Aktuelle Nachrichten zu Afghanistan: Regierungschefs rücken zusammen

Laut Pentagon wurden zwei „hochrangige“ IS-Mitglieder beim US-Drohnenangriff getötet. Merkel und Johnson wollen eine humanitäre Krise in Afghanistan verhindern. Der Überblick.

Boris Johnson und Angela Merkel im Gespräch, sitzend nebeneinander

Merkel und Johnson Anfang Juli 2021 Foto: Stefan Rousseau/dpa

Zwei „hochrangige“ IS-Mitglieder bei Drohnenangriff getötet

Beim US-Drohnenangriff auf den regionalen Ableger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan sind nach Angaben des Pentagon zwei „hochrangige“ Mitglieder der Extremistengruppe getötet worden. Ein weiterer Dschihadist sei verletzt worden, sagte der US-General Hank Taylor bei einer Pressekonferenz am Samstag.

Einer der Getöteten sei ein „Planer“ des afghanisch-pakistanischen IS-Ablegers Islamischer Staat Provinz Chorasan (IS-K) gewesen. Zivilisten seien bei dem Drohnenangriff nicht zu Schaden gekommen, sagte Taylor. Die US-Armee hatte am Freitag erklärt, dass die von einem anderen Land aus gesteuerte Attacke in der Provinz Nangarhar erfolgt sei.

Der Vergeltungsangriff der US-Armee war eine Reaktion auf den verheerenden Selbstmordanschlag am Flughafen von Kabul, bei dem am Donnerstag dutzende Zivilisten sowie 13 US-Soldaten getötet worden waren. Ranghohe Vertreter der ehemaligen afghanischen Regierung sagten der Nachrichtenagentur AFP, bei dem Anschlag seien mehr als hundert Menschen getötet worden. Einige Medien berichteten sogar von rund 170 Toten.

US-Präsident Joe Biden hatte nach der Selbstmordattacke Vergeltung angekündigt. Der Anschlag am Donnerstag war der verlustreichste Angriff auf die US-Armee am Hindukusch seit zehn Jahren. IS-K wird auch für einige der tödlichsten Anschläge der vergangenen Jahre in Afghanistan und Pakistan verantwortlich gemacht. Kämpfer der Splittergruppe ermordeten unter anderem Zivilisten in Moschee, Schreinen, auf öffentlichen Plätzen und sogar in Krankenhäusern. (afp)

Johnson und Merkel wollen humanitäre Krise in Afghanistan verhindern

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der britische Premierminister Boris Johnson haben bei einem Telefonat am Samstag internationale Anstrengungen gefordert, um eine humanitäre Krise in Afghanistan zu verhindern. Wie aus einer Mitteilung der Regierung in London hervorging, bekannten sich die beiden auch zur Zusammenarbeit, um den beim Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs Anfang der Woche diskutierten Fahrplan für den Umgang mit einer künftigen Regierung in Kabul umzusetzen. Johnson betonte, jegliche Anerkennung und Zusammenarbeit mit den Taliban müsse unter der Bedingung stehen, dass sie denjenigen sicheres Geleit zusicherten, die das Land verlassen wollten, und die Menschenrechte beachteten.

Während die deutsche Rettungsmission aus Afghanistan bereits am Freitag beendet wurde, startete am Samstag noch ein letzter britischer Evakuierungsflug in Kabul. Insgesamt wurden von britischer Seite nach Regierungsangaben seit dem 13. August knapp 15.000 Menschen außer Landes gebracht. Erwartet wurde, dass auch die rund 1.000 dort eingesetzten britischen Soldaten noch am Wochenende das Land verlassen sollten. Nach Schätzungen der Regierung werden damit 1.100 Afghanen und bis zu 150 britische Staatsbürger im Land verbleiben. (dpa)

Hunderte demonstrieren für Luftbrücke in Afghanistan

Hunderte Menschen haben in Hamburg für eine Luftbrücke und ein Bleiberecht zugunsten bedrohter Menschen in Afghanistan demonstriert. Aufgerufen zu der Demonstration am Samstag hatten Afghaninnen und Afghanen aus Hamburg, die Flüchtlingsorganisation Seebrücke und weitere Organisationen. Bei einer Demonstration in St. Georg zählte die Polizei 400 Menschen, die Veranstalter sprachen von 500. Am Jungfernstieg und auf dem Johannes-Brahms-Platz zählte die Polizei rund 750 Demonstranten.

Sie forderten die Bundesregierung auf, die Evakuierungsflüge so lange wie irgend möglich fortzusetzen, allen bedrohten Menschen in Afghanistan sichere Fluchtwege anzubieten und die Grenzen für Geflüchtete aus Afghanistan zu öffnen, wie die Veranstalter mitteilten. (dpa)

Großbritannien hat Evakuierung von Zivilisten abgeschlossen
Präsident Joe Biden bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus

Nach dem Anschlag am Kabuler Flughafen hatte Joe Biden einen Angriff auf IS-K angewiesen Foto: Evan Vucci/dpa

Großbritannien hat die Evakuierung von Zivilisten aus Afghanistan im Wesentlichen abgeschlossen. Wie das Verteidigungsministerium mitteilt, plant das Land keine weiteren Flüge eigens für Zivilisten. Fortgesetzt würden allerdings Flüge aus Kabul für britische Militärangehörige, bei denen auch eine kleine Anzahl an Afghanen mitgenommen werde. (rtr)

Bundesanwaltschaft ermittelt nach Schuss auf Deutschen in Kabul

Die Bundesanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren zu den Schussverletzungen eines Deutschen am Flughafen in Kabul eingeleitet. Es bestehe ein Anfangsverdacht für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am Samstag. Da bislang unklar sei, wer den Schuss abgegeben habe, werde das Verfahren gegen Unbekannt geführt. Zunächst hatte die Welt darüber berichtet.

Am Freitag der vergangenen Woche wurde bekannt, dass ein Deutscher auf dem Weg zum Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul angeschossen worden war. Um den Flughafen herrschen seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban chaotische Zustände. Die Lage ist extrem gefährlich. Ein weiterer Deutscher wurde in der Nähe des Flughafen leicht verletzt. (dpa)

Sorge vor weiteren Attentaten und Vergeltungsschlägen

Die USA stellen sich nach dem Vergeltungsangriff auf die Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) auf die gefährlichste Phase der am Dienstag endenden Evakuierungen ein. Das Ausfliegen von Ausländern werde zügig fortgesetzt, sagte ein Vertreter westlicher Staaten am Samstag Reuters. Jedem solle in den kommenden 48 Stunden eine Ausreise ermöglicht werden. Nach seinem Worten haben Kämpfer der Taliban und ihre Kommandanten den Kreis um den Kabuler Flughafen enger gezogen, seien jedoch nicht auf das Flughafengelände vorgedrungen.

Nach dem Selbstmordattentat vor einem Tor des Flughafens mit 92 Toten, darunter 13 US-Soldaten, hat die US-Armee am Freitag ein Ziel in der Provinz Nangarhar an der Grenze zu Pakistan angegriffen. „Ersten Angaben zufolge haben wir das Ziel getötet. Wir wissen von keinen zivilen Opfern“, hieß es in einer Erklärung des US-Militärs. Augenzeugen in Dschalalabad, der Hauptstadt von Nangarhar, berichteten von Explosionen bei einem Luftangriff in der Umgebung der Stadt.

Ein Vertreter der US-Regierung, der nicht genannt werden wollte, sagte, mit einer Drohne vom Typ Reaper sei ein Wagen angegriffen worden. Darin seien ein Planer des Attentats und ein IS-Mitglied gewesen. US-Präsident Joe Biden hatte das Verteidigungsministerium angewiesen, einen Angriff auf ISIS-K, den afghanischen IS-Ableger zu planen. Die mit dem IS verfeindeten Taliban erklärten, einige IS-Mitglieder seien verhaftet worden.

In den kommenden Stunden müssen die USA und die in Kabul verbleibenden Alliierten neben Ausländern und Ortskräften rund 5000 Soldaten evakuieren. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, erklärte, es gebe „spezifische und glaubhafte“ Hinweise auf weitere Attentate. (rtr)

USA fliegen Drohnenangriff gegen IS

Weniger als 48 Stunden nach dem schweren Anschlag am Flughafen von Kabul hat das US-Militär einen Vergeltungsangriff gegen den afghanischen Ableger der Terrorgruppe IS geflogen. Der afghanische IS-Ableger – Islamischer Staat Provinz Chorasan (IS-K) – hatte sich zu dem Anschlag am Flughafen von Kabul bekannt, bei dem am Donnerstag mindestens 85 Menschen getötet wurden, darunter 13 US-Soldaten.

Der Drohnenangriff sei gegen ein IS-Mitglied in der Prozinz Nangahar gerichtet gewesen, der mutmaßlich an der Planung von Angriffen gegen US-Ziele in Kabul beteiligt gewesen sei, teilte das US-Zentralkommando am frühen Samstagmorgen mit. Bei dem Drohnenangriff sei eine Person getötet worden, erklärte Sprecher William Urban. Von zivilen Opfern sei nichts bekannt.

Ob die Person an dem Selbstmordanschlag vom Donnerstag mit 13 getöteten US-Soldaten und bis zu 169 getöteten Afghanen beteiligt war, blieb offen. Unmittelbar nach der Bluttat hatte US-Präsident Joe Biden erklärt, die Täter würden nicht entkommen. “Wir werden euch jagen und bezahlen lassen“, sagte er. (afp/ap)

Amnesty International fordert weitere Rettungsflüge

Der Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, Markus N. Beeko, hat weitere Rettungsflüge aus der Region um Afghanistan und leichtere Visa-Vergaben gefordert. „Wir erwarten, dass die Bundesregierung und andere Staaten die teils schwer traumatisierten evakuierten Menschen jetzt weiterhin zügig aus der Region ausfliegen“, sagte Beeko der Düsseldorfer Rheinischen Post. Dabei müsse darauf geachtet werden, dass Familien nicht auseinandergerissen werden. Hier sei ein unbürokratisches Vorgehen gefragt.

Außerdem gelte es in internationalen Gesprächen darauf hinzuwirken, dass weiteren besonders gefährdeten Menschen geholfen wird, an sichere Orte zu gelangen, sagte Beeko. Er nannte Verteidiger von Menschenrechten oder Journalistinnen und Journalisten als Beispiele. „Dies sollte auch durch eine vorübergehende nachträgliche Erteilung von Visa und einen beschleunigten Familiennachzug aus der Region unterstützt werden“, forderte der Amnesty-Generalsekretär. (epd)

Auch Frankreich beendet Evakuierungen aus Kabul

Nach zahlreichen anderen Staaten hat auch Frankreich seine Evakuierungsaktion beendet und sein Botschaftspersonal abgezogen. Das gaben Außenminister Jean-Yves Le Drian und Verteidigungsministerin Florence Parly am Freitagabend in Paris bekannt. Im Rahmen der Aktion seien fast 3.000 Menschen ausgeflogen worden, erklärten sie.

Das Botschaftsteam aus Kabul sei in Abu Dhabi eingetroffen und werde nach Frankreich zurückkehren, hieß es in der Erklärung. Ein französischer Stützpunkt in Abu Dhabi war als Drehkreuz genutzt worden. Präsident Emmanuel Macron hatte am Donnerstag gesagt, Botschafter David Martinon und weiteres diplomatisches Personal würden Kabul „in den nächsten Tagen“ an Bord einer der letzten französischen Maschinen verlassen. Der Botschafter behalte seinen Posten, werde aber aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres aus Paris arbeiten. (ap)

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