Angriff auf US-Forschungsinstitut: Vergiftete Atmosphäre
Die US-Regierung will ein bedeutendes Forschungsinstitut wegen „Klimaalarmismus“ zerschlagen – ein Racheakt gegen das demokratisch regierte Colorado? Ein Ortsbesuch.
Richard Anthes war in den 1950er Jahren ein kleiner Junge, und seine ersten Lieben waren Hurrikane: „Diane“, „Connie“, „Hazel“. Sein Vater hatte ihm mithilfe des Wetterberichts das Lesen beigebracht. Wenn die Stürme entlang seines Heimatstädtchens an der US-Ostküste wirbelten, fürchtete Anthes sie nicht. Im Gegenteil, er wollte begreifen, wie so etwas Spektakuläres entstehen kann. Die Atmosphärenforschung war damals ein wenig beachtetes Fach, der Klimawandel noch kein Thema.
Heute ist Anthes ein 82 Jahre alter Mann mit freundlichem Lächeln und schleppendem Gang. Seit den frühen Morgenstunden sitzt er in seinem Büro, in seinem Rücken das nach ihm benannte Anthes-Gebäude. Umgeben von den verschneiten Berggipfeln der Rocky Mountains liegt hier in der Universitätsstadt Boulder im Bundesstaat Colorado der Hauptsitz des National Center for Atmospheric Research, kurz NCAR: eines der wichtigsten Atmosphärenforschungszentren der Welt, das zu den Kronjuwelen des US-amerikanischen Wissenschaftsbetriebs zählt.
Hier entwickelt man Methoden zur Messung der Temperatur und des Wasserdampfgehalts in der Atmosphäre, untersucht den Einfluss der Sonne auf die Erde, erkundet Veränderungen der Luftchemie. Mehr als 20 Jahre lang diente Anthes als Präsident des NCAR. Heute widmet er sich seiner Forschung. Wie lange das noch möglich sein wird, ist unklar. Die Regierung der USA droht, sein Lebenswerk zu zerstören.
Anthes ist Pragmatiker. „Sie greifen es aus Gründen an, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Wahrheit und Fakten sind beständiger als Leugnung. Sie werden überdauern. Nach dem Mittelalter kam die Renaissance.“
Mehr als 830 Angestellte bangen um ihre Zukunft
Im Dezember 2025 hatte Russell Vought, Leiter des Haushaltsbüros des Weißen Hauses, auf X verkündet, die US-Regierung wolle das NCAR als „eine der größten Quellen für Klimaalarmismus im ganzen Land“ auflösen. Wichtige Forschungsaktivitäten sollten an andere Einrichtungen oder an einen anderen Standort verlegt werden.
Jetzt bangen mehr als 830 Angestellte um ihre Zukunft. Aber die Zerschlagung des NCAR birgt Gefahren jenseits von Einzelschicksalen. Was mit dem Institut passiert, könnte auch über Katastrophenschutz und Ernährungssicherheit von Millionen Amerikaner:innen entscheiden.
Deshalb haben Richard Anthes – der Mann, der als Kind Hurrikane liebte, statt sie zu fürchten – und seine Kolleg:innen zusammen mit Politiker:innen in Colorado den Kampf aufgenommen. „Wir versuchen, die Schließung aufzuhalten. Aber im Moment halte ich die Auflösung für wahrscheinlich“, sagt er. Es klingt nüchtern.
Gegründet wurde das NCAR 1960 als Antwort auf das „Blue Book“: ein Konzeptpapier in blauem Umschlag, in dem eine Forschergruppe die Gründungsidee eines nationalen Instituts für Atmosphärenforschung beschrieb – inklusive Begründung, warum einzelne Universitäten die nötige Infrastruktur nicht allein stemmen könnten. Das Papier fiel in die Zeit des Kalten Kriegs.
Damals hatte die amerikanische Regierung das Bildungssystem als entscheidende Machtressource anerkannt und investierte in Universitäten. Seitdem finanziert die National Science Foundation (NSF), die amerikanische Bundesbehörde zur Förderung von Wissenschaft und Technik, das Institut etwa zur Hälfte. Allein 2025 steuerte sie mehr als 120 Millionen Dollar zum Budget bei.
1961 beauftragte man den Stararchitekten I. M. Pei mit dem Bau der Gebäude des NCAR. Später sollte Pei auch die Louvre-Pyramide entwerfen. 1961 wanderte und picknickte er wochenlang auf dem gebirgigen Gelände und orientierte sich schließlich am Baustil der Pueblo-Indigenen. Den Beton färbte man nach dem Vorbild des rötlichen Steins der Umgebung ein. Läuft man am frühen Morgen durch das leere, windstille Labyrinth aus Türmen, überkommt einen auch mehr als sechs Jahrzehnte später unwillkürlich das Gefühl: Das hier ist ein besonderer Ort.
Wer heute in den USA ein Flugzeug besteigt und sicher landet, hat das Forschern des NCAR zu verdanken. Sie entwickelten Warnsysteme für Turbulenzen und Fallwinde, die heute Standard in der Flugsicherheit sind. Sie verbesserten Vorhersagen und ermöglichten es Piloten und Fluglotsen, bei gefährlichen Luftströmungen die Flugzeuge umzuleiten. Kurz: Indirekt retteten sie Menschenleben.
Über 130 Universitäten und Hochschulen gehören einem gemeinnützigen Konsortium an, mit dem sie die Infrastruktur und Software des NCAR benutzen können, darunter Forschungsflugzeuge und Modelle zur Wetter- und Klimavorhersage. Diese Partnerschaften haben sich über die Jahrzehnte gefestigt.
Im Bundesstaat Wyoming betreibt das Institut einen riesigen Supercomputer namens Derecho. Er dient dazu, die Entwicklung von Waldbränden, Hurrikanen und anderen Wetterphänomenen vorherzusagen. Vor Kurzem hat die University of Wyoming Verhandlungen mit Vertretern der Bundesforschungsbehörde über die Übernahme der Leitung aufgenommen. Aber der Prozess verläuft intransparent – niemand scheint Details zu kennen. Werden die neuen Betreiber universitäre Einrichtungen oder Privatfirmen sein?
Bis Mitte März hatte die Bundesforschungsbehörde Institutionen, die die Leitung des Forschungsprogramms und der verschiedenen Einrichtungen des NCAR übernehmen möchten, aufgefordert, Vorschläge einzureichen. Nun erklärte ein Sprecher gegenüber der New York Times, man plane nicht, die Vorschläge der Interessenten zu veröffentlichen. Wann man eine Entscheidung über die Zukunft des NCAR treffen will, ließ er offen.
Angst vor Repressionen
Wer vor Ort Fragen zum Kampf gegen die Schließung des NCAR stellt, hört immer wieder die gleichen, in Schrecken versetzenden Worte, die sich seit einigen Monaten durch das ganze Land und die akademische Szene ziehen: Nein, mit der Presse wolle man nicht sprechen, schon gar nicht mit Klarnamen. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen der Trump-Regierung. Man arbeite „hinter den Kulissen“. Die NCAR-Pressestelle gibt grundsätzlich keine Interviews, und auch aus dem Gespräch mit Richard Anthes darf man nur manche Teile zitieren.
„Wir erkennen an, dass Institutionen sich weiterentwickeln müssen. Aber wir müssen klarstellen: Ein Weg, der zur Zersplitterung oder Auflösung des NCAR führt, liegt nicht im nationalen Interesse“, schrieben Anthes und die anderen ehemaligen Direktoren im Februar in einem Brief an den Chef der Bundesforschungsbehörde. Sie warnten vor wirtschaftlichen Schäden in wetterabhängigen Branchen wie Energie, Versicherung und Landwirtschaft – und vor dem Risiko einer „verlorenen Generation von Wissenschaftlern“.
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Was die USA verlieren, gewinnen andere. Vom Feldzug gegen die Wissenschaft profitieren vor allem Länder wie China oder Deutschland und andere europäische Staaten. Die Senckenberg Gesellschaft, größtes Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, die zu Biodiversität und Klima forscht, berichtet von einem gestiegenen Interesse von Wissenschaftlern aus den USA.
Auch die Humboldt-Stiftung erreichten im vergangenen Jahr über ein Drittel mehr Bewerbungen aus den Vereinigten Staaten als im Vorjahr. Die Kandidaten seien nicht nur mehr, sondern auch besser qualifiziert.
Eine Racheaktion gegen den demokratisch regierten Bundesstaat Colorado
Manche in Colorado sehen die angekündigte Zerschlagung des NCAR als Racheaktion gegen den demokratisch regierten Bundesstaat, in dem sich die Einrichtung befindet. Seit August 2024 verbüßt die Trump-Unterstützerin und ehemalige Verwaltungsbeamtin Tina Peters eine neunjährige Haftstrafe in Colorado. Sie wurde verurteilt, weil sie auf der Suche nach Beweisen für den angeblichen Wahlbetrug der Demokraten im Jahr 2020 geholfen hatte, in ihrem Bezirk Wahlautomaten zu knacken.
Donald Trump begnadigte sie im Dezember 2025 auf Bundesebene. Doch der Akt ist ein rein symbolischer – nach Bundesstaatsrecht bleibt die Verurteilung in Kraft. Trump drohte Colorado mit Vergeltung. In den vergangenen Wochen berichteten US-amerikanische Medien, Gouverneur Jared Polis stehe so stark unter Druck, dass er eine Begnadigung erwäge. Dass die Zerschlagung des NCAR Teil dieser Rechnung ist, liegt nahe.
Jeden Tag pünktlich um 12 Uhr führt ein:e Mitarbeiter:in durch das NCAR-Museum. Vorerst. Der Betrieb läuft noch ganz normal. Besucher:innen dürfen kondensierenden Wasserdampf berühren und lernen, wie Tornados und Wolken entstehen.
Richard Anthes, Klimaforscher
An diesem Montag im Februar sind außer der Reporterin vier Leute gekommen: zwei junge Universitätsabsolventen und eine Frau mit ihrem älteren Vater. Die Frau, die durch das Museum führt, fragt mit besorgtem Blick in die Runde: „Seid ihr alle hier, weil ihr die Nachrichten gelesen habt?“ Nicken. Dann noch: Falls Medienvertreter dabei seien, solle man sie nicht zitieren.
Ein junger Mann blickt auf ein Klimadiagramm vor sich: „Entscheidet über eure Zukunft!“, steht darüber. Auf der linken Seite lassen sich die weltweiten jährlichen Treibhausemissionen ablesen, rechts parallel dazu der Temperaturanstieg in Celsius.
„Alles nur Alarmismus! Alles nur erfunden!“, kommentiert er mit Ironie in der Stimme. Er hat vor Kurzem sein Ingenieurstudium abgeschlossen. Jetzt sucht er einen Job. Am liebsten etwas mit Meteorologie. Aber wo gibt es solche Jobs heute? Er schaut noch einmal auf das Thermometer vor sich.
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