Ambientalbum von Hannu Karjalainen: Vom Kauern im Baum

„Luxe“, das sanft verschrobene Ambientalbum des finnischen Künstlers Hannu Karjalainen, kommt multimedial: Zu allen Songs gibt es Videos.

Hannu Karjalainen im kalten finnischen Polar

Cool as Ice: Hannu Karjalainen Foto: Heli Haltia

Mit dem Siegeszug des Musikfernsehens Anfang der 1990er Jahre sind Songs und Melodien auch Teil des kollektiven Bildgedächtnisses geworden. Unmöglich ist es quasi – um nur ein Beispiel zu nennen –, an ­Michael Jacksons „Earth Song“ zu denken, ohne dabei den Sänger mit ausgebreiteten Armen im brennenden Wald vor dem inneren Auge zu haben.

Die goldenen Zeiten von Musikfernsehen sind zwar längst vorbei, soziale Medien haben ihre Rolle übernommen und Zugänge vereinfacht. Dennoch sind Musikvideos weiterhin beliebt. Um sie zu produzieren, genügt heute ein Smartphone, solange man keine elaborierten technischen Finessen erwartet.

Der finnische Künstler Hannu Karjalainen macht auch alles selbst, der 43-Jährige geht mit seinem neuen Album „Luxe“ aber in eine andere Richtung. Zu jedem Track produzierte er jeweils auch ein Video, als gleichwertigen Bestandteil: sieben Stücke anspruchsvolle Videokunst, verbunden durch die Musik. „Luxe“ möchte der Finne als audiovisuelles Album verstanden wissen, das man mit Augen und Ohren gleichermaßen konsumiert.

Wanderer zwischen den Sparten

Geboren 1978 im finnischen Haapavesi, ist Karjalainen eben nicht nur als Musiker, Komponist oder Soundkünstler tätig, er arbeitet auch mit Film, Fotografie und Performance. 2009 wurde er als Finnlands „Artist of the Year“ ausgezeichnet, ein Wanderer zwischen den Sparten.

Hannu Karjalainen: „Luxe“ (Karaoke Kalk/Morr Music/Indigo)

Diese Flexibilität erwartet er auch von denen, die zuhören und -schauen, vor allem auch eine andere, aktivere Hinwendung zum Ambient, wie man die Musik nennen kann, die er macht, und die ja oft im Hintergrund spielt oder sogar herumrauscht, wie eine – so wird Karjalainen im Pressetext des Albums zitiert – „Schlaftablette, die den Status quo aufrechterhält“.

Karjalainen vermittelt durchaus eine Haltung zu jenem trüben Zustand der Welt, samt den sich anbahnenden und fortschreitenden Katastrophen. „Luxe“ ist kein aktivistisches Album, das wäre übertrieben, aber es ist Musik, die Irritationen erzeugt mit Störgeräuschen und mit rätselhaften Bildern. Im Fokus von Karjalainens Interesse steht dabei der Mensch und seine Beziehung zur Natur.

Wasser tropft von Höhlendecke

Das zeigt sich schon beim Auftakt „Hidden Star“, in dem der Künstler kosmische Klänge ums Trommelfell, wie Wassertropfen von einer Höhlendecke, plätschern lässt. Sie winden sich mitunter fast schon ins Sakrale, hallen dann wieder dröhnender, bedrohlicher nach. Auf der Bildebene löst sich unterdessen ein im Raum schwebender Rollkoffer auf – unmissverständliches Sinnbild eines klimaunfreundlichen Lebensstils – knautscht sich immer mehr zusammen zum grauen Ball, der schließlich einem Auge gleicht, das sich mehr und mehr schließt.

Manche der Videos des Albums gleichen Auszügen aus fiktiven Filmen, zu deren Verständnis aber die entscheidenden Hinweise fehlen, andere bleiben abstrakter, surreal bis kryptisch sind sie alle. Einfach macht Karjalainen es einem nicht. „Rutistus“ ist der Track, der sich akustisch am stärksten absondert.

Modem imitiert Flipper

Ein wenig klingt sein Sound, als würde ein altes Modem einen Flipperautomaten imitieren. Mit schrillen Spitzen und ratternden Rhythmen fräst er sich in den Kopf, in den eigenen wie auch in den des merkwürdigen Langhaarigen, der sich im zugehörigen Video mit gelber Tarnweste ins Inneren eines Baumes gekauert hat. Menschen in Schutzbekleidung begegnen einem öfters im Verlauf des Albums. Meist gehen sie nicht näher bestimmten Arbeiten nach, draußen in der vom Menschen veränderten Natur.

Gletscher schmelzen vor sich hin, Landschaften verlieren ihre Umrisse. Und immer wieder steigt Rauch auf. Die Welt brennt – wie damals bei Michael Jackson, nur führt Karjalainen das weniger plakativ vor Augen, aber mit ebenso vielen Fragezeichen. Verwirren, das kann er, mit rauschenden Klängen und morphenden Bildern. Und am Ende ist da aber doch so etwas wie Hoffnung. „X7“, das Finale auf „Luxe“, endet im Videoclip mit einem Schutzhelm, der auseinanderbricht und aus dem ein Baum sprießt. Zugegeben, ein ziemlich dürres Pflänzchen, aber immerhin.

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