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Arbeit im Anarchokapitalismus: Reifen pressen, das hieß Aufstieg
Argentinien erlebt einen radikalen wirtschaftlichen Umbau. Eine Reifenfabrik zeigt, wer den Preis für Präsident Javier Mileis Reformen zahlt.
W enn Alejandro Assuma für Uber fährt, beginnt sein Arbeitstag meist erst dann, wenn andere Feierabend haben. Dann schiebt sich der 49-Jährige mit dem Auto durch den dichten Verkehr von Buenos Aires. Motorräder schlängeln sich zwischen den Autos hindurch, Fahrer:innen hupen. Ein Signalton aus seinem Handy kündigt die nächste Fahrt an. Assuma öffnet die Uber-App und tippt auf „Aceptar“. So erzählt er es später. Je größer die Nachfrage, desto besser die Bezahlung. Ein paar Euro bringt ihm die Fahrt umgerechnet ein.
Noch vor wenigen Monaten arbeitete Alejandro Assuma in einer Fabrik. 21 Jahre lang stellte er dort Reifen her. Er arbeitete in der Vulkanisation, dem Produktionsbereich, in dem Autoreifen unter Hitze und Druck ihre endgültige Form erhalten. Assuma bediente diese Pressen, das war harte körperliche Arbeit. Im Sommer stieg die Hitze in der Halle auf mehr als 50 Grad, dazu der Geruch von heißem Gummi. Die Maschinen laut, die Schichten lang. Aber Assuma erinnert sich gern an diese Zeit. „Die Fabrik war wie ein zweites Zuhause“, sagt er.
Die Fabrik gab Assumas Leben einen festen Rhythmus. Sie ermöglichte ihm ein Auto und die Gewissheit, dass am Monatsende ein Gehalt überwiesen wird. Sie machte ihn zum Teil der argentinischen Industriearbeiterschaft, die lange zu den bestbezahlten Beschäftigten des Landes gehörte, mit den stärksten Gewerkschaften. Auch Assuma engagierte sich in der Sutna, der Gewerkschaft der Reifenarbeiter:innen, sie gilt als eine der kämpferischsten Argentiniens.
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Als er im Februar 2026 nach dem Urlaub zur Arbeit erschien, war das Eingangstor seiner Reifenfabrik verschlossen. „Der Betrieb des Werks wird ab sofort eingestellt“, war auf einem Schild zu lesen. Ohne Vorwarnung erfuhren die 920 Arbeiter:innen auf diese Weise, dass sie arbeitslos waren. „Das war ein harter Schlag“, sagt Assuma zwei Monate später vor dem Tor, an dem weiterhin eine dicke Kette hängt. „Ich habe fast die Hälfte meines Lebens hier gearbeitet“, sagt er und blickt durch das Gitter auf die Fabrik.
Fate, das bedeutete Aufstieg
Die Fate-Fabrik in San Fernando, etwa 30 Kilometer nördlich des Zentrums von Buenos Aires, gehört zu den traditionsreichsten Industriebetrieben Argentiniens. Ihre Ursprünge reichen bis in die frühen 1940er Jahre zurück, als das Land begann, eine eigene industrielle Basis aufzubauen. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Argentinien unter Präsident Juan Domingo Perón auf ökonomische Unabhängigkeit: Was zuvor aus Europa oder den USA eingeführt worden war, sollte künftig im eigenen Land produziert werden. Hohe Zölle und Importbeschränkungen schützten die heimische Industrie vor ausländischer Konkurrenz. In dieser Zeit entstanden Fabriken wie Fate, die über Generationen hinweg Tausenden Familien Arbeit gaben.
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Mit der Industrialisierung erstarkte die argentinische Arbeiterklasse. Starke Gewerkschaften erkämpften Tarifverträge, Sozialleistungen und vergleichsweise hohe Löhne. Die Anstellung bei Fate bedeutete für viele einen Aufstieg in die Mittelschicht.
Assuma arbeitet, seit er 16 Jahre alt ist. Als sein Vater starb, musste er sich einen Job suchen. Er fing als Pizzabäcker an, dann wechselte er zu einem Schlüsseldienst. Schließlich machte er eine Ausbildung als Kältetechniker, installierte Klimaanlagen und wartete Kühlschränke. Nach vielen Gelegenheitsjobs erreichte er als 28-Jähriger in der Reifenfabrik einen guten Lebensstandard. „Wir waren nie reich“, sagt er. „Aber wir konnten einmal im Jahr in den Urlaub fahren.“
Für Paula Varela, Soziologin am Conicet, dem nationalen Forschungsrat Argentiniens, und Professorin an der Universität von Buenos Aires, ist die Schließung der Fate-Reifenfabrik Teil einer historischen Entwicklung. Sie spricht von einer „dritten neoliberalen Welle“ in Argentinien. Die erste begann mit der Militärdiktatur 1976, die zweite in den 1990er Jahren unter Präsident Carlos Menem, die dritte erlebe das Land heute unter Präsident Javier Milei. Varela erkennt in diesen Phasen ein wiederkehrendes Muster: die Öffnung der Wirtschaft für internationale Konkurrenz, die Stärkung des Finanzsektors und Angriffe auf die Organisationsmacht der Arbeiterbewegung. „Wenn man sich anschaut, wie die Arbeiterklasse heute angegriffen wird, findet man dieselben Elemente wie damals wieder“, sagt sie.
Javier Milei bezeichnet die Vertreter:innen der Gewerkschaften als „Diebe“, „Parasiten“ und als eine „Mafia“. Er stellt sie als privilegierte Elite dar, als eine „Kaste“, die sich auf Kosten der Arbeiter:innen bereichert. Im Februar brachte seine Regierung eine umstrittene Arbeitsmarktreform mit dem Titel „Arbeitsmodernisierung“ durchs Parlament, die die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gezielt schwächt.
So sollen etwa betriebliche Vereinbarungen Vorrang vor nationalen Tarifverträgen erhalten, gewerkschaftliche Aktivitäten im Betrieb eingeschränkt und das Streikrecht beschnitten werden. Außerdem sollen der Kündigungsschutz geschwächt, die Wochenarbeitszeit erhöht und Lohnzahlungen in Sachleistungen erlaubt werden.
Die Reallöhne sinken, die Armut steigt
In Deutschland wird Javier Milei von vielen liberalen Ökonom:innen als Vorbild gefeiert. Sie loben seinen radikalen Sparkurs und verweisen auf den Rückgang der Inflation und den ausgeglichenen Staatshaushalt. Aber Mileis Modell hat eine Kehrseite: Die Reallöhne sinken, die Armut steigt und Fabriken schließen.
Milei will die argentinische Wirtschaft für den internationalen Wettbewerb öffnen. Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 hat die Regierung zahlreiche Importbeschränkungen gelockert und Zölle gesenkt, die heimische Produzenten jahrzehntelang vor ausländischer Konkurrenz geschützt hatten. Ziel ist es, Preise zu senken, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen und den Konsument:innen günstigere Produkte anzubieten. Tatsächlich sind viele Importwaren billiger geworden. Für zahlreiche Industrieunternehmen bedeutet die Marktöffnung jedoch einen verschärften Konkurrenzdruck – insbesondere durch Produkte aus Asien, die dort deutlich günstiger hergestellt werden.
Fate begründet die Schließung der Reifenfabrik in San Fernando mit der Konkurrenz durch billige Importe, vor allem aus China. In der Tat stiegen die Importe zwischen 2024 und 2025 um fast 25 Prozent. Für Soziologin Varela steht die Fabrik exemplarisch für einen strukturellen Wandel: „Am Anfang betraf die Deindustrialisierung vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Inzwischen trifft sie auch große Betriebe.“ Dass ein Unternehmen dieser Größenordnung schließt, wertet sie als Zeichen einer beschleunigten Deindustrialisierung der argentinischen Wirtschaft. Seit Mileis Amtsantritt haben mehr als 26.000 Unternehmen geschlossen, darunter über 2.400 Industrieunternehmen. 73.000 Arbeitsplätze in der Fertigung gingen verloren. Viele sprechen von einem „industricidio“, einer Vernichtung der Industrie.
Anders als Vorgängerregierungen ergreift Milei keine staatlichen Maßnahmen, um argentinische Industriebetriebe zu retten. Bei einer Veranstaltung der Fundación Libertad verteidigte Milei seine Politik der Marktöffnung und Deregulierung und griff dabei große Industrieunternehmer an, die seiner Ansicht nach vom staatlichen Protektionismus profitiert hätten. Ohne den Besitzer von Fate, Javier Madanes Quintanilla, ausdrücklich zu nennen, fragte er, warum der Staat „ineffiziente und korrupte Unternehmer“ schützen solle. „Oder ist es etwa gerecht, viermal so viel für Reifen zu bezahlen?“, fragte Milei.
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An einem wolkigen Morgen stehen vor dem verschlossenen Werkstor von Fate einige Zelte. Arbeiter sitzen auf Plastikstühlen, trinken Mate und diskutieren über Gerichtsverfahren, Politik und die nächste Protestaktion. Seit der Schließung der Fabrik kommen sie jeden Tag hierher. Manche verbringen die Nacht auf dem Gelände, andere erscheinen morgens und bleiben bis zum Abend.
Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben
Einer von ihnen ist Mauro Quinteros. Der 35-Jährige begann während der Coronapandemie bei Fate zu arbeiten. Damals, als viele Betriebe ihre Produktion einstellten, liefen die Maschinen hier weiter. „Es gab immer Arbeit, wir haben immer produziert“, sagt er. Deshalb glaubt er nicht, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten der Grund für die Schließung waren. Für Quinteros ist Fate zum Symbol eines politischen Konflikts zwischen den Interessen der argentinischen Unternehmer, der Regierung und der Gewerkschaft geworden. Während er spricht, läuft hinter ihm ein Kollege mit einem Karton Konserven vorbei. Das Mittagessen für die Arbeiter:innen wird durch Spenden finanziert.
Die Unterstützung kommt von anderen Gewerkschaften, Studierendenorganisationen, Nachbarschaftsinitiativen und linken Parteien. Ohne diese Solidarität, sagt Quinteros, hätten sie nicht so lange durchgehalten. Sie haben seit Monaten kein reguläres Einkommen mehr. Wer kann, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch.
„Alle sind jetzt bei Uber“, sagt Quinteros und lacht kurz, bevor sein Gesicht wieder ernst wird. „Aber das ist keine Zukunft. Es gibt so viele Arbeitslose, dass wir uns gegenseitig die Fahrgäste wegnehmen. Die Fahrten sind so billig, dass am Ende kaum was übrigbleibt.“ Er arbeitete früher im Lager und bereitete die Reifen für den Versand vor. Heute verbringt er seine Tage zwischen dem Protestcamp und seinem Auto. Die Hoffnung auf eine Wiederöffnung der Fabrik hat er noch nicht aufgegeben.
Sozialwissenschaftler:innen sprechen von einer „Uberisierung“ der argentinischen Wirtschaft. „Die Desindustrialisierung geht mit einem Anstieg prekärer Arbeit einher“, sagt die Soziologin Paula Varela. „Wir beobachten eine Verschlechterung der Qualität der Beschäftigung.“ Während formelle Industriearbeitsplätze mit Vertrag, Krankenversicherung und Kündigungsschutz schwinden, wächst die Zahl der Menschen, die für digitale Plattformen wie Uber arbeiten und höheren Risiken ausgesetzt sind. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Arbeitsmarktreform von Milei. Sie enthält eine spezielle Klausel zu Plattformarbeit und erkennt diese ausdrücklich nicht als Arbeitsverhältnis an. Stattdessen soll die Beziehung zwischen dem Plattformarbeiter und der Plattform als zivil- oder handelsrechtlicher Vertrag eingestuft werden. „Diese Regelung ignoriert das asymmetrische Verhältnis der Parteien und entzieht den Beschäftigten jeglichen arbeitsrechtlichen Schutz“, sagt Varela.
Apps wie Uber seien auch der Grund dafür, dass die steigende Arbeitslosigkeit sich bisher nicht vollständig in den Statistiken ausdrückt. Wer für Uber fährt, gilt weiterhin als beschäftigt. „Wenn man einen ehemaligen Fate-Arbeiter für eine statistische Erhebung fragt, ob er Arbeit hat, antwortet er: Ja, ich fahre Uber“, erklärt Varela. In den offiziellen Erhebungen erscheint er deshalb nicht als arbeitslos.
Uber verhindere einen Aufstand
Tatsächlich hat die Plattformarbeit in Argentinien in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Ein Bericht des Forschungsnetzwerks Citta der Universität Buenos Aires mit dem Titel „Uberisierung der Arbeit in Argentinien (2016–2025)“ verzeichnet ein explosives Wachstum von 286 Prozent bei Post- und Kurierdiensten. 2025 arbeiteten dem Bericht zufolge mehr als 300.000 Menschen in Argentinien im plattformvermittelten Personentransport über Apps wie Uber, Cabify oder DiDi – mehr als in jedem anderen Bereich der Plattformarbeit. Die Forscher:innen des Berichts sprechen von einer Transformation ehemals abhängiger Beschäftigung in Formen „verdeckter Lohnarbeit“ ohne die entsprechenden Rechte und Sicherheiten. Arbeiter:innen würden als „Partner“ bezeichnet und müssen selbst die Risiken und die Kosten für Arbeitsmittel wie Fahrzeuge und Handys tragen. Trotz des Versprechens von „Freiheit“ und „Autonomie“ unterliegen die Arbeiter einer strikten algorithmischen Steuerung, heißt es weiter in dem Bericht.
Für Varela ist diese Entwicklung einer der Gründe, weshalb Argentinien trotz wachsender Deindustrialisierung bislang keinen sozialen Aufstand wie 2001 erlebt hat. Damals wurden Hunderttausende Menschen arbeitslos, gingen auf die Straße und besetzten Fabriken. Heute verlieren ebenfalls viele ihren Arbeitsplatz, finden aber zumindest irgendeine Einkommensquelle über digitale Plattformen. Die Arbeitslosigkeit wird dadurch abgefedert – weil ehemalige Fabrikarbeiter:innen zu Uber-Fahrer:innen werden. „Uber verhindert derzeit einen sozialen Aufstand“, sagt Varela.
Die Gewerkschaft Sutna fordert die Wiedereröffnung der Fate-Reifenfabrik. Sie setzt sich für die Verabschiedung eines Gesetzes in der Provinz Buenos Aires ein, das es der oppositionellen Provinzregierung ermöglichen würde, die Fate-Fabrik vorübergehend zu übernehmen und die Produktion wieder aufzunehmen. Sie argumentieren, dass Lkw- und Busreifen ein strategisches Gut in Argentinien seien. Die Provinz wird von Axel Kicillof regiert, einem wichtigen politischen Gegner von Milei. Außerdem hat die Gewerkschaft gegen das Unternehmen geklagt, damit es den Arbeiter:innen die Gehälter bis zum 30. Juni bezahlt.
Der Eigentümer von Fate, Javier Madanes Quintanilla, erstattete Strafanzeige gegen die Arbeiter:innen, die auf dem Werksgelände geblieben waren, um gegen die Schließung zu protestieren. Er wirft ihnen Hausfriedensbruch beziehungsweise widerrechtliche Besetzung vor. 24 Arbeiter wurden zu Vernehmungen vorgeladen, darunter mehrere Gewerkschaftsvertreter des Reifenarbeiterverbands Sutna. Die Beschäftigten weisen die Vorwürfe zurück und sprechen von einem Einschüchterungsversuch. Ein erster Räumungsbeschluss wurde nach einer Berufung ausgesetzt; später entschied ein Berufungsgericht zugunsten der Beschäftigten und stoppte die Räumung. Dennoch läuft das Strafverfahren weiter.
Er will ein argentinischer Arbeiter bleiben
An einem kalten Juninachmittag ziehen die Fate-Arbeiter durch das Zentrum von Buenos Aires zur Plaza de Mayo, dem Platz vor dem Präsidentenpalast. Mehr als 100 Tage ist die Fate-Fabrik bereits geschlossen. Vor den Arbeiter:innen wehen die schwarzen Sutna-Fahnen, dahinter laufen Familien mit Kindern, Rentnerinnen, Studierende. Auf Transparenten steht „Fate no se cierra“, Fate wird nicht geschlossen. Als die Demonstration die Plaza de Mayo erreicht, drängen sich die Menschen vor der Bühne. Unter den Rednern ist Alejandro Crespo, Generalsekretär der Sutna-Gewerkschaft. Seit Monaten gehört er zu den sichtbarsten Gesichtern des Konflikts. Als er ans Mikrofon tritt, wird es für einen Moment ruhiger.
Crespo spricht von den Familien der Entlassenen, von den Gerichtsverfahren gegen die Arbeiter und vom Kampf um die Wiedereröffnung der Fabrik. Er beschreibt den Kampf der Fate-Arbeiter:innen als einen Kampf um die Zukunft der Industriearbeit selbst. „Jeder Schritt, den wir gehen, ist ein Schritt dafür, dass diese Fabrik nicht nur uns Arbeit gibt, sondern auch unseren Kindern“, ruft er ins Mikrofon. Auch Alejandro Assuma ist mit seiner Frau und seiner Tochter zum Protest gekommen. Nachts und manchmal am Wochenende fährt er für Uber, eigentlich aber ist er schließlich Reifenarbeiter, argentinischer Industriearbeiter. Und das will er auch bleiben. „Meiner Tochter bringe ich bei, dass man immer kämpfen muss“, sagt er.
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