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Antifaschismus in Rheinland-Pfalz„Wir verstehen uns als Dorf-Antifa“

Die Weinstraßen-Antifa organisiert sich im pfälzischen Neustadt gegen Faschismus. Ein Gespräch über Dorf-Aktivismus, Weinschorle und die Rechten.

Spaziergänger in den Weinbergen in Rheinland-Pfalz Foto: Thomas Frey/dpa
Clara Dünkler

Interview von

Clara Dünkler

taz: Anna und Sebastian*, ihr seid bei der Weinstraßen-Antifa. Eine Weintraube mit Antifa-Flagge, das ist euer Logo. Gibt es auch einen Antifa-Soli-Wein?

Anna: Nein, noch nicht. Aber wir haben ein Dubbeglas mit unserem Logo drauf.

taz: Dubbeglas?

Anna: Also ein 0,5-Liter-Glas mit Vertiefungen für die Finger, damit es grifffester ist. Daraus trinkt man hier in der Region Weinschorle.

taz: Auch in eurem Namen steckt die Region. Wie ist die Weinstraßen-Antifa entstanden und warum?

Sebastian: Wir haben uns vor fünf Jahren gegründet, weil es hier in der Umgebung von Neustadt an der Weinstraße noch nichts in die Richtung gab. Obwohl es auch rechtsradikale Organisationen und Reichsbürger gibt. Der lll. Weg hat seinen Hauptsitz in Weidenthal, das ist direkt hier um die Ecke. Diese Gruppen haben wieder Aufschwung und wir dachten, da muss man dagegenhalten. Neustadter Antifa hätte als Name aber nicht gepasst, weil wir eher aus den drumherum liegenden Dörfern kommen.

Im Interview: Weinstraßen-Antifa

Die Weinstraßen-Antifa gibt es seit 2021. Gegründet wurde sie in der Nähe von Neustadt an der Weinstraße, in der Pfalz. Mittlerweile besteht die Gruppe aus ungefähr 30 Mitgliedern und ist im Bündnis gegen Rechts aktiv.

Anna: Wir verstehen uns als Dorf-Antifa.

taz: Was heißt das?

Anna: Man muss aushalten, dass wir nicht alle den gleichen Flavour von links haben. Es gibt hier nicht eine Gruppe nur mit Marxisten, und wenn es dir da nicht gefällt, gehst du halt zu den Anarchisten. Wir treffen uns einfach alle bei der Weinstraßen-Antifa, und dann passt das.

Sebastian: Es gibt keine hohen Hürden, was man erfüllen muss, damit man dazugehört. Anders würde das hier nicht funktionieren. Gerade, wenn wir dauerhaft neue Leute davon überzeugen wollen, sich zu engagieren. Würden wir da Menschen sofort ausschließen, weil sie etwas nicht hundertprozentig politisch Korrektes gesagt haben, würden wir auf dem Dorf keinen Anschluss finden. Das ist auch ein Bildungsprozess, den es dabei braucht. Wir freuen uns einfach, wenn Leute dabei sind, sich gegen rechts zu positionieren.

Anna: Anders als in Städten mit einer offeneren Kultur muss man hier robuster sein. Wir sind wenige und rechtes Gedankengut verbreitet sich immer mehr.

taz: Wie erlebt ihr die rechte Szene an der Weinstraße?

Sebastian: Während Corona gab es eine große Querdenkerszene. Zwei von denen, die Karl Lauterbach entführen wollten, kamen aus Neustadt. Ein paar Schwurbler wollten auch mal auf dem Supermarktparkplatz Waffen kaufen, das war aber eine Falle der Polizei. Trotzdem, es gibt schon ein paar militante Rechte hier.

Anna: Zum Beispiel gibt es hier eine Jugendorganisation vom lll. Weg. Man bemerkt die vor allem durch sehr viele Sticker in der Innenstadt. Zum Beispiel mit der schwarz-weiß-roten Reichsflagge, auf der dann „Nazi-Zone“ oder „NS-Zone“ draufsteht. Auch die AfD ist aktiv und präsent mit Infoständen. Bei der Bundestagswahl hat die AfD hier fast 20 Prozent geholt.

taz: Bemerkt das der Rest der Neustadter?

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Anna: Wir sind jetzt nicht die Nazi-Hochburg hier, aber das Problem der Neustadter ist, dass sehr viele Leute Angst haben, zu politisch zu sein. Und das ist mindestens genauso gefährlich. Bei Antifa denken die meisten gleich, dass wir superextrem sind. Meine Mutter dachte erst, Antifa ist quasi RAF. Aber nein, wir sind wirklich gemäßigt. Wir schmeißen keine Fenster ein.

Sebastian: Wir machen Bildungsarbeit. Wir organisieren Offene Antifaschistische Treffen (OAT) mit Vorträgen zu Antirassismus, Antisexismus, Selbstorganisation oder auch einfach mal einen Kneipenabend, um sich zu vernetzen. Wir arbeiten auch mit den Omas gegen Rechts zusammen und sind Teil des Bündnisses gegen Rechts. Bis vor Kurzem haben wir uns im selbstverwalteten Jugendzentrum in der Stadt getroffen. Aber da mussten wir jetzt raus.

Den Wein im Namen und im Logo: Die Weinstraße-Antifa Foto: Weinstraßen Antifa

taz: Was ist passiert?

Sebastian: Im Verfassungsschutzbericht werden mehrere OATs in Rheinland-Pfalz aufgeführt und Neustadt wird als Beispiel genannt. Aber es gibt keine konkreten Vorwürfe, warum wir verfassungsfeindlich sein sollen. Trotzdem: Die Stadtspitze hat dem Jugendzentrum gedroht, die Finanzierung zu streichen, wenn wir nicht gehen.

Anna: Das war im Dezember. Vor den Landtagswahlen hatten wir keine Räumlichkeiten, um uns zu organisieren. Das war ein Problem und wir konnten keine Aktionen zur Wahl planen.

taz: Wie blickt ihr auf den Wahlsonntag?

Anna: Schwierig. Es wird wahrscheinlich nicht so katastrophal wie in Sachsen. Aber es wird auch nicht toll. Wir haben eine Vorabend-Demo angesetzt in Kaiserslautern. Hier hat die AfD bei der Bundestagswahl letztes Jahr die meisten Zweitstimmen geholt. In Kooperation mit den anderen antifaschistischen Treffen in der Region wollen wir Präsenz zeigen. Wir können vermutlich nicht mehr ganz Rheinland-Pfalz davon überzeugen, dass Faschismus schlecht ist. Aber hoffentlich werden die Ergebnisse mehr Leuten zeigen, dass man nicht mehr in dieser vermeintlich neutralen Mitte bleiben kann.

*D ie Namen wurden auf Wunsch der Ge­sprächs­part­ne­r:in­nen von der Redaktion geändert.

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