Apple-Serie „Der Therapeut nebenan“: An den Figuren vorbeierzählt

In der Apple-TV-Serie „Der Therapeut nebenan“ beutet ein Psychiater einen Patienten aus. Sie basiert auf einer wahren Geschichte.

Paul Rudd (l.) und Will Ferrell (r.) laufen auf einer Straße, rechts neben ihnen stapeln sich Zeitungen

Für ihren Witz bekannt: Paul Rudd (l.) und Will Ferrell (r.) Foto: AppleTV+

Was machen Will Ferrell und Paul Rudd in Achtziger-Jahre-Klamotten? Wer bei der Serie „Der Therapeut von nebenan“ an eine Art Fortsetzung der beiden albernen, aber durchaus kultisch verehrten „Anchorman“-Komödien denkt, sieht sich schnell getäuscht. Denn es handelt sich um die Adaption des erfolgreichen US-Podcasts „The Shrink Next Door“ – und statt schriller Kostüme und derber Gags ist ein eher bitterer Tonfall angesagt.

In besagtem Podcast berichtete vor zwei Jahren der Journalist Joe Nocera von einem faszinierenden Fall aus seiner Nachbarschaft. Diese Erzählper­spek­tive fällt nun in der fiktionalisierten Serien-Adaption weg (was den Titel im Grunde genommen unpassend macht), doch was den eigentlich Plot angeht, orientiert sich Autorin Georgia Pritchett recht gründlich an ihrer Vorlage beziehungsweise der Realität, denn der Podcast wiederum basiert auf wahren Begebenheiten.

Im New York der achtziger Jahre landet Marty Markowitz (Will Ferrell), der von seinen Eltern eine Stofffirma, ein Sommerhaus in den Hamptons und einen ordentlichen Batzen Geld geerbt hat, auf Drängen seiner Schwester Phyllis (Kathryn Hahn) beim Psychia­ter Dr. Ike Herschkopf (Paul Rudd). Marty ist der Typ naiv-neurotisches Riesenbaby, ein menschenscheuer Junggeselle, der sich von seinem Umfeld zu sehr auf der Nase herumtanzen lässt. Sein Therapeut soll ein bisschen Selbstbewusstsein aufbauen und die sozialen Fähigkeiten ausbauen, stattdessen wittert der manipulative Herschkopf seine Chance.

Erst sorgt er mit einer Mischung aus empathischem Charme und strafender Kälte dafür, dass Marty mit seiner Familie bricht, dann übernimmt er die Kontrolle im Unternehmen und zieht mitsamt Frau und Kindern ins luxuriöse Anwesen an der Küste, wo er seinen Patienten ins Gästehaus abschiebt.

Über 27 Jahre zog sich dieses emotional wie finanziell übergriffige und missbräuchliche Abhängigkeitsverhältnis zwischen Psychiater und Patient hin, woraus Pritchett, die auch schon für Serien wie „Veep“ und „Succession“ schrieb, acht durchschnittlich 40 Minuten lange Episoden macht. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob nicht womöglich eine Verdichtung auf Spielfilmlänge für diese Geschichte das bessere Format gewesen wäre als eine – wenn auch in sich abgeschlossene – Serie.

In der vorliegenden Form zumindest lässt „Der Therapeut von nebenan“, inszeniert übrigens von Michael Showalter und Jesse Peretz, ein paar Wünsche offen. Den Frauenfiguren etwa – neben der immer sehenswerten Hahn als Martys Schwester auch Casey Wilson als Herschkopfs Ehefrau – hätte man mehr Raum und Substanz gönnen dürfen.

Auch was das Jüdischsein der Protagonisten angeht, das immer wieder in den Vordergrund gerückt wird, hätte man mit Fragen nach Männlichkeit und dem Kontext von Therapie und mentale Gesundheit tiefer schürfen können. Wie es überhaupt der Serie, bei allem Interesse an den Mechanismen der Psychoanalyse, nie wirklich darum zu gehen scheint, in den Kern ihrer Figuren vorzudringen.

„Der Therapeut von nebenan“, acht Folgen, die ersten drei Folgen ab dem 12.11. bei Apple TV +

Dass sie dennoch sehenswert ist, liegt einerseits an den beiden Hauptdarstellern, die das – wechselweise ambitioniert und unentschlossen wirkende – Schwanken des Tonfalls zwischen schwarzem Humor und schmerzhafter Tragik überzeugend meistern. Und andererseits ist die Geschichte einfach zu verblüffend, schockierend und spannend, als dass man nicht staunend dabei zusehen wollen würde, wie sie sich entwickelt. Zumal wenn man mit dem ihr zugrunde liegenden Podcast nicht vertraut ist.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de