piwik no script img

Analog vs. digitalWaterdating

Kennenlernen außerhalb des Internets – gibt es das noch? Ja, beim Schwimmen im See beispielsweise, dank laminierter Visitenkarten.

M atteo steigt aus dem Wasser. Die Sonne glitzert über seine Speedo und seine gebräunte Haut. Er sieht aus wie eine römische Statue. Wir sind gleich alt, denke ich. Welchem 25-Jährigen hat er den Körper geklaut?

„Ich habe ein Date“, sagt er stolz.

„Du warst doch gerade schwimmen“, sage ich. „Habe ich was verpasst?“

Er deutet hinter sich auf den Plötzensee.

„Du hast jemanden im Wasser kennengelernt?“

Matteo grinst. Dann schüttelt er sich und die Wassertropfen fliegen aus seinen Haaren wie aus dem Fell eines Hundes.

„Wie geht das denn?“, frage ich neugierig.

Aus seiner Badehose zieht er eine Visitenkarte und reicht sie mir. Die Karte ist laminiert.

„Sehr praktisch“, sage ich. „Da kann keine Tinte zerfließen.“ Auf der einen Seite steht Bruno, auf der anderen eine Handynummer. Ich muss an Maral und den Abend im Prater denken. Analog scheint wieder angesagt zu sein.

„Waterdating“, sage ich. „Klingt ein bisschen gefährlich.“ Und: „Ist analog das neue Digital?“ Ich erzähle ihm von Visitenkartenstapel-Christian.

„Analog, digital“, sagt Matteo. „Das kann doch friedlich nebeneinander existieren. Das eine muss das andere nicht ausschließen.“

Da hat er natürlich recht.

„Wie viele Visitenkarten hatte Bruno dabei?“, frage ich. „Auch einen ganzen Stapel? War seine Badehose ausgebeult?“

„Er hatte nur diese eine Karte“, sagt Matteo ernst. „Für den Fall, dass ihm ein besonderer Mensch begegnet.“

„Ah“, sage ich. „Und dann kamst du angeschwommen.“

„Ich höre den Unterton“, sagt Matteo.

„Entschuldige.“

„Angenommen.“

„Und wo ist Bruno jetzt?“ Ich lasse meinen Blick über das Strandbad und den See gleiten. Im Wasser ist außer Köpfen nicht viel zu erkennen.

„Er badet wild auf der anderen Seite.“

Wild baden, wild daten, wild leben, denke ich.

„Er sieht bestimmt zu uns rüber und glaubt, ich bin dein Mann“, sage ich und reiche ihm sein Handtuch.

„Für diesen Nachmittag bist du das ja auch.“ Matteo grinst. „Heute Abend aber nicht mehr.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 30 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare