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Über Streik, schlechte Witze und die AfDAufs Glatteis geführt

Die Bauern und Lokführer zwingen uns aufs Rad. Die AfD die bürgerliche Mitte endlich aktiv zu werden. Und Jo Koy wirft Witzeschreiber untern Bus.

Jo Koy macht bei den GOlden Globes sexistische Witze – und schiebt die Schuld dann auf andere Foto: rtr

t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Wen von „Remigration“ gefaselt, statt „Deportation“ benannt wurde.

Und was wird besser in dieser?

Bewusstsein darüber.

Landwirte blockieren Straßen, auf den Schienen streikten die Lokführer. So manch einer musste bei Minustemperaturen und Glatteis aufs Fahrrad umsteigen. Wo liegen die Grenzen des Arbeitskampfs?

Wenn man die Zehen nicht mehr spürt oder bei der Arschbombe auf die Hüfte knallt. In der vielstimmigen Empörung allerseits begegnen einander zwei hübsch absurde Spießbürgereien: Einerseits die Idee, es dürfe nur gestreikt werden, wenn’s keiner merkt. Andererseits Weltuntergangsfantasien, wenn die Demokratie mal rustikal vor die Leitplanken dullert. Die Lokführer streiken für mehr Geld – Klassiker. Die Bauern schieben ihren Verteilungskampf der Politik in die Schuhe – auch nicht gerade neu. Dass solche traditionellen Konflikte mit Umsturzplänen und Systemopposition von rechts gedopt werden, ist wesentlich gefährlicheres Glatteis.

Südafrika wirft Israel Völkermord vor. Wird das Land mit seiner Klage vor dem Internationalen Gerichtshof Erfolg haben?

Hat bereits. Denn bisher hat Israel dem Gerichtshof gegenüber keine Unterwerfungserklärung abgegeben und erkennt seine Zuständigkeit nicht an. Allein in Israels Mitwirkung am Verfahren liegt also ein Erfolg für die universellen Menschenrechte. Nun nimmt man ein hohes Risiko, denn der Prozess watet knietief im Konjunktiv: Im Eilverfahren genügt der Verdacht, Handlungen Israels fielen unter die Völkermord-Ächtung. Dieser Verdacht lässt sich aus Äußerungen von Koalitionsparteien, Ministern und Armeevertretern Israels plausibel montieren. Womöglich wird sich in vielen Jahren im Hauptsacheverfahren herausstellen, dass völkermörderische Absichten erklärt, Taten jedoch nicht nachgewiesen wurden. Israel wird einen Freispruch akzeptieren oder einen Schuldspruch ignorieren.

Bei den Golden Globes sorgte Moderator Jo Koy mit sexistischen Witzen für Kopfschütteln. Hat die Filmwelt denn nichts aus den feministischen Statements von „Barbie“ gelernt?

Steve Martin, Whoopi Goldberg und Howard Stern sprangen Koy inzwischen bei: Preisverleihungen sind notorische Minengürtel für Moderatoren; im Saal sitzen ausschließlich Leute, die es ihrer Meinung nach besser könnten. Und in der Regel geben die Hosts ihnen tatkräftig recht. Koy hatte die suizidale Bonusidee, seine Witzeschreiber vor den Bus zu werfen: Ihr Streik sei schuld an seinem lausigen Monolog. Das war der kürzeste Weg zum Buhruf.

Eine Correctiv-Recherche hat enthüllt, dass AfD-Politiker, Neonazis und reiche Unternehmer im November in einem Hotel in Potsdam zusammengekommen sind, um die Deportation von Millionen von Menschen aus Deutschland zu planen. Was spricht dafür, die AfD nun endlich zu verbieten?

Die Trägheit der Masse. Die Recherche ist verdienstvoll – doch jedes andere Ergebnis hätte mehr verblüfft: „AfD und Werte-Union reden nicht mit rassistischen Vollspinnern“ wäre die größere Überraschung gewesen. Schwingt sich der Rechtsmorast zum Regieren auf, wird also als Erstes ungefähr das komplette Ruhrgebiet deportiert, samt vieler AfD-Wähler. Dass sich nun Widerstand in der Mitte regt, ist ein überfälliges Zeichen. Demokratie ist, was man daraus macht. Ein Verbot ist juristisch heikel, Wasser auf die Mühlen der AfD und ersetzt keinen Bewusstseinswandel.

Apropos AfD: Sahra Wagenknecht hat offiziell ihre Partei gegründet. Ist sie vielleicht das Wundermittel gegen rechts?

Noch nicht oder schon nicht mehr: 4 Prozent sagt die jüngste Forsa-Umfrage der Stiftung Wagenknecht voraus, in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Vor den Wahlen dort im September wird die Europawahl im Mai die Frage vorentscheiden. Also die, ob rechts ein Wundermittel gegen rechts ist.

Franz Beckenbauer ist tot. Was halten Sie davon, wenn die Allianz-Arena in München ihm zu Ehren einen neuen Namen erhält?

Beim Drittligisten Rot Weiss Essen wurde das Stadion durch Fundraising auf einen Traditionsnamen umgetopft. Von Fans. Das sind so Leute, die ihren Club unabhängig vom Erfolg supporten, um es Bayern zu erklären.

Und was machen die Borussen?

Dortmunds Marco Reus ist knapp ein Jahr jünger als der Bundestrainer. Erzielt aber deutlich mehr Tore. Fragen: Clara Löffler

Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und wechselt aufs Mountainbike.

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Friedrich Küppersbusch
Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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1 Kommentar

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  • Da waren sie in unserem Dorf schon schneller: bei uns im Freibad gibt es jetzt ein Beckenbauerbecken.