Afghanische Community in Berlin: Afghanistan, mon amour

Unser Autor ist als Kind aus Afghanistan geflüchtet. Neben der Sorge um Angehörige treibt die afghanischstämmige Community die Sorge um das Land um.

Protest für eine Luftbrücke nach Afghanistan in Berlin Foto: Filip Singer

Berlin taz | „Ich kann meine Gefühle gar nicht in Worte fassen. Sie ändern sich im Sekundentakt. Wenn ich die Videos der Anarchisten sehe, die letztlich doch nur Chaos im Namen des Islam stiften, das macht mich wütend. Wir fühlen uns alle so verlassen und ohnmächtig“, sagt Tahera Hashemi. Die aus Herat stammende Schauspielerin kam vor neun Jahren nach Deutschland und wohnt seitdem in Berlin und Weimar. Eigentlich hat sie keine Zeit, weil sie ständig Anrufe und Nachrichten aus der alten Heimat bekommt. Verzweifelte Anrufe von Menschen, die Hilfe suchen und selbst heute noch auf die Bundesregierung setzen.

40 Jahre Krieg, zwei Generationen lang, das ist Afghanistan. Vier Jahrzehnte Mekka der internationalen Waffenindustrie, Schlachtfeld großer und kleiner Mächte rund um den Globus. Aber es waren auch 40 Jahre Verrat am eigenen Volk. Gutes gab es zwar auch, Krieg und Konflikt dominierten aber durchgehen.

Wann hört das endlich auf? Wie immer leidet die Bevölkerung als Schlachtvieh der Mächtigen und Irren. Es ist ein monströses Trauerspiel, der reine Wahnsinn.

Tahera zerreißt das Wissen um die tatsächlich politische Situation in Deutschland, die schockierende Inkompetenz und auf der anderen Seite die Hoffnung der Menschen in Afghanistan, vielleicht ihre letzte Hoffnung. Sie spricht von unterwegs mit mir, im Hintergrund höre ich immer wieder ihr kleines Kind, das mit mir um Mamas Aufmerksamkeit buhlt. Ich biete ihr mehrmals an abzubrechen, aber sie möchte unbedingt sprechen. „Wir müssen jede erdenkliche Möglichkeit nutzen, um auf die Menschen, ihre Ängste, auf diese unfassbare Tragödie hinzuweisen. Auf dieses kolossale Scheitern des Westens.“

Der Schock in der Stimme

So wie ihr geht es allen afghanischen Berliner:innen, die ich erreichen kann. Gut ein Dutzend. Die afghanische Community umfasst inzwischen rund 20.000 Berliner:innen. Es sind Zugezogene aus anderen Bundesländern, sie sind hier aufgewachsen oder erst seit Kurzem da. Sie bangen und hoffen, weinen und schweigen, ihre Nächte sind bestimmt von wenig Schlaf. Ich spüre den Schock in ihren Stimmen, das ständige Seufzen, Ächzen und Luftholen, während wir miteinander sprechen. Ein Gefühl der Scham. Was sei schon ihr Leid gegen das der Menschen vor Ort?

Malala Abiwand lebt seit bald vierzig Jahren in Berlin. Die Arzthelferin kann sich kaum an heftigere Bilder aus ihrem Geburtsland erinnern. Dabei hätte doch jedes der vergangenen vier Jahrzehnte seine eigenen schrecklichen Bilder gehabt. „In den sozialen Medien ist der Unglaube über dieses wahnsinnige Tempo der Machtübernahme durch die Taliban das große Thema. Die Leute sind fassungslos. Sie sind nicht davon überrascht, dass die Taliban nun da sind, aber das Tempo schockiert. Und alles, was das nun bedeutet, vor allem für die Ortskräfte, die Frauen und Minderheiten.“

Kava Spartak, Gründer von Yaar e. V., eines Berliner Kulturvereins, der Geflüchteten eine wichtige Anlaufstelle ist, erzählt davon, dass er gerade Tag und Nacht arbeite, das lenke ihn ab. „Wenn es dann doch plötzlich mal still wird, muss ich weinen. Ohne Unterlass kommen Weinanfälle. Es überkommt mich einfach. Die Bilder sind schrecklich, gerade die vom Flughafen.“

So ergeht es auch Faruk Hosseini. Den Berliner Fotografen erinnern die Bilder vom Flughafen an die eigene Flucht vor 40 Jahren, als er sechs Jahre alt war. „Natürlich ist das Leid, die Art und Weise heute tausendfach schlimmer. Ich merke nur, wie Bilder und Erinnerungen hochkommen, die weit weg waren.“

Neben der Verzweiflung über die Verzweiflung vor Ort ist große Wut zu spüren. „Ich kann sehr viel sagen, aber ich mache es sehr kurz: Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, ist leider nichts Neues“, seufzt die 58-jährige Sozialpädagogin und Kita-Erzieherin Hassina Burgan. Burgan ist seit mehreren Jahrzehnten in Berlin ansässig und arbeitet in einer größeren Kita. Jeder denke an sich, an die eigenen Geschäfte und Interessen. „Die machen alle Politik auf Kosten der Bevölkerung. Es ist so eine Schande und wir können nur bedingt helfen. Das Gefühl der Ohnmacht ist sehr groß.“

Die 39-jährige Sahar Chopan ist Oberschullehrerin, Tänzerin und DJ, alles in einer Person. Geboren ist sie in Ostfriesland in einem Asylheim. Sie wirft den Nato-Staaten vor, kein Interesse gehabt zu haben an langfristig stabilen Strukturen, an einer tatsächlichen Entwarlordisierung des Landes, so wie man Deutschland entnazifizieren wollte. „Mit entsprechendem Druck auf Pakistan, Iran und andere regionale Mächte wäre da mehr möglich gewesen“, formuliert Chopan ihren Vorwurf an „den Westen“. Sie wirft Deutschland, aber auch anderen westlichen Kräften in Afghanistan, eine koloniale Haltung vor.

Wie könne man in ein Land gehen ohne Kenntnisse der Geschichte und der Kultur sowie der Multiethnizität? „Es ist eine softe Version der alten Kolonialpolitik, diese Arroganz, wie man mit den Ländern umgeht, ihnen vorschreiben will, was sie zu tun haben. Ohne jede Rücksicht auf die Gegebenheiten vor Ort.“

Nicht allein sein

Hossein Jawadi, den ich zufällig vor einem afghanischen Supermarkt treffe, könnte noch viel mehr dazu sagen, will sich aber nicht noch weiter in Rage reden. Der 27-Jährige gehört zur Gruppe der Hasara, die seit Jahrhunderten unterdrückt werden, weil sie Schiiten sind und zur mongolischstämmigen Minderheit gehören. Vor drei Jahren kam er über den Iran und die Türkei nach Berlin. „Ich bin in Sicherheit, aber was passiert mit den Menschen dort? Ich kann gerade nicht allein sein. Ich sitze ständig mit Freunden in irgendwelche Parks herum, und wir versuchen uns gegenseitig aufzumuntern.“

Wie können die Menschen in Berlin helfen? Je­de*r, mit der* ich gesprochen habe, würde die Ber­li­ne­r:in­nen zu Spenden aufrufen, zum Beispiel über Yaar e. V. Außerdem bitten sie um Unterstützung der Petition bei kabulluftbrücke.de, um Druck auf Bundestagsabgeordnete, auf die Regierungen, auch auf Landesebene auszuüben.

An Demos würden sie grundsätzlich teilnehmen wollen, aber sie spüren auch große Müdigkeit. „Man denkt, irgendwann muss das alles doch ein Ende haben. Irgendwann muss man unsere Stimmen doch endlich mal hören. Aber was nützt das, wenn sich die Entscheider hinter verschlossenen Türen treffen und über das Schicksal der Menschen bestimmen?“ Trotzdem, sagt die Kita-Erzieherin Hassina Burgan, möchte sie an der großen Demonstration am kommenden Sonntag im Berliner Regierungsviertel teilnehmen.

Was die Taliban angeht, sind viele meiner Ge­sprächs­part­ne­r:in­nen abwartend. Ihnen sei zwar nicht über den Weg zu trauen, und aus der Ferne lasse sich das leicht sagen, aber wie sie gerade auftreten und dass sie nicht gleich alles verbieten, Medien weiter berichten dürfen, sei ein Unterschied zu damals. Was denn Ihre Erwartungen an die deutsche Politik wären, will ich noch wissen. Ausnahmslos fordern alle eindringlich, dass sich die Bundesregierung möglichst unbürokratisch und umgehend um die Ausreise der Ortskräfte und anderer akut gefährdeter Personen kümmern müsse. Alles andere wäre eine Schande für die deutsche Politik. Eine weitere.

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