Ahnungslosigkeit über Fußball-WM: Irgendwann reichelt’s wirklich
Was uns Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt alles verrät, wenn er nur mal andere Medien diskreditieren und über Frauenfußball ablästern möchte.
I ch habe ja eine Vermutung, warum Algorithmen mir mit Vorliebe diese überflüssigen Reels aufs Handy spielen, wenn sie von Fußball handeln. Ich gucke sie halt ab und an, diese „kurzen und unterhaltsamen Videos“, wie Instagram den bunten Scheiß definiert.
Aber warum spielt man mir ausgerechnet eine Szene rein, in der ein selbstgefälliger Mann, der sich erst mal erkundigen muss, gegen wen „wir“ 6:0 gewonnen haben – „Marokko, richtig?“ –, mit gespielter Empörung berichtet, der Deutschlandfunk habe von diesem Spiel behauptet, es hätte auch anders ausgehen können? „Bizarr“ sei das, weiß der eitle Grinser, über dem der Schriftzug „Achtung, Reichelt!“ prangt. So verarschten einen die Medien, wo doch jeder Fan wisse, dass bei einem 6:0 die anderen gegen die Wand gespielt worden seien.
Für einen, der nicht einmal den Gegner kennt, ist das ein gewagter Ausflug in Bereiche, in denen es Menschen gibt, die tatsächlich etwas davon verstehen. Aber, weiß der Gockel mit Brille, „Frauenfußball interessiert eh keine Sau“.
Wenn solche Leute von Fußball reden, meinen sie nicht das Spiel – das haben sie ja nicht gesehen, und wenn, dann nicht genossen. Sie meinen das reine Ergebnis. Wie solche Typen, wenn sie mal Chefredakteure sind, nur von Auflage reden und nicht von Texten. Wie solche Männer, wenn sie Geschäftsführer sind, nur von Erträgen reden, nicht vom Nutzen. 6:0 gewonnen, mehr muss ein neoliberaler Wortführer nicht wissen. Wie sich das Spiel entwickelt hat, das ist denen so unwichtig wie der Gegner. Das war doch Marokko, oder?
Dialektik der Arschlochigkeit
Es offenbart sich die Dialektik der Arschlochigkeit: Einerseits sind „wir“ selbstredend die Besten und dass „wir“ einen Gegner aus Nordafrika überrollen, scheint zur nationalen Tradition zu zählen. Andererseits kann trotz deutscher Großmäuligkeit keiner garantieren, dass das mit dem Siegen immer so weitergeht. Sollte das DFB-Team verlieren, dann wird schon mal vorgebaut: Es war ja nur Frauenfußball.
Das ist schon sehr dreist. Einerseits selbst offenkundig keine Ahnung zu haben, andererseits Leute, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, als Lügner und Manipulateure hinstellen. Es ist die Logik, die gründlich recherchierende Journalisten aus Social-Media-Kommentaren kennen: „Hätte der Autor nur zwei Minuten gegoogelt, wüsste er …“
Dieser Stolz auf die eigene Dummheit ist Programm: Leute, die sich mit Themen beschäftigen, die die heile Herrschaft des Dreitagebart-Schmierlappens bedrohen könnten, werden diskreditiert, wie aus voller Überzeugung nur jemand diskreditieren kann, der völlig ahnungslos ist. Diesmal ist es der Frauenfußball, der solchen Möchtegern-Diktatoren eh nur als Einfallstor für schlimme Dinge gilt: LGBTQ-Rechte und anderes Bähzeug.
Ich ahne mittlerweile, warum man mir dieses Reel aufs Handy gespielt hat: Weil es so unfassbar viel über diese Gesellschaft verrät. Fußball ist wichtig, aber für Julian Reichelt interessiert sich doch keine Sau.
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