Abwechslung in der Pandemie: Vibratoren für alle Diktatoren

Endlich mal wieder dichtes Gedränge auf den Straßen. Das ging am 1. Mai. Auch unser Autor hat einiges erlebt, zumindest aus der Ferne.

Schaulustige sitzen auf einem Stromkasten in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln am 1. Mai 2021

Schaulustig ohne Abstand einzuhalten: Berlin-Neukölln am 1. Mai 2021 Foto: Christoph Soeder/dpa

Man vegetiert so vor sich hin in der Lockdown-Tristesse und weiß nicht, wie sich die Zeit totschlagen lässt und dann gibt es in Berlin plötzlich ohne Ende Möglichkeiten, mal wieder etwas zu erleben. Fahrrad-, Mieten-, Querdenkerdemo, es war ja wirklich einiges los an diesem Wochenende. Gerne wäre ich gleich in der Walpurgisnacht am 30. April auf die queer-feministische „Take back the night“-Demo gegangen.

Aber dort waren ausdrücklich kein Alkohol, keine Fahrräder und keine Cis-Männer erlaubt. Warum eigentlich keine Fahrräder? Cis-Männer nicht erwünscht, das scheint gerade ein feministischer Retro-Trend zu sein. Bestätigte mir auch eine Freundin. Eine Zeit lang hat man es mit ihnen versucht, etwas zum Besseren zu wenden, jetzt hat man das aufgegeben. Natürlich habe ich den Wunsch der Frauen respektiert und bin da nicht hingegangen.

Dann der 1. Mai: Erst mal ein wenig die Liveticker verfolgen: Die Demo, bei der das Fahrrad wiederum ausdrücklich erlaubt war, der Radkorso durch Grunewald, durfte sogar auf der Autobahn A-100 fahren. Bei anderen Protesten soll die Stimmung dagegen eher so mittelmäßig bis mau gewesen sein. Und bei den Querdenkern in Lichtenberg war nicht mal ein bekanntes Gesicht aus Film und Fernsehen mit dabei gewesen, sonst hätte man doch bestimmt etwas davon erfahren.

Live bei Putins Haussender

Beste Demo-Liveberichterstattung bot übrigens Putins Haussender Russia Today an mit seinem Youtube-Live­streaming. Warum kriegen deutsche Medien so etwas eigentlich nicht hin? Gerade während der Pandemie, wenn man sich zwei Mal überlegt, ob man unbedingt auf Massenveranstaltungen herumrennen muss, ist so ein Dauerstream eine feine Sache. Am meisten Action versprach die traditionelle „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“ um 18 Uhr. Zuerst hatte ich mir überlegt, auf diese am geplanten Zielort Oranienplatz zu warten.

Da wäre es mir freilich wie Godot ergangen, die Demo wurde ja bereits in der Sonnenallee gestoppt und vorzeitig aufgelöst. Faul irgendwo darauf zu warten, dass der Demo-Karneval endlich an einem vorbeizieht, war die falsche Entscheidung. Das mussten auch die Massen an Menschen erkennen, die die Panierstraße säumten. Gleich kommt der Umzug, dachten sich die Anwesenden, Polizei und Wannen ohne Ende waren ja bereits im Einsatz. Als dann aber einfach nichts passierte, kam spontan Myfest-Stimmung auf. Vor den Spätis bildeten sich Schlangen und es wurde sich mit Alk eingedeckt. Und auf Höhe der Weserstraße gab es eine Spontanparty, bei der getanzt wurde.

Derweil war bei der „Revolutionären 1.-Mai-Demo“ Flaschenwerfen und „Ganz Berlin hasst die Polizei“-Skandieren bereits in vollem Gange. Es brannten auch ein paar Barrikaden, die Hitze der Flammen tat ganz gut, denn es war ein wenig frisch.

Antisemitismus in Neukölln

Leider wurden an der Demospitze „Free Palestine“-Schilder hochgehalten. Zig antizionistische Gruppen beteiligten sich beim Marsch durch Neukölln. „From the river to the sea, Palestine will be free“-Sprechchöre wurden angestimmt. Bei jeder Querdenker-Demo würden linke Hobbyrevolutionäre zu Recht das Schwenken von Reichsflaggen kritisieren, aber mit Antisemitismus in den eigenen Reihen hat man offensichtlich kein Problem.

Der Zugang zum Görli war beim Nachhauseweg von der Polizei abgesperrt und zwang zu einem Umweg. Dabei kam die Demo am Ende nicht mal in die Nähe des Parks. War das also wirklich eine angemessene Maßnahme? Über solche Fragen denkt man zurzeit ja gerne mal genauer nach.

Wenigstens saß vor dem Humana an der Warschauer Straße eine junge Frau mit Gasmaske über dem Kopf und sang Playback zur Melodie von DAFs „Mussolini“. Aber mit geändertem Text. „Vibratoren für alle Diktatoren“, dichtete sie beispielsweise. Wahrscheinlich war das die politisch interessanteste Forderung, die an diesem 1. Mai in Berlin zu vernehmen war.

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