Abstand in der Pandemie: Die Corona-Prophylaxe

Mein türkischer Nachbar stinkt nach Billigparfüm. Ich bleibe dagegen bei meiner täglichen Knoblauchknollen-Ration.

Knoblauch-Knollen in einem Gemüsekorb

Sorgt wie Billigparfüm für den Corona-Abstand: Knoblauch Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Weil mein kommunistischer Sohn Mehmet schon wieder meinen Ford-Transit geklaut hat, muss ich bei diesem ekligen Nieselregen bis zur Bushaltestelle laufen. Dort sehe ich, dass ein armer Türke mit seiner Bild-Zeitung in der Hand, wie der einzige Überlebende nach einer Schiffskatastrophe auf einer einsamen Insel, völlig allein unter dem Regendach steht. Ungefähr zehn Deutsche stehen hochnäsig und arrogant mit dem Rücken zu ihm, werden lieber klitschnass und warten sehnsüchtig auf den rettenden Bus.

Hauptsache weg von hier, weg von diesem lästigen Türken, lese ich in deren Augen.

Das hat auch der Bild-Türke bereits verstanden und versteckt sich verschämt hinter seiner Zeitung. Und das alles nur, weil er schwarze Haare, zwei Goldzähne (die sieht man selbst hinter dem Mundschutz) und mehrere Goldkettchen hat.

Ich kann das nicht mehr mit ansehen! Ich hasse Diskriminierungen jeglicher Art. Erst recht hasse ich Diskriminierungen an der Bushaltestelle! Ich kann meinen Kopf doch nicht in den Sand stecken, oder in die Regenpfütze. Wie weit soll sich der arme Türke denn noch integrieren? Er liest doch bereits die Bild-Zeitung wie jeder anständige Deutsche auch.

Ich zeige Zivilcourage im Alltag, nähere mich dem ausgestoßenen Bild-Leser mit dem goldglänzenden Mundschutz solidarisch – und renne dann sofort wieder weg.

„Verflucht, der Kerl stinkt ja wie ’n orientalischer Puff“, schimpfe ich laut.

„Ja, fürchterlich. Der gute Mann hat mit Sicherheit zehn Flaschen Parfüm über den Kopf geschüttet“, stöhnt der Deutsche neben mir.

„Ich laufe lieber die ganze Strecke bis Halle 4 zu Fuß. Mit dem Stinktier zusammen steige ich nie im Leben in den gleichen Bus ein!“, schimpfe ich sauer.

„Hallo, Osman, ich bin’s doch, Ahmet“, entpuppt sich der stinkende Bild-Türke als mein lieber Nachbar.

„Ahmet, willst du uns alle umbringen? Hast du im Billigparfüm gebadet?“, zische ich angewidert.

„Osman, du versuchst die Leute mit viel Knoblauch auf Corona-Distanz zu halten, meine Corona-Prophylaxe ist das Billigparfüm“, lacht er glänzend.

„Wieso? Ich esse doch nur eine einzige Knolle am Tag. Wie vor Corona auch“, wehre ich mich. In dem Moment kommt endlich der Bus.

„Ahmet, halte dich bitte mindestens 10 Meter weit weg von mir, sonst kippe ich auch ohne Corona gleich tot um“, knurre ich, während wir in den völlig überfüllten Bus einsteigen. Wir springen sofort mit Tränen in den Augen heulend wieder raus.

„In überfüllten Bussen mit lauter Stinkstiefeln habe ich eine viel bessere Corona-Prophylaxe, meine Herren“, ruft eine junge Frau und zeigt uns eine kleine Dose. „Pfefferspray!“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

▶ Alle Grafiken

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de