Trauer nach dem CSD-Anschlag: Die mit uns durch die Apokalypse gehen
Vom Anschlag auf den CSD in Berlin hat unsere Kolumnistin erst erfahren, als die ersten Fragen kamen, ob sie okay sei. Über die schwierige Zeit danach.
Foto: Daniel Wagner/dpa
A ls ich vergangenen Sonntag aufwache, dreht sich mir der Magen um. Ich habe mehrere verpasste Anrufe wegen des CSD. Am Samstag war ich so früh schlafen gegangen, dass ich noch nichts mitbekommen habe. „Bist du in Ordnung?“ „Sind du und deine Liebsten in Ordnung?“ Nachricht über Nachricht. Erst dann lese ich, was passiert ist. Der Anschlag auf den CSD, der passiert ist, lässt die Community um mich herum gefrieren.
Am Vormittag quäle ich mich in den Tag. Schon eine Weile übernimmt jene Hoffnungslosigkeit meinen Körper, gegen die ich mich so lange gewehrt habe. Erschöpfend ist das, auch wenn mir meine queeren Geschwister stets Halt geben. Die Einsamkeit, die ein Leben voll Lohnarbeit und Schreiben und Ausbildung und so weiter mit sich bringt, sorgt dafür, dass ich viel Zeit mit mir selbst verbringe.
Am Nachmittag erreicht mich dann eine Nachricht. „Kleines Treffen im Park, 18 Uhr, gemeinsam trauern.“
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Ich zwinge mich wieder aus dem Bett. Wir sind alle so gelähmt von dem, was gerade in der Welt passiert. Es tut weh, dass unseren queeren Geschwistern überall Leid angetan wird, dass sie um ihr Leben bangen, dass sie fliehen müssen. Was Queers seit immer schon erschaffen, sind Räume gegenseitiger Hilfe. Sei es in der Aids-Krise, in der Lesben sich um ihre schwulen Genossen gekümmert haben, oder Trans*Personen Sexarbeit geleistet haben, um anderen Trans*Geschwistern Wohnraum und Essen bezahlen zu können. Leute, die mich nur vage kennen, schreiben mir.
Trauer ist ein Gefühl, das vielleicht erst einmal überfordern kann, aber wir fühlen es ja alle. Trauer braucht keine Lösung. Wir sind ja nicht einmal an dem Punkt, an dem wir es schaffen, vor anderen zu weinen.
Draußen ist es heiß, die Stimmung gedrückt. Es rauscht der Sommer, aber es ist einem gar nicht nach See, die glühende Hitze in Leipzig lässt buchstäblich die Gleisanlage der Straßenbahn wegschmelzen. An den Wänden prangen Plakate der Leipziger Verkehrsbetriebe: „Lasst uns den Anschluss zum Miteinander nicht verpassen.“
Queere Solidarität
Angekommen beim Treffen – in einem Raum, der für uns ist, um gemeinsam durch die Gefühle zu gehen. Der Staat schützt uns nicht, unsere Geschwister tun es. Wir sitzen still beieinander: erst einmal Überforderung, abwarten. „Niemand organisiert hier das Gedenken. Also nehmt euch den Raum, so zu trauern, wie ihr es braucht.“ Aber was brauchen wir eigentlich? Wie trauern wir miteinander? Das ist kein Gefühl, für das man Lösungen sucht, sondern das wir gemeinsam aushalten.
Dann, nach und nach, fangen Menschen an, Lieder zu singen, schreiben Zettel. Wir sitzen beieinander im Kreis. Wir weinen. Wir schauen uns an, schenken uns ein kleines Lächeln. Eine Person, die ich kaum kenne, bietet mir an, mich auf ihren Schoß zu legen. Unsere Herzen bleiben offen, um den Wahnsinn nicht zu verfestigen. Natürlich haben wir als Community viele Konflikte. Wir kennen viel Schmerz, den wir uns auch untereinander zugefügt haben, aber im Endeffekt: Das hier sind die Menschen, mit denen wir durch die Apokalypse gehen.
Nach dem gemeinsamen Trauern gehe ich mit einer engen Freundin zurück zur heißen Straße. Die Trams rattern, Menschen sitzen unter Markisen und trinken Çay. Wenn man sich auf eins verlassen kann, dann auf Queers, die Räume für uns und all jene gestalten, die unter den Gegebenheiten dieser Zeit – der Apokalypse von oben – leiden.
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