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Afghanische Designerin KatayonDie Frau, die mit ihrer Mode den Taliban trotzt

Die afghanische Designerin Katayon rief unter der Taliban-Herrschaft ihr eigenes Modelabel ins Leben. In Pakistan lebt sie in Angst vor Abschiebung.

Die afghanische Designerin Katayon Foto: Nabila Lalee

Aus Islamabad

Nabila Lalee

Eine gebrauchte Nähmaschine und kaum Geld in der Tasche: Das war alles, was die junge Afghanin Katayon hatte, um ihren Traum von einem eigenen Modelabel zu verwirklichen. In ihrem Heimatland am Hindukusch waren die Taliban gerade wieder an die Macht gekommen und hatten damit begonnen, Frauen wieder zurück ins häusliche Leben zu drängen. Doch Katayon hatte andere Pläne: Sie wollte sich einen Namen als Modedesignerin machen, als alleinstehende Frau in Kabul, mitten im Emirat der Taliban.

Heute, fast fünf Jahre später, steht Katayon in ihrer eigenen Werkstatt in Islamabad, umringt von Stoffen, Fäden und Knöpfen. Sie hat viel zu tun dieser Tage, für eine Kundin aus Deutschland fertigt sie ein Kleid. Auf der sozialen Plattform Instagram folgen ihr fast 100.000 Menschen, vor allem in Afghanistan hat sie sich einen Namen als Designerin, Modeunternehmerin und Influencerin gemacht. Ihre Heimat hat sie inzwischen in Richtung des benachbarten Pakistans verlassen. Obwohl sie dort in ständiger Angst vor Abschiebung lebt, arbeitet sie weiter öffentlich.

Als Designerin bricht sie mit dem gängigen Stereotyp über afghanische Frauen, doch ihre Geschichte steht exemplarisch für die Realität vieler Afghaninnen: Sie erzählt von Flucht und Migration, einem Land im Umbruch und dem Versuch einer jungen Frau, ihren Platz im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zu finden.

Katayon trägt einen Blazer, die dunklen Haare sind zu einem Zopf gebunden. Ihre Kollektionen verbinden afghanische Stoffe mit westlichen Schnitten: Farbenfrohe Miniröcke und lange Kaftans, Jeansjacken mit bunten Stickereien. Inspiration schöpft sie aus der ethnischen Vielfalt und jahrtausendealten Kultur ihres Heimatlandes. Auf einem von ihr entworfenen weißen Korsett prangt die Darstellung des persischen Dichters und Sufi-Mystikers Rumi, dessen Geburtsort im heutigen Afghanistan liegt.

Vor den Scherben ihrer Träume

Aufgewachsen ist Katayon in der nordafghanischen Stadt Masar-i Scharif. Ihre Schwester, eine Schneiderin, lehrte ihr die wichtigsten Techniken im Umgang mit Faden und Nähmaschine. Doch ursprünglich hatte Katayon andere Pläne gehabt. Nach ihrem Studium zog sie in die Hauptstadt Kabul, wollte Karriere im Fernsehen machen. Um Geld zu verdienen, arbeitete sie bei einer Modefirma, lernte dort viel über die vielen Stoffe und traditionellen Muster im Vielvölkerstaat Afghanistan.

Dann kamen im August 2021 die islamistischen Taliban erneut an die Macht, die bereits in den 1990er Jahren das Land unter ihrer Schreckensherrschaft gehalten hatten. Katayon stand wie Millionen anderer afghanischer Frauen vor den Scherben ihrer Träume. Sie zog zurück zu ihrer Familie nach Masar-i-Scharif, wusste nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte.

Denn schnell war klar, dass in dem Emirat der Taliban kein Platz für selbstbestimmte Frauen war. Zwar beendeten die Taliban formal die bewaffneten Auseinandersetzungen, das Land atmete nach Jahrzehnten des Krieges wieder auf. Die neuen Machthaber versprachen, die Korruption zu bekämpfen, die unter der vom Westen gestützten Vorgängerregierung grassiert hatte. Straßen und Wege wurden wieder befahrbar, ohne dass Menschen fürchten mussten, nicht lebend an ihr Ziel zu kommen.

Gleichzeitig begannen die neuen Machthaber schnell, Frauen systematisch aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Erst schlossen sie höhere Mädchenschulen, dann drängten sie Frauen aus Universitäten. Auch viele Berufe sind ihnen inzwischen versperrt. Für Katayon war aber schnell klar, dass sie sich von den voranschreitenden Repressionen nicht entmutigen lassen wollte. „Ich wollte arbeiten, nicht zu Hause sitzen. Schließlich kam mir die Idee, mein eigenes Modelabel zu gründen.“

Nur wenige Monate nach der erneuten Ankunft der Taliban packte sie ihre Sachen und eine gebrauchte Nähmaschine und machte sich alleine auf in Richtung Hauptstadt. „Ich wollte nach Kabul ziehen, da hier die Stoffe aller Ethnien des Landes zu finden sind, auch wenn mir neben der Monatsmiete kaum Geld übrigblieb.“

Knielange Röcke und bunte Stöckelschuhe

„Am Anfang nähte ich vor allem afghanische Trachten“, erzählt Katayon weiter. Da die Wirtschaft in Afghanistan aufgrund der Sanktionen gegen die Taliban zusammenbrach und die Bevölkerung mit dem Überleben kämpfte, suchte sie Kundinnen im Ausland, kombinierte traditionelle Muster mit neuen Schnitten. Obwohl in Kabul der Gang auf die Straße inzwischen nur mit vollständig bedecktem Körper und verhülltem Haar möglich ist, präsentiert sie sich auf ihrem Instagram-Kanal in Kollektionen, die so gar nicht in die Welt des Taliban-Emirats passen wollen. Ihre Bilder zeigen knielange Röcke und bunte Stöckelschuhe, offenes Haar und rot geschminkte Lippen.

„Viele Leute konnten nicht glauben, dass ich im Afghanistan der Taliban als Modedesignerin arbeite. Andere waren besorgt, weil ich mich im Internet nicht den strengen Kleidervorschriften der Taliban beugte.“ Für viele junge Frauen in ihrem Heimatland wurde die selbstbewusste Frau schnell zum Vorbild. „Ich kriege bis heute so viele Nachrichten von Mädchen, die mir schreiben, dass sie so werden möchten wie ich“, schildert sie.

Irgendwann wurde das Risiko jedoch zu groß, die Repressionen immer stärker. Um ihr Modeunternehmen nicht aufgeben zu müssen, beschloss Katayon Ende 2023, ihre Heimat zu verlassen. Mithilfe eines Freundes gelang ihr die Flucht in das benachbarte Pakistan.

Doch auch in ihrer neuen Heimat ist das Leben voller Schwierigkeiten. Ende 2023 hat Pakistan mit der massenhaften Abschiebung afghanischer Flüchtlinge begonnen. Bereits einmal musste Katayon ihre Wohnung räumen, da es ihrer Vermieterin vor dem Hintergrund der Massenabschiebung zu risikoreich schien, weiter ein Zimmer an eine Afghanin zu vermieten.

Bangen um die Zukunft

Seit vergangenem Februar befinden sich Pakistan und Afghanistan außerdem in einem Krieg, bei dem Islamabad auch die afghanische Hauptstadt Kabul bombardiert hat. Mit spürbaren Folgen für afghanische Geflüchtete: Medienberichten zufolge kommt es zu vermehrten Verhaftungen und Schikanen durch pakistanische Behörden, auch seien in Katayons Umfeld afghanische Flüchtlinge aufgefordert worden, Pakistan zu verlassen, wie die junge Frau berichtet.

Eine Rückkehr kommt für Katayon jedoch nicht infrage. „Ich möchte endlich an einem Ort ankommen, an dem ich nicht mehr täglich um meine Zukunft bangen muss“, sagt sie. Sie träumt von einem Leben in Europa, einer eigenen Boutique und Modeschauen, auf denen sie ihre Kollektionen präsentieren kann. Eine Sache steht jedoch für sie fest: Auch aus dem Exil möchte sie ein Vorbild für Frauen aus ihrem Land bleiben. „Ich möchte afghanische Frauen dazu ermutigen, ihren Träumen zu folgen. Denn wenn wir erst einmal Angst haben, wird es ihnen gelingen, uns zurück ins Haus zu verbannen.“

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