AfD-Skandale und mediale Reaktionen

Flächendeckend gefallene Masken

Ein AfD-Funktionär äußert sich antisemitisch. Und alle sind empört und aufgeregt. Dabei wissen wir doch längst, wer da in unseren Parlamenten sitzt.

Alice Weidel, Stephan Brandner und Alexander Gauland stehen vor Mikrofonen

Alles geschieht vor laufenden Kameras, für alle zu sehen Foto: dpa

Die Empörung bricht nicht ab. Es sind die immer gleichen Mechanismen. Ob Weidel im Bundestag die Presse beschimpft, ob herauskommt, dass Kalbitz 2007 an einer Neonazidemonstration teilnahm, auf der Hakenkreuze gezeigt wurden, oder ob Höcke einem Kamerateam seine ganze Großmannssucht entgegenschleudert – immer wieder zeigen sich große Teile der Medien schockiert.

Als wüssten wir nicht alle, wer da in den deutschen Landtagen sitzt. Als guckten wir nicht zu, wie diese Menschen jede Woche in Talkshows eingeladen werden. Als ständen sie nicht auf den Feiern der Verlage und Zeitschriften herum und schlürften Prosecco. Als hätten deutsche Medien der AfD nicht eine Schnellstraße nach der anderen ins Parlament gebaut. Und mittendrin feiern sie sich für ihren kritischen Stil, wenn mal wieder ein Nazi die Maske fallen lässt. Dabei sind die Masken längst flächendeckend gefallen.

Die neueste „Enthüllung“ kommt aus Halle. Das ZDF-Magazin „Frontal21“ veröffentlichte ein Video des AfD-Stadtrats ­Donatus Schmidt, in dem dieser antisemitische Verschwörungstheorien der übelsten Sorte vom Stapel lässt. Die Spanne reicht dabei von der Behauptung, es habe am 11. September 2001 einen „Jew-Call“ gegeben, bei dem alle „wichtigen Juden gewarnt wurden“, bis zum klassischsten aller antisemitischen Narrative. „Man muss nur sehen: Woher kommt das Geld? Woher kommt die Macht?“, sagt Schmidt in dem Video.

Dass er ausgerechnet Lokalpolitiker in Halle ist, der Stadt, in der erst kürzlich ein antisemitischer Verschwörungstheoretiker und Neonazi einen Massenmord plante und begann, ist nur die Kirsche auf der verdorbenen Sahnetorte, die diese Geschichte zu einer Meldung macht. Ansonsten wäre sie versackt wie all die Hunderte anderen Geschichten. Längst gibt es sie überall, die Schmidts und Höckes, die organisierten Neonazis in den Parlamenten. Für große Teile der Presse scheinen sie immer noch ein Aufregerthema zu sein. Neonazis, Hells Angels, Linksextremisten, Sex: läuft immer. Noch immer haben viele nicht verstanden, an welchem Punkt wir uns befinden.

Ich kann es gern noch mal erklären: Wir befinden uns an einem Punkt, an dem mich meine Mutter fragt, wohin wir eigentlich auswandern, wenn es so weit ist. An einem Punkt, an dem die wenigen Überlebenden und die vielen Toten uns mahnen und wir dennoch weitermachen wie zuvor. Empört. Entgeistert. Und erregt.

Einmal zahlen
.

Juri Sternburg, geboren in Berlin-Kreuzberg, ist Autor und Dramatiker. Seine Stücke wurden unter anderem am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt. Seine Novelle "Das Nirvana Baby" ist im Korbinian Verlag erschienen. Neben der TAZ schreibt er für VICE und das JUICE Magazin.  

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben