Artenvielfalt und Unternehmen: Vogelzählen als Geschäftsmodell
Wissenschaftler arbeiten intensiv an besseren Methoden, um Biodiversität zu messen. Daraus entstehen erste Geschäftsmodelle für Start-ups.
Wie stark hängen Unternehmen von der Artenvielfalt ab – und wie sehr beeinflusst ihr Wirtschaften diese Vielfalt? Der am Montag erscheinende Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES beleuchtet diese Fragen. Ähnlich wie der IPCC für die Klimapolitik liefert IPBES den Regierungen die Basis für ihre Naturschutzstrategien.
Und auch Unternehmen haben die Relevanz der IPBES-Forschung für sich entdeckt: „Wir haben in Daten des Fisch-Monitorings schon vor zwei Jahren abgelesen, dass die Bestände des Atlantischen Kabeljaus in Gefahr geraten würden“, sagt Julius Palm, stellvertretender Geschäftsführer des Lebensmittelproduzenten followfood. Man habe die Lieferkette auf Pazifischen Kabeljau umgestellt – „ein sehr aufwändiger Prozess“, so Palm. Als im Sommer 2025 die offiziellen Zahlen die Überfischung des Atlantischen Kabeljaus zeigten, „da waren wir schon woanders“, so Palm.
Während die schwarz-rote Bundesregierung und die EU-Kommission Gesetze zum Schutz der Biodiversität als Hindernis für Wirtschaftswachstum betrachten und sie im Infrastruktur-Zukunftsgesetz oder der Reform der Wasserrahmenrichtlinie abschwächen wollen, sieht followfood in der Artenvielfalt die Grundlage seines Geschäfts. „Je mehr Biodiversität ein Ökosystem hat, desto stabiler ist unsere Lebensmittelproduktion“, erklärt Palm. „Der Faktor Biodiversität ist entscheidend dafür, wie wir langfristig planen und wirtschaften können.“
Da sich Artenvielfalt schwer messen lässt, arbeitet followfood „input-basiert“: Es prüft also, welche Bewirtschaftungsformen die Biodiversität fördern. „Die Böden von biologisch zertifizierten Landwirtschaftsbetrieben weisen nachweisbar mehr Bodenlebewesen auf als die konventioneller“, so Palm, „und nicht selektive Fangmethoden mit viel Beifang verursachen die größten Schäden in den Fischbeständen, darum wird unser Thunfisch per Hand gefangen.“
Auch der Regensburger Projektentwickler Ratisbona berücksichtigt bei der Planung der Gebäude für große Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Penny Naturschutzanliegen. „Der größte Hebel sind die Außenanlagen“, sagt Julia Vesenjak, Nachhaltigkeitsmanagerin des Familienunternehmens. Parkplätze und Freiflächen um Einkaufsmärkte machen zwei Drittel der Gesamtfläche aus. „Wir planen dort grundsätzlich mit Blühwiesen, Habitatszonen, Steinhaufen, Sträucher, die der natürlichen Flora und Fauna vor Ort entsprechen“, so Vesenjak.
Gleiche Problemstellung wie bei der Klimakrise
Draußen Blühwiesen, drinnen Produkte der konventionellen Lebensmittelindustrie. Es wiederhole sich bei der Biodiversität „die Problemstellung, die wir bei der Klimakrise beobachten: Langfristige Risiken werden gegen kurzfristige Entlastung ausgespielt“ heißt es vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft, „das Thema bekommt keine Agenda.“ Gesetzgeberisch sei in den letzten Jahren zu wenig passiert. „Das EU Nature Restoration Law und die Nationale Biodiversitätsstrategie sind klar in der Problemanalyse“, so der Wirtschaftsverband, „in der praktischen Umsetzung steckt das Thema in den Kinderschuhen.“
Dabei machen Messung und Monitoring von Biodiversität Fortschritte. Anders als Treibhausgasemissionen, die sich pro Tonne CO₂ darstellen ließen, sei „Artenvielfalt komplexer, schwerer auf eine Kennzahl herunterzubrechen“, sagt Julia Roblick, beim Start-up Hula Earth für Geschäftsentwicklung zuständig. Das Münchner Unternehmen nutzt Sensoren und Satelliten, um mit KI Vorkommen von Vögeln oder Fledermäusen zu erfassen.
Vor allem Unternehmen sowie Betreiber von Solar- und Windparks beauftragen Hula Earth, um die Biodiversität ihrer Standorte zu prüfen. Das Start-up überwacht inzwischen rund 10.000 Hektar. „Wir versuchen, es für die Unternehmen so einfach zu möglich zu machen“, sagt Roblick, „wir tracken viele Indikatoren, versuchen diese aber zu verheiraten.“ Am Ende komme dann doch so etwas wie eine Kennzahl für Biodiversität heraus.
Für verlässliche Aussagen sei es jedoch entscheidend, über lange Zeiträume mit denselben Methoden zu messen, betont Jörg Kleinschmit, Leiter der Abteilung Waldnaturschutz der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Er war Teil der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „NabioWald“, die ein nationales Biodiversitätsmonitoring für Wälder entwickelt hat.
Es baut auf bestehenden Monitoringansätzen auf, etwa der Bundeswaldinventur oder dem Brutvogel-Monitoring. Bislang würden die Daten einzeln erfasst, aber nicht zusammengeführt, sagt Kleinschmit. Dies solle sich künftig ändern: „Wir müssen Biodiversitätselemente und die sie beeinflussenden Treiber gemeinsam erheben, um Ursache-Wirkungsbeziehungen klarzumachen“, sagt der Forstwissenschaftler. So erfasse das Monitoring häufiger Brutvögel bislang nicht, in welchen Wäldern gezählt würden. „So sehen wir, dass die Zahl einzelner Arten sinkt oder steigt, aber wir wissen nicht, warum“, so Kleinschmit. Werde der Wald dunkler und dichter oder fehlten Waldränder als Übergang zum Offenland?
Das Interesse der Waldbesitzer am Artenmonitoring sei groß, doch zugleich fürchten sie, dass seltene Arten ihre Nutzungsmöglichkeiten einschränken könnten. Hier setzt die „Inwertsetzung“ von Ökosystemdienstleistungen an. „Wir müssen definieren, was uns gesellschaftlich der Schutz der Biodiversität, die Leistungen des Waldes als CO2- und Wassersenke und seine Erholungsfunktion wert sind“, sagt Kleinschmit. „Finanzielle Anreize für die Waldbesitzenden wären wünschenswert.“
Den Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES werden sich der Forstmann Kleinschmit sowie die Manager Palm und Vesenjak genau anschauen. „Wir müssen Entwicklungen im Blick haben, sowohl fachlich als auch ihr Einfluss auf die Regulatorik“, sagt Vesenjak, „das ist Teil unseres Risikomanagements“.
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