Ärztin im Krieg in der Ukraine: „Wir sind es gewohnt, mit gefährlichen Situationen umzugehen“
Die Chirurgin Nataliia Tetruieva hat in einer Kinderklinik in Kyjiw gearbeitet, als dort eine Rakete einschlug. Ihre Devise: lernen, teilen, weitergeben.
Tief eingebrannt in ihr Gedächtnis hat sich der 8. Juli 2024. Nataliia Tetruieva war gerade auf dem Weg in den Operationssaal, als eine Rakete in der Kinderklinik Ochmatdyt in Kyjiw einschlug. Zu diesem Zeitpunkt fanden wichtige Operationen statt, sagt sie, die Kinder seien unter Narkose gewesen. Schnell habe man die Patient:innen aus dem gefährdeten Gebäude an einen sicheren Ort bringen müssen, erzählt sie weiter. Eine Kollegin starb bei der Evakuierung.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Operieren in Kriegszeiten? Muss eine Ärztin das aushalten? „Wir Medizinerinnen und Mediziner sind es doch gewohnt, mit lebensgefährlichen Situationen umzugehen“, sagt Tetruieva. Sie ist eine der renommiertesten Chirurginnen der Ukraine, arbeitet seit Jahrzehnten als Ärztin. Ihre Aufgabe sei es auch zu verhindern, dass Panik und Chaos in Notlagen ausbricht, sagt sie – so auch am 24. Februar 2022, dem Tag als Russland Kyjiw und andere ukrainische Städte angriff.
Wenn Tetruieva dies sagt, klingt das nüchtern und selbstverständlich. Und ist es doch nicht in einem Land, das seit 1.472 Tagen unter Dauerbeschuss ist. In den ersten Kriegsmonaten kamen nicht nur – wie sonst – Kinder mit angeborenen Gesichts- und Kieferfehlbildungen in das Krankenhaus, sondern auch Verletzte ganz unterschiedlichen Alters aus Kyjiw und Umgebung.
Viele längerfristig geplante Operationen an Kindern mussten verschoben werden. Tetruieva handelte direkt nach Beginn der russischen Vollinvasion; sie rief ihre Patient:innen an, um zu klären, wer sofort operiert werden muss und bei wem ein Aufschub aus medizinischer Sicht vertretbar ist.
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Nataliia Tetruieva ist Profi auf ihrem Fachgebiet. Seit 1991 ist sie leitende Chirurgin der Abteilung für plastische und rekonstruktive Mikrochirurgie in Ochmatdyt, dem größten Kinderkrankenhaus der Ukraine. In dieser Zeit begann sie auch, ein interdisziplinäres Zentrum für Kiefer- und Gesichtschirurgie für Kinder aufzubauen.
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Tetruieva operiert Kinder mit angeborenen Fehlbildungen, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Tumoren und schweren Gesichtsverletzungen. „Das Wichtigste bei dieser schwierigen Arbeit ist Teamarbeit“, sagt Tetruieva. Logopäd:innen, Chirurg:innen, Kieferorthopäd:innen, Psycholog:innen, Operationstechnische Assistent:innen und auch diejenigen, die Freizeitprogramme für die Kinder während der Behandlung organisieren, müssen zusammenarbeiten. „Die weitere Entwicklung der Patientinnen und Patienten ist genauso wichtig wie die Behandlung von Kiefer- und Gesichtsfehlbildungen“, sagt Tetruieva. Selbst nach erfolgreichen Operationen kämpften viele Kinder noch mit Sprachstörungen.
Im Jahr 2022 wurde die Chirurgin von der Organisation Women in Global Health zur „Heldin der Gesundheit“ gekürt. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Arbeit unter den schwierigen Kriegsbedingungen. Noch immer sei es eine Herausforderung, rechtzeitig Hilfe für Patient:innen aus den Frontgebieten und besetzten Gebieten zu organisieren. Tetruieva und ihr Team machen Schulungen für Fachleute aus der ganzen Ukraine, sie bieten Onlinekurse für Patient:innen mit Logopäd:innen an.
Seit Beginn der russischen Vollinvasion hat sich der Arbeitsmarkt auf ihrem Feld verändert. Deutlich mehr Frauen haben verantwortliche Jobs im Gesundheitswesen übernommen. Das sei eine gute Entwicklung, sagt Tetruieva – denn noch immer existierten viele Stereotypen über Ärzte und Ärztinnen.
Dabei sei es wichtiger denn je, gleiche Chancen für alle Fachkräfte unabhängig von ihrem Geschlecht zu gewährleisten, nur so könne ein stabiles und effektives Gesundheitssystem in der Ukraine bestehen. Lernen, teilen und weitergeben, dieses Motiv zieht sich durch Tetruievas ganzes Leben. Vielleicht betont sie auch deshalb immer wieder, dass das Krankenhaus trotz des Kriegs versucht, Kontakte zu Fachleuten in den USA und in Europa zu halten und auf moderne Behandlungsansätze zu setzen.
Heute ist Tetruieva 77 Jahre alt. Eigentlich könnte sie in Rente gehen. Doch sie bleibt im Dienst, operiert weiter, macht Sprechstunden für Patient:innen, forscht und teilt ihr Wissen auf internationalen Konferenzen.
Inzwischen hat das Krankenhauspersonal auch wieder seine reguläre Arbeit aufgenommen. Normalität im Ausnahmezustand. Es gibt einen Satz, den Nataliia Tetruieva von den Kindern, die zu ihr kommen, immer wieder gehört hat: „Ich möchte auch so aussehen wie die anderen.“ In der Chirurgie geht es um weit mehr als Äußerlichkeiten, um Selbstvertrauen, mehr Lebensqualität.
Und gerade in diesen Zeiten will Tetruieva dazu ihren Beitrag leisten.
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