Argentinien 50 Jahre nach dem Putsch: „Gegen die Industrie in Argentinien“
Ökonom Letcher erklärt, wie die Militärdiktatur Industrie und Arbeiter systematisch schwächte. Er sieht Parallelen zur Politik von Präsident Milei.
Foto: Eduardo Comesaña/getty images
taz: Herr Letcher, am 24. März jährt sich der Militärputsch in Argentinien zum 50. Mal. Es folgten eine brutale Diktatur sowie die Umsetzung einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Was war das Neue an dieser Politik?
Hernán Letcher: Die Militärs, die sich an die Macht geputscht hatten, sahen die organisierte Arbeiterklasse als das zentrale Problem. Daraus leiteten sie ein Projekt ab, dessen Ziel es war, die Macht der Arbeiter zu brechen und sie dauerhaft in eine untergeordnete Position zu drängen. Zugleich identifizierten sie die industrielle Arbeiterschaft als Machtbasis und verfolgten deshalb eine klar industriefeindliche Politik. Das unterschied sie von früheren Militärregierungen, die die Industrie nicht zerstören wollten. Die Diktatur ab 1976 setzte genau dort an.
taz: Welche Rolle spielte dabei Wirtschaftsminister José Martínez de Hoz?
Die Militärs, die sich an die Macht geputscht hatte, sahen die organisierte Arbeiterklasse als das zentrale Problem. Daraus leiteten sie ein Projekt ab, dessen Ziel es war, die Macht der Arbeiter zu brechen und sie dauerhaft in eine untergeordnete Position zu drängen. Zugleich identifizierten sie die industrielle Arbeiterschaft als Machtbasis und verfolgten deshalb eine klar industriefeindliche Politik. Das unterschied sie von früheren Militärregierungen, die die Industrie nicht zerstören wollten. Die Diktatur ab 1976 setzte genau dort an.
Letcher: Martínez de Hoz war ein Zivilist und eng mit den wirtschaftlichen Eliten verbunden. Der wirtschaftspolitische Kurs kam daher aus dem zivilen Teil des Regimes, nicht aus dem militärischen. Das ist einer der Gründe, warum es sich um einen zivil-militärischen Putsch handelt. Profitiert haben auch die Unternehmer, die in vielen Fällen am Verschwindenlassen von Menschen beteiligt oder dafür verantwortlich sind.
taz: Zu welchen Maßnahmen griff Martínez de Hoz?
Letcher: Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten die Freigabe der Preise, der Abbau von Importbeschränkungen und das Einfrieren der Löhne für 90 Tage. Dadurch geriet die nationale Industrie massiv unter Druck, während die Arbeiterschaft erhebliche Reallohnverluste hinnehmen musste. Der Lohnstopp führte zu einem Kaufkraftverlust von rund 30 Prozent sowie zu einem Rückgang des Lohnanteils am Gesamteinkommen um etwa 20 Prozent.
taz: Sehen Sie Parallelen zur heutigen Wirtschaftspolitik des libertären Präsidenten Javier Mileis?
Letcher: In der wirtschaftspolitischen Diagnose gibt es durchaus Ähnlichkeiten. Beide verfolgen das Ziel einer Stabilisierung im Dienste eines Modells, das nicht auf breite Teilhabe ausgerichtet ist. Milei kritisiert die Industrie als ineffizient und setzt auf Weltmarktöffnung und damit ebenfalls auf den Abbau von Importbeschränkungen. Auch die gegenwärtigen hohen Zinsen und Gewinne des Finanzsektors erinnern an die Politik der Diktatur. Zudem kommt es zu Kaufkraftverlusten, wenn auch indirekter als während der Diktatur. Etwa durch Reformen des Arbeitsmarktes, die Teile des Einkommens der Beschäftigten zugunsten von Unternehmen umverteilen. Die Mechanismen unterscheiden sich, die Richtung ist ähnlich.
taz: Sie sagten, das Ziel der Diktatur sei es gewesen, die Industriearbeiterschaft zu beseitigen. Mileis Politik läuft ebenfalls auf eine Reduzierung der Industriearbeiter hinaus. Ist das Absicht?
Letcher: Aus unterschiedlichen Gründen sind beide gegen die Industrie. Milei geht davon aus, dass Argentinien keine eigene Industrie benötigt. Er vertritt andere Interessen und setzt auf die CEOs globaler Tech-Konzerne. Daher stammt etwa die Idee, große Rechenzentren in Patagonien aufzubauen. Diese Tech-Milliardäre sind zugleich im Rohstoffsektor aktiv, da sie Kupfer, Lithium und Seltene Erden brauchen. Dieser Sektor ist weltweit besonders dynamisch, und Milei möchte ihn repräsentieren. Allerdings gibt es keine argentinischen Tech-Milliardäre dieser Größenordnung. Deshalb streitet er sich mit traditionellen Wirtschaftseliten, also jenen, die Martínez de Hoz an die Macht gebracht haben.
taz: Gibt es weitere Unterschiede?
Letcher: Klare Unterschiede bestehen im politischen Rahmen. Milei handelt innerhalb eines demokratischen Systems und muss Zustimmung zu seiner Wirtschaftspolitik erzeugen, während die Diktatur ihre Maßnahmen mit schierer Gewalt durchsetzte. Bislang ist Mileis Kommunikationsstrategie sehr erfolgreich. Es ist ihm gelungen, große Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sein Kurs funktionieren könnte.
taz: Während der Diktatur lag die jährliche Inflationsrate im dreistelligen Bereich. Milei hat sie in seinem zweiten Amtsjahr auf eine zweistellige Rate gesenkt. Zweifellos ein Erfolg.
Letcher: Vieles von dem, was wir heute sehen, ist in Argentinien nicht neu. Es erinnert sowohl an die Diktatur als auch an die 1990er Jahre. Milei war bislang erfolgreich bei der Inflationsbekämpfung, was jedoch auch mit veränderten globalen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Martínez de Hoz scheiterte unter anderem an externen Faktoren wie einem internationalen Zinsschock.
taz: Welche Rolle spielt der Staat in beiden Modellen?
Letcher: Bei beiden ist der Staat zentral. Allerdings nicht im Sinne einer sozialen Absicherung, sondern als Garant für die Kapitalinteressen. Während der Diktatur geschah dies direkt, etwa durch die Übernahme privater Unternehmensschulden durch den Staat. Heute erfolgt dies indirekter, etwa durch politische Maßnahmen, die großen Unternehmen hohe Gewinne ermöglichen.
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