Beerdigung von Wagner-Chef Prigoschin: Ein Verwirrspiel bis ins Grab
Am Tag nach der Beerdigung von Söldnerchef Prigoschin deutet der Kreml erstmals an, dass sein Flugzeugabsturz kein Unfall war.
Einzelne Männer und Frauen legen Nelken ab und wundern sich darüber, dass „so wenig Menschen dem größten Patrioten Russlands die letzte Ehre erweisen wollen“. So äußern sie sich in die Kameras der Petersburger Journalist*innen des unabhängigen Mediums „Fontanka“. Die meisten russischen staatlichen Fernsehsender schenken Prigoschins Beerdigung keine Beachtung.
Am Tag zuvor war der „Held Russlands“, zu dem der russische Präsident Wladimir Putin Prigoschin einst – im Geheimen – gemacht hatte, in „geschlossener Runde“ beigesetzt worden. Die Verwandtschaft habe keine Öffentlichkeit gewollt, hatte es im offiziellen Telegram-Kanal des zeitweiligen Rebellen geheißen. Putin hatte rechtzeitig mitgeteilt, er werde nicht zugegen sein. Prigoschin liegt nun neben seinem Vater auf einem Friedhof, der lange Zeit für die Beerdigungen von Arbeitern einer nahen Sprengstofffabrik benutzt wurde.
Seit Tagen war in Russland spekuliert worden, wo und wie Prigoschin beerdigt werden würde. Der skrupellose Chef der Gruppe Wagner war am vergangenen Mittwoch mitsamt einiger Führungspersonen seiner Paramilitärs bei einem Flugzeugabsturz in der russischen Region Twer ums Leben gekommen.
Moskau schließt Absicht hinter Absturz nicht aus
Beobachter*innen in- und außerhalb Russlands sprachen schnell von einer Rache des Kremls. Über die Ursache, warum die Embraer-Maschine mit zehn Menschen an Bord vom Himmel taumelte, ist weiterhin nichts bekannt. Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wies solche Behauptungen sogleich als „absolute Lüge“ zurück. Zugleich ließ er am Mittwoch erstmals durchklingen, dass der Absturz des Flugzeugs absichtlich herbeigeführt worden sein könnte. „Es ist offensichtlich, dass verschiedene Versionen in Erwägung gezogen werden, einschließlich der Version – Sie wissen, worüber wir sprechen –, sagen wir mal: einer absichtlichen Grausamkeit.“ Russland will den Absturz „vorerst“ nicht nach internationalen Regeln untersuchen.
Am Tag von Prigoschins Beerdigung spielte sich in Sankt Petersburg eine regelrechte Maskerade ab. An unterschiedlichen Friedhöfen der Stadt waren Polizeiwagen postiert, Metalldetektoren waren an den Eingängen aufgestellt worden, Menschen in Schwarz eilten durch die Tore, Leichenwagen fuhren hinein, sie fuhren wieder hinaus, Journalist*innen waren nicht zugelassen.
Viele Beobachter*innen waren davon ausgegangen, Prigoschin werde auf dem Seraphim-Friedhof im Nordwesten der Stadt beerdigt. Das ist ein Friedhof, wo viele namhafte sowjetische und russische Militärs begraben sind. Als „Held Russlands“ hätte der Abgestürzte eigentlich mit militärischen Ehren beerdigt werden müssen, samt Militärgarde, Militärkapelle und Salutschüssen.
Gescheiterte Mini-Meuterei
Durch seine gescheiterte Mini-Meuterei in diesem Juni, als Prigoschin mit Tausenden seiner Kämpfer einen Marsch auf Moskau geplant und schnell wieder abgeblasen hatte, war er in den Augen Putins zum Verräter geworden. Merkwürdig verklausuliert hatte der Kremlherrscher gesprochen, als er nach Prigoschins Absturz sein Beileid ausdrücken wollte, und war rasch zur Tagesordnung übergegangen. Prigoschin sollte schnell verscharrt werden und noch schneller vergessen sein.
Ein stark bewachter Friedhof und Behörden, die immer wieder Dinge mitteilen, die sich schnell als Tarnmanöver entpuppten. Letzlich lief die Beerdigung geradezu im Geiste Prigoschins ab: verwirrend-grotesk. Der russische Journalist Dmitri Kolesew spottete: „Es bliebe nur, dass Prigoschin an seinem eigenen Grab auftaucht und darauf Blumen ablegt.“
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