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Die WahrheitVorweihnachtlicher Schnippelschnack

Der letzte Schnitt des Jahres führt weit in die Vergangenheit, in der noch mehr gesoffen wurde, Friseure aber auch so manche Leiche im Keller hatten.

B eim Weihnachtsschnitt kam Burghard auf das beliebte Thema „Früher wurde mehr gesoffen“. Er, der bereits in der vierten Generation Friseurmeister ist, wie die historischen Meisterbriefe der „Perückenmacher- und Friseur-Innung“ an der Wand bezeugten, erzählte, dass die Kunden einst mittags schon mit Likör- und Sektflaschen im Laden erschienen wären.

Damals hätte sein Vater nach zwölf Uhr oft nur noch mit einem offenen Auge um die Ohren herumgeschnippelt. Als kleiner Junge hätte er selbst dann die Reste aus den Gläsern lecken dürfen. „Schlehenfeuer!“, rief sich Burghard entsetzt einen furchtbar süßen Fruchtlikör in Erinnerung. Die alte Schule des Alkohols.

Als Kind hätte ich mich vor meinem Friseur gegruselt, entgegnete ich. Nur widerwillig ging ich einmal im Monat zum Haareschneiden, denn der Bär von einem Kerl schwankte schon am helllichten Tag dicht und duhn durch seinen Salon. „Der darf das“, erklärte mein Vater konziliant, „der frisiert Leichen.“

Wenn es Unfallopfer gab, wurde der Coiffeur immer benachrichtigt, um den Verblichenen in der Leichenhalle mit seiner Schere ein letztes würdiges Aussehen zu verpassen. Heutzutage übernehmen solche Restaurationsarbeiten Bestatter. Ich aber stellte mir immer vor, dass im Friseurstuhl zuletzt eine Leiche gesessen hatte, die mich aus dem Spiegel bleich angrinste.

Einmal, drehte der Anekdotenmeister Burghard die Früher-Schraube in eine andere Richtung, hätten sein Vater und er den Keller aufgeräumt. Plötzlich seien sie auf eine Kiste gestoßen. Nun ja, Werkzeuge, habe er gedacht, aber es waren vor allem Zangen, um Zähne zu ziehen, wie sein Vater ihm vorführte. Der Urgroßvater wäre nämlich noch „Bader“ gewesen und hätte nicht nur Haare geschnitten, sondern eben Zähne „gebrochen“, wie es damals hieß. Burghard schüttelte sich mit einem wohligen Schauder.

Das, konterte ich, hätte ich einmal selbst gesehen! In Indien. Wir liefen durch die Millionenstadt Thiruvananthapuram und gelangten an die „Straße der Friseure“, wie unser Begleiter erläuterte. Die Haarschneider hatten allerdings keine festen Läden, sondern einfach auf dem Bürgersteig ihr Equipment ausgebreitet, Dutzende nebeneinander. Bei einem hatte sich ein Pulk von Zuschauern gebildet, elendes Stöhnen drang aus der Mitte. Der Friseur war gerade dabei, mit einer rostigen Zange einen Zahn nach dem anderen zu entfernen.

Säuberlich aufgereiht lagen auf der Straße vor ihm ein paar Gebisse. „Die sind von Toten“, versicherte unser Begleiter, während der Meister der Zahnheilkunst seinem Kunden verschiedene anprobierte. Als eines halbwegs passte, füllte er die restlichen Lücken mit Stroh.

Burghard, der ein großer Fan der Ärzte ist, also der Berliner Band, schüttelte sich erneut heftig. Er nennt sich gern „Haardoktor“, ist aber schon sehr froh, dass er keine Zähne brechen muss. Und ich bin inzwischen ein großer Fan der Zahnärzte.

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Michael Ringel
Wahrheit-Redakteur
Jahrgang 1961, lebt in Berlin-Friedenau und ist seit dem Jahr 2000 Redakteur für die Wahrheit-Seite der taz.
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1 Kommentar

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  • "Was Friseure können, können nur Friseure",



    danke, denn es scheint manchmal so, als gäbe es nichtmal mehr einen Grund zu Kichern.