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„Alle haben ein Problem mit den Kosten“

DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig erzählt, was die WM gerade in den USA schwierig macht, wie der Verband sich im Fifa-System bewegt und warum AfD-Erfolge dem deutschen Fußball schaden können

Von Johannes Kopp, Andreas Rüttenauer (Interview) und Jens Gyarmaty (Fotos)

taz: Herr Rettig, gibt es für Sie noch viel zu tun so kurz vor der WM?

Andreas Rettig: Die organisatorische Hauptarbeit ist getan. Man muss sich das vorstellen wie in der Saisonvorbereitung: Die ganzen Quälereien, die Berge rauf und runter laufen im Trainingslager, um die nötige Fitness und Physis zu bekommen, haben jetzt ein Ende. Das verbildlicht, was wir vor dem ersten Anpfiff schon geleistet haben.

taz: So schlimm?

Rettig: Man macht sich ja keine Vorstellung, wie viel Arbeit dahintersteckt: die Quartiersuche mit den besten Rahmenbedingungen. Was außerhalb des Platzes liegt, darf sich nicht negativ auf die Leistung auswirken.

taz: So wie bei der WM 2018. Der Rasen, hieß es, sei nicht gut gemäht gewesen. Journalisten beschwerten sich übers Essen. 2022 gab es Kritik zur Lage des Quartiers.

Rettig: Bitte verstehen Sie das nicht falsch, aber auf Gourmetfreuden der Journalisten werden wir keine Rücksicht nehmen. Alles andere ist natürlich schon wichtig. Das ist ja bereits unter Oliver Bierhoff bestens gemacht worden. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn du die Spiele gewonnen hast, erscheint im Rückblick alles in positivem Licht. Wenn du ausscheidest, war der Rasen zu hoch und das Catering schlecht.

taz: Die Voraussetzungen in den USA aber sind gut?

Rettig: Das war bei der Auslosung in Washington ganz witzig, als am Anfang uns Deutschen als Gruppenkopf eine Gruppe zugelost wurde, haben wir quasi schon gejubelt. Wir wussten, dass das organisatorisch eine gute Kombination für uns sein würde. Links und rechts von uns haben die gedacht: Bescheuert, die Deutschen wissen gar nicht, gegen wen sie spielen und jubeln schon.

taz: Nicht alle leisten sich das, was sich der DFB leistet.

Rettig: Das weiß ich nicht. Aber es stimmt schon, dass wir nicht den Jugendherbergscharakter in den Mittelpunkt stellen. Alle WM-Teilnehmer, die drei Gastgeber ausgenommen, haben ein Problem mit den Kosten vor Ort. Es geht vor allem um die großen Entfernungen, das Wechselkursrisiko, steuerrechtliche Unwägbarkeiten.

taz: Das heißt, die DFB-Elf muss für die Refinanzierung weit kommen

Rettig: Ja, aber unser originärer Antrieb ist das natürlich nicht. Wir gehen mit Blick auf die Kosten sehr verantwortungsvoll vor, sind aber kein wirtschaftliches Profitcenter und machen daraus keinen Business Case. Der Antrieb ist immer der Sport. Klar ist: Es wird schwierig für jede europäische Nation, die vor dem Halbfinale ausscheidet, schwarze Zahlen zu schreiben.

taz: Was sind die Kostentreiber?

Rettig: Der Transport und die Logistik. Vieles muss erst einmal dorthin gebracht werden. Im medizinischen Bereich etwa muss einiges verschifft werden. Zu bedenken ist die längere Turnierdauer. Dann gibt es das Wechselkursrisiko. Und wir haben noch das Steuerthema, wenn es interessiert.

taz: Unbedingt!

Rettig: Das finale Steuerhandbuch der Fifa enthält lediglich allgemeine Hinweise auf die Besteuerung von Zahlungen an Spieler im Rahmen der WM 2026. Und was das Thema Steuern angeht, sollte der DFB …

taz: … aufgrund schlechter Erfahrungen keine Fehler mehr machen.

Rettig: Natürlich gilt wie immer, die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung zu beachten. In den USA ist das aber noch einmal komplexer. Neben den Einkommenssteuern des US-Bundes erheben auch diverse Bundesstaaten und Städte lokale Einkommenssteuer in unterschiedlicher Höhe.

taz: Wie fühlt sich Ihr Rollenwechsel an? Vor der WM 2022 sind Sie vor allem mit Ihrer Kritik an Gastgeber Katar wahrgenommen worden. Sie sagten, dieses Turnier hätte nicht an dieses Land vergeben werden dürfen.

Rettig: Diesbezüglich hat sich meine Meinung nicht geändert, aber meine Rolle natürlich schon. Bei der WM in Katar habe ich von der Seitenlinie als Fußballfan Kritik geäußert. Meine Aufgabe jetzt ist es, die sportliche Entwicklung von der U15 bis zum A-Team männlich wie weiblich positiv zu beeinflussen und strategisch so aufzustellen, dass wir auch perspektivisch Erfolg haben können. Natürlich habe ich auch eine Meinung zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Aber diese Themen kann ich nun intern ansprechen – ich muss nicht mehr öffentlich von der Seitenlinie kritisieren.

Andreas Rettig

Der Mann

Andreas Rettig, 63, schaffte es als Fußballspieler bis in die Dritte Liga. Ab 1984 wurde er bei Bayer als Industriekaufmann ausgebildet und stieg bis zum Vorstandsmitglied auf.

Der Funktionär

1998 wurde Rettig Manager des Bundesligisten SC Freiburg. Anschließend arbeitete er in leitender Position für den 1. FC Köln, den FC Augsburg, den FC St. Pauli und die Fußball-Liga DFL. Seit 2023 ist er DFB-Geschäftsführer Sport.

taz: Wir hören heraus, dass Sie etwas darunter leiden, in einem von der Fifa beherrschten System mitspielen zu müssen?

Rettig: Ich mache das ja aus voller Überzeugung, weil das ein toller Job ist. Mich hat keiner dazu gezwungen. Der Unterschied zur Zeit der WM in Katar ist, dass sich die geopolitischen Koordinaten mittlerweile gefühlt täglich verschieben. Es scheint nicht mehr klar, wer ist Freund, wer ist Feind? Die wertebasierte Weltordnung ist aus den Fugen geraten. Die Lehre aus der WM in Katar war, man hätte nicht zulassen dürfen, dass die Spieler während des Turniers tagtäglich mit politischen Themen konfrontiert wurden.

taz: Zählt das nicht auch zu Ihren Aufgaben, zur Entlastung der Spieler sich zu solchen Themen zu äußern? Viel bekommt man davon nicht mit, wenn man etwa an die Auslosung und die Vergabe des Friedenspreises an US-Präsident Donald Trump denkt. Haben Sie mitgeklatscht?

Rettig: Nein. Ich habe auch bei „Y.M.C.A.“ nicht geklatscht. Es gibt sicherlich bessere Zeitpunkte und bessere Orte für die Überreichung eines Friedenspreises. Das passt nicht und war auch keine gute Entscheidung. Das habe ich übrigens auch schon gesagt.

taz: Viele Fußballfans wären froh, wenn der DFB in der Fifa auch mal mit Nein stimmen würde wie die Norweger etwa.

Rettig: Bernd Neuendorf hat die letzte Wiederwahl von Gianni Infantino nicht unterstützt. Dennoch habe ich vor dem Vorgehen der Norweger großen Respekt. Das ist generell eine Frage der Herangehensweise. Ob man das so oder anders macht, auf der großen Bühne oder intern. Was ist wirkungsvoller? Da unterscheiden wir uns in Nuancen. Da empfehle ich Ihnen, auch wenn das nicht umsetzbar ist, einen Blick in die Fifa-Protokolle.

taz: Die deutschen Fans sind enttäuscht. Der DFB, heißt es, hätte sich mehr für moderatere Ticketpreise einsetzen können.

Rettig: Wir haben die Preise öffentlich kritisiert und unseren Unmut bei der Fifa hinterlegt. Die sich dann auch bewegt hat. Die Mannschaft hat sich, so viel darf ich verraten, dazu auch schon etwas überlegt. Eine tolle Geste für unsere Fans in den USA, die auch zeigt, wie viel uns die Unterstützung bedeutet.

Rudi Völler ist ein Glücksfall für den Verband. Er spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Rudi ist unser Außenminister und ich bin der Innenminister

taz: Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Rudi Völler?

Rettig: Wir hatten mit Bayer Leverkusen früher schon einen gemeinsamen Arbeitgeber. So habe ich Rudi kennen und schätzen gelernt. Wir haben ein Vertrauensverhältnis, weil wir gemeinsam auch schon Fehler gemacht haben. Wir können uns aufeinander verlassen, auch wenn wir ab und an politisch etwas anders ticken (lacht).

taz: Wer macht genau was?

Rettig: Rudi ist unser Außenminister und ich bin der Innenminister.

taz: Wie sind Sie zufrieden mit Rudi Völler als Außenminister?

Rettig: Rudi ist ein Glücksfall für den Verband. Bodenständigkeit und Nahbarkeit zeichnen ihn aus. Leider gibt es halt nur einen Rudi Völler. Er verkörpert all das, was sich die Fußballsehnsucht wünscht. Rudi spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Menschen verstehen ihn.

taz: Friedrich Merz hat vor seiner Wahl zum Bundeskanzler die neuen Nachwuchstrainingskonzepte des DFB kritisiert und gefordert: Im Kinderfußball müssten wieder Tore geschossen werden dürfen. Wie blicken Sie darauf?

Rettig: Unser Bundeskanzler ist in einer Zeit groß geworden, die auch ich noch erlebt habe. In der Halbzeitpause sind wir heimlich auf Toilette gegangen und haben Wasser getrunken, weil der Trainer uns gesagt hatte: Trinkt kein Wasser, das gibt Seitenstechen. Wir wissen heute, dass das Quatsch ist.

taz: Der Fußball scheint immer mehr in einen tobenden Kulturkampf hineingezogen zu werden. Es gibt die Debatte um Kuscheltraining bei Jugendteams oder über das Mitsingen der Nationalhymne.

Rettig: Wenn das laute Singen der Hymne für einige der Beleg für eine erfolgreiche Nationalmannschaft ist, dann bin ich auf deren Antwort gespannt, warum Italien nun schon dreimal in Folge nicht bei einer WM dabei ist. Und warum wir 1974 Weltmeister geworden sind, als das Mitsingen der Hymne bei unserer Mannschaft nicht gerade hoch im Kurs stand.

taz: Wie weit ist man beim DFB auf der Suche nach einer fußballerischen Leitidee?

Rettig: Das ist in einem Verband etwas anders zu betrachten als im Verein, weil ich keine Spieler in Transferperioden hinzuholen kann, die zu meiner Idee passen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Pool, aus dem wir unsere Spieler rekrutieren können, immer kleiner wird.

taz: Da sind wir beim Thema Nationen-Hopping.

Rettig: Schauen Sie sich die Kader der diesjährigen U19-DFB-Pokalfinalisten vom VfB Stuttgart und dem VfL Wolfsburg an. Fast alle Spieler haben einen Migrationshintergrund. Das ist eines der großen strategischen Themen. 43 Prozent der unter Fünfjährigen in unserem Land haben einen Migrationshintergrund. In zehn, elf, zwölf Jahren können sie entscheiden, ist mir beispielsweise der Halbmond wichtiger als der Adler? Das ist ein Thema, das uns umtreibt.

taz: Wenn nun die AfD große Wahlerfolge erzielt, hat das Einfluss darauf, wie sehr sich diese heranwachsenden Fußballer in diesem Lande noch zu Hause fühlen.

Rettig: Sie haben hundertprozentig recht. Demgegenüber steht aber der Fußball für Vielfalt, für Teilhabe und eine offene Willkommenskultur. Das müssen wir leben und erfolgreich vermitteln.

taz: Haben Sie das schon gespürt in Ihrer alltäglichen Arbeit?

Rettig: Nicht explizit. Aber das ist ja ein schleichender Prozess.

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