im dritten Stock angekommen, passiert er noch einige Büros und Ateliers im Flur. Dann schließt er die Tür zu seiner Einheit auf.

Lambach setzt sich an seinen Schreibtisch. Er ist umgeben von Mikrofonen, Bass-Absorbern und perfekt ausgemessenen Musikboxen. In einem Nebenraum steht ein Schlagzeug, in einem weiteren lagern Schallplatten. Gemeinsam mit einem Kollegen betreibt Lambach ein Sound-Label. „Aktuell haben wir als Team und Label alles an einem Ort. So etwas ist superschwer zu finden“, sagt er.

Sein Kollege und er hätten schon nach Alternativen gesucht. Das bittere Ergebnis bisher: „Auch wenn wir seit 2008 gemeinsam arbeiten, können wir wahrscheinlich nichts für uns beide zusammen finden – schon gar nicht im S-Bahn-Ring.“ Für ihn sei die Gemeinschaft in der Kiefholzstraße aber das Wichtigste. Sein Label arbeite mit anderen aus dem Haus zusammen. „Das würde mir am meisten fehlen. Denn wenn so etwas einmal weg ist, kommt es schwer wieder.“

Es ist klar, dass die Künstlerinnen und Künstler in diesen drei Monaten keine adäquaten Räumlichkeiten finden werden

Sabine Kroner, Sprecherin für den Rat der Künste Berlin

Sabine Kroner, Sprecherin für den Rat für die Künste Berlin, hält aus diesem Grund nichts von der kurzfristigen Kündigung der Mieterschaft im Atelierhaus. Die Initiative versteht sich als gewählte Vertretung der Kunst- und Kulturszene in Berlin. Die kurzfristige Kündigung der Mieterschaft überraschte den Rat sehr: „Es ist klar, dass die Künstlerinnen und Künstler in diesen drei Monaten keine adäquaten Räumlichkeiten finden werden.“ Deshalb müsse die Kündigungsfrist verlängert werden. Auch das Kollektiv Kiefholz19 fordert ein Moratorium von einem Jahr.

In dieser Zeit könnte auch entschieden werden, was mit dem Gebäude nach der Räumung geschieht. Die BIM schreibt auf Anfrage der taz, dass eine Sanierung wirtschaftlich nicht tragfähig sei. Die Gremien der Berliner Liegenschaftspolitik haben noch keine Entscheidung über die Entwicklung des Standortes getroffen. Klar ist laut der BIM bisher nur, dass das Mietniveau steigen werde.

„Wenn die Mieterschaft gekündigt wird, steht das Gebäude wieder leer“, sagt Rats-Sprecherin Kroner. Sie hat früher auch im Atelierhaus gearbeitet, gehörte sogar zu den ersten Künstlerinnen am Standort. „In den 2000er Jahren herrschte dort weitestgehend Leerstand“, erzählt sie. Das hatte sich unter Kunstschaffenden herumgesprochen. In den Folgejahren hätten sie das Haus belebt. Investiert habe die BIM in das Gebäude seitdem nicht.

Selbstverwaltung als Alternative

Eine große Sanierung bräuchte es laut Kroner aber auch nicht. Die baulichen Mängel könnten günstiger behoben werden. „Mit den Mieterinnen und Mietern wird allerdings nicht über alternative Konzepte gesprochen“, meint Kroner. Ihrer Meinung nach bietet sich eine Selbstverwaltung an.

„Mit uns redet bisher niemand“, sagt Ralph Etter. Der Dokumentarfilmer und Regisseur hat aus der Kiefholzstraße schon viele Geschichten recherchiert. Er sitzt ebenfalls im dritten Stock, zwei Flurecken entfernt von Lambachs Sound-Label. „Wir haben nur das Kündigungsschreiben erhalten. Weiterer Kontakt bestand nicht“, sagt er.

Etter teilt sich sein Büro mit dem Tatort-Drehbuchautor Dietrich Brüggemann und zwei weiteren Filmemachern. Umgeben von Pflanzen, gerahmter Kunst, E-Gitarren und chaotischen Bücherregalen arbeiten sie bald zwei Jahrzehnte zusammen. „Natürlich können wir auch von zu Hause aus schreiben. Aber da werde ich einfach nicht kreativ“, erklärt Etter. Brüggemann steigt ins Gespräch ein und ergänzt: „Gleichzeitig können wir uns hier einrichten und sitzen nicht an einem anonymen Schreibtisch in einem Co-Working-Space.“

Die kurze Frist halte ich für absolut unsozial

Anselmo Fox

Die beiden Filmemacher wollen sich bisher nicht mit dem bevorstehenden Auszug befassen: „Wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist“, sagt Brüggemann. Eine gute Sache habe die Kündigung außerdem für sich: „Wir kennen jetzt alle Parteien im Haus. Wir organisieren uns gemeinsam gegen die Räumung – da entsteht wieder eine Gemeinschaft.“

Mehr zum Thema

0 Kommentare