Alltagsmode im Pandemiesommer: Der Hot-Maus-Summer-Stress

Der lange Pandemiewinter beförderte einen gemütlichen Gammel-Look. Ist Mensch in Zeiten der Öffnung nun wieder bereit, sexy zu sein?

Hände mit lackierten Fingernägeln

Gelnägel: mal schlicht lackiert, mal glitzernd oder mit aufwendigen Motiven bemalt Foto: YAY images/imago

Der Hot Maus Summer, auf den wir so lange hingefiebert haben, nähert sich mit jedem sonnigen Tag, mit der Öffnung der Außengastronomie und allmählich auch aller coronogamen Beziehungen. Nur: Sind wir bereit dafür?

Denn mit den sich anbahnenden neuen alten Freiheiten kommt ein massiver Druck, auf einmal so zu tun, als wären die letzten fünfzehn Monate nie gewesen. Als hätten wir nicht unsere Thirst-Trap-Outfits gegen bequeme Funktionskleidung gewechselt, die Schminke im Regal verstauben lassen, uns an unperfekte Haarschnitte und die Isolation gewöhnt.

Klar, die Pandemie ist noch lange nicht vorbei und es ist zu früh, ein absehbares Ende zu feiern. Trotzdem vermitteln die zurechtgemachten, fröhlichen Gesichter, die vor Bars an Drinks nippen, dass wir unsere missglückten Sauerteige und getwisteten Kerzen nun beiseite legen, stattdessen wieder an unseren Körpern statt unserer Einrichtung herumdekorieren sollten. Die vernachlässigten Klamotten, die monatelang in die hintersten Ecke unserer Schränke rückten, wollen endlich wieder angezogen werden – wenn sie denn noch passen.

Mental befinde ich mich noch im Long Hermit Winter, dort, wo Zahn- und Hautpflege die einzig verpflichtenden Routinen der Körperarbeit sind, wo ich nicht mehr genau weiß, was Femmeness eigentlich noch bedeutet, wenn meine ehemaligen Lieblingsoutfits in mir Gender-Beklemmung und Verunsicherung auslösen. Habe ich es verlernt, sexy zu sein? War ich es jemals?

Glamour oder Gammel?

Der Weg ins Zurück hinterlässt auch deshalb so eine Orientierungslosigkeit in mir, weil ich auf einmal nicht mehr weiß, ob es ein guter Ort war. Ich vermisse meine langen Gelnägel, mal schlicht lackiert, mal glitzernd oder mit aufwendigen Motiven bemalt. Mit ihnen fühlte ich mich immer badass. Als die Kosmetiksalons schließen mussten, verabschiedete ich mich von ihnen, musste meine brüchigen Nägel erst einmal rauswachsen lassen, bis sie wieder gesund und sehr praktisch wurden.

Möchte ich das überhaupt noch, den Komfort aufgeben für ein bisschen Glamour? Oder sollten wir in dieser Hinsicht die Krise wirklich als Chance begreifen? Neue Möglichkeiten der Sexyness könnten sich eröffnen. Kuscheliges Fleece, glänzende Goretex-Styles, quietschende Crocs, Übergangsfrisuren ohne Ziel, all das könnten wir dank neuer Sehgewohnheiten auf dasselbe Attraktivitätslevel wie knappe Mesh-Tops, Plateau-Sandalen und frische Seiten befördern.

Okay, im Milieu dieser Zeitung war es vermutlich nie anders gewesen und das führt zum eigentlichen Problem: Es ist nicht unser Aussehen, das überfordert, sondern das Miteinander, das sich am gravierendsten verändert hat. Die soziale Batterie hat keine lange Akkulaufzeit mehr. Okay, cute date idea: Wir treffen uns im Gammellook in der ruhigsten Ecke der Stadt und schweigen auf separaten Decken ­nebeneinander?

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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