Ankunft Geflüchteter in Hamburg: Aus dem Lager ins Lager

Hamburg nimmt 41 kranke Kinder und deren Familien aus griechischen Lagern auf. Nun müssen die Geflüchteten zunächst in die Zentrale Erstaufnahme.

Ein kahler Raum mit Stockbetten im Ankerzentrum in Rahlstedt.

Gemütlich sieht anders aus: Ankunftszentrum in Rahlstedt Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | 41 – das ist die Zahl der Menschen, die Hamburg in den kommenden Wochen aufnehmen wird. Es sind Geflüchtete aus den Lagern auf den griechischen Inseln. Wer genau kommt, weiß auch die Innenbehörde nicht. Die Rede ist von „behandlungsbedürftigen“ Kindern und deren Kernfamilien, also Geschwister und Eltern. Sie seien Teil der 928 kranken Mädchen und Jungen, die Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach Deutschland holen will. Eine dreiköpfige Familie aus Afghanistan sei bereits in Hamburg angekommen, teilt die Innenbehörde mit.

Was genau heißt „behandlungsbedürftig“? Ein Sprecher der Innenbehörde sagt dazu: „Diese Frage kann man jetzt noch nicht beantworten.“ Man wisse nicht, ob die Kinder an chronischen oder akuten Krankheiten leiden, das werde individuell bei den Eingangsuntersuchungen geklärt. Eines haben die Menschen sicher gemeinsam: ihre traumatisierenden Erlebnisse in den Flüchtlingslagern.

„Die psychischen Situationen derer, die in den Lagern waren, ist bedeutend schlechter als bei Geflüchteten ohnehin“, sagt Meike Nitschke-Janssen. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie bietet in ihrer Praxiszweigstelle in der Zentralen Erstaufnahme Rahlstedt (ZEA), dem sogenannten „Ankunftszentrum“, Sprechstunden und Erstbehandlungen bei akuten psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen an.

Aus Erzählungen von Familien weiß Nitschke-Janssen um die Extremsituationen dort. „Durch die Knappheit der Basis­versorgung ist die Stimmung aufgeheizt. Es gibt dort keinen­ Schutz, keine Rechtsstruktur. Die Lagerinsassen, so muss man sie wohl nennen, sind permanent Gefahren und Lebensgefahren ausgesetzt. Überfälle, sexueller Missbrauch, Morde, Brände sind an der Tagesordnung.“ Sie plädiert deshalb sehr dafür, dass neben der gesundheitlichen Erstuntersuchung in der ZEA auch ein sorgfältiges, psychologisches Screening erfolgt, um besonders vulnerable Personen zu identifizieren und psychisch Kranke in Behandlung zu bringen. Dies schreibe auch die EU-Aufnahmerichtlinie vor.

Meike Nitschke-Janssen, Kinder- und Jugendpsychiaterin

„Die Angst vor Covid-19 ist unter Geflüchteten ungleich höher, als für die meisten Hamburger“

Ob die Kinder und deren Familien zunächst in eine zweiwöchige Quarantäne in Rahlstedt kämen, hänge von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls ab, so die Innenbehörde. Die Belegung dort sei „sehr locker“, Familien würden gemeinsam untergebracht, ansonsten erfolge Einzelzimmerbelegung.

Hamburger Flüchtlingsorganisationen halten die Unterbringung in Sammelunterkünften hingegen für unzumutbar. Christoph Kleine von der Seebrücke sagt: „Es gibt durchaus Möglichkeiten, die Menschen vernünftig unterzubringen, beispielsweise in leeren Hotelzimmern.“

41 Menschen seien ohnehin viel zu wenige. „Was ist das denn für eine Zahl?“, fragt Kleine. „Natürlich ist es gut für jeden Einzelnen dort wegzukommen, alles­ ist besser als Moria.“ Aber Hamburg habe mehr Kapazitäten, die Seebrücke und andere Initiativen fordern die Aufnahme von mindestens 1.000 Menschen.

Die 41 seien Hamburg zugeteilt worden, heißt es aus der Innenbehörde. Man habe signalisiert, 150 Kinder und Jugendliche aufnehmen zu können. Das liege weit über dem Bedarf, der sich aus dem Königsteiner Schlüssel ergebe. „Ich weiß nicht, warum sich die Stadt dafür so unglaublich auf die Schulter klopft“, hält Christoph Kleine dagegen. Die vergangenen Demonstrationen hätten gezeigt, dass die Hamburger die Aufnahme von mehr Menschen aus den griechischen Lagern unterstützen. „Wir werden weiter Druck machen“, kündigt Kleine an.

Wo die Kinder und Familien zukünftig untergebracht werden, ist noch unklar. Vermutlich erst in der ZEA, später in Folgeunterkünften. Infektionsschutz und physische Distanzierung seien in den Gemeinschaftsunterkünften fast unmöglich, gab die Kinderpsychiaterin Nitschke-Janssen schon im Mai 2020 in einem offenen Brief an die Gesundheitsämter zu bedenken. „Zusätzlich ist die Angst vor einer Infektion mit dem Covid-19-Virus unter den Geflüchteten ungleich höher, weil die hohe Anzahl an Covid-­Verstorbenen in deren Heimatländern die Auswirkungen des Virus sehr viel deutlicher macht, als es für die meisten Hamburger spürbar ist.“ Das führe zusätzlich zu psychischen Belastungen.

Die Unterkünfte dürften nicht zu Hotspots von Superspreadern werden, so Nitschke-Janssen. Das könne zusätzlich zum individuellen Leid der Erkrankten, die sich aufgrund der strukturellen Bedingungen nicht schützen konnten, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung befördern. Und dies haben geflüchtete Kinder und ihre Eltern bereits vor und während ihrer­ Flucht erlebt. Initiativen wie die Seebrücke gehen noch weiter. „Wir fordern die Schließung­ der Sammelunterkünfte, sie dienen lediglich der Abschreckung.“

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de