Abgefilmtes „Wintermärchen“ in Göttingen: Abstandsregel eingehalten

Eine Theaterinszenierung für das Internet abzufilmen ist komplizierter, als es klingt. Diese Erfahrung macht derzeit das Junge Theater Göttingen.

Schauspieler Jan Reinartz grübelt auf der Bühne

Auf der Bühne für die Kamera: Schauspieler Jan Reinartz grübelt mit Heine über Deutschland Foto: Dorothea Heise/Junges Theater Göttingen

GÖTTINGEN taz | Ein Gedanke an Köln war’s, der den Erzähler aus Heines „Wintermärchen“ beiläufig in den Mantel greifen lässt. Er fingert eine Postkarte in Schwarz-Weiß aus der Innentasche und gerät auf der Theaterbühne ausdrucksstark ins Grübeln: „Die steinernen Häuser schauten mich an / Als wollten sie mir berichten / Legenden aus altverschollener Zeit, / Der heil’gen Stadt Köllen Geschichten“. Und Stopp. „War gut“, sagt der Kameramann und bittet den wie eingefroren dastehenden Schauspieler, die Karte noch mal kurz in den Zoom der Kamera zu wenden. „Bitte nicht“, sagt der erschrocken, „da ist Paris drauf – das merkt wirklich jeder!“

Nicht jede gefilmte Großaufnahme tut dem Bühnengeschehen gut, auch hier beim Jungen Theater in Göttingen muss man sich erst mal herantasten. Es ist ein Experiment, eine Produktion für den Internetstream, wie sie viele Häuser gerade machen, ohne dass irgendwer ein Patentrezept hätte. Zumindest wenn man nicht zu der Handvoll Theater gehört, wo spezialisierte TV-Sender für so was vorbeikommen. Dank Coronadürre war viel zu sehen in den letzten Wochen: von der achtlos mitlaufenden Dokukamera im Parkett kleiner Häuser bis zu den Materialschlachten der ganz Großen.

Göttingen spielt irgendwo dazwischen. Man hat ein externes Filmteam engagiert, die Firma Knock-Wood Films, und mit „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ein schönes, aber überschaubares Stück ausgewählt. Schauspieler Jan Rei­nartz gibt Heines Gedicht über weite Strecken wortgetreu als Monolog wieder – kitzelt mit Mimik und dezent gesetzten Lachern gekonnt Sarkasmus und Ironie aus dem Text, ohne ihn aber zu gängeln. Das ist eine große Freude, denn so beißend die Abrechnung des Exilanten mit Deutschland auch ausfällt, so sehr lebt der Text eben doch auch von seinen Zwischentönen. In einigen Szenen springt ihm Katharina Brehl bei, spielt etwa wütend und tobend Vater Rhein in Gummistiefeln und angeklebtem Rauschebart. Eine schauspielerisch gelungene Konfrontation ist das, und ein bisschen Action für die Kamera.

Außerdem ist mit nur zwei Menschen auf der Bühne auch die Abstandsregel gerade noch zu wahren. Auch das ist ja wichtig fürs Streaming, sofern nicht noch alte Aufnahmen aus der Zeit vor Corona im Archiv herumliegen. Ganz zu schweigen vom Proben: Auch in Göttingen galt schließlich wochenlanges Arbeitsverbot und entsprechend kurz war die Vorbereitungszeit für die Filmaufnahmen.

Dass die Zukunft des Theaters langfristig im Netz liege, glaubt auch der Intendant nicht. Aber lernen könne man hier viel

Die werden nun zur Marathonsitzung: Jede Szene gibt’s einmal im Durchlauf für die Totale, die das Bühnengeschehen in Gänze zeigt. Dann werden einzelne Passagen nochmal halbtotal gefilmt und dann gleich noch mal schräg von der Seite, wofür der Kameramann mit Stativ und allem Krempel auf die Bühne klettert. Dann gibt’s einen verpatzten Lichtwechsel und alles geht von vorn los. Mag sein, dass ein Livepublikum davon nichts gemerkt hätte, aber unterschiedlich gefärbtes Rohmaterial für den Schnitt – das geht nun wirklich nicht.

Regisseur Tobias Sosinka und Knock-Wood-Chef Christian Ewald-Kronen arbeiten harmonisch nebeneinander. Das ist nicht selbstverständlich, da hier doch schließlich zwei ästhetisch sehr unterschiedliche Bildebenen miteinander konkurrieren. Als die Theaterleute sich zwischendurch kurz besprechen, weist Ewald-Kronen seinen zweiten Kameramann noch mal ein: Der Bildausschnitt müsse weiter als gewohnt sein, weil Theaterschauspieler mehr agieren als die vom Film.

Der Drehtag ist anstrengend, auch weil selbst in einem Theatersaal mit weniger als zehn Menschen die Luft schnell steht, und wegen der möglichen Virenkonzentration gelüftet werden muss. Als Ewald-Kronen nach ungefähr zweieinhalb Stunden fragt, wie weit man denn sei im Text, folgen betretenes Schweigen und ein kurzes Lachen vom Mischpult. Geplant waren vier Stunden, am Ende wurd’s das Doppelte. Aber so ist das eben mit Experimenten.

Jetzt folgen Schnitt und Fragen der Ausspielungsplattformen. Intendant Nico Dietrich führt noch verschiedentlich Gespräche: vom Fachmedium online, über Lokales bis zum Patient:innensender des Krankenhauses.

Am drängendsten interessiere ihn gerade, erzählt er der taz, was „das Publikum“ eigentlich heiße. Natürlich sei es gut, jetzt einfach zeigen zu können, dass man noch da sei. Aber vielleicht lerne man ja auch noch was für die Zeit nach Corona.

Dass die Zukunft des Theaters langfristig im Netz spiele, glaubt er allerdings nicht. „Wir wollen ja auch gar nicht, dass unsere Arbeit immer und überall kostenfrei verfügbar ist“, sagt der Intendant. Auch zwischen Verlagen, Autor:innen und Theatern ist die Rechtefrage kompliziert. Neben der kleinen Besetzung war auch das ein Grund für das Heine-Stück: Der Autor ist lange tot und stört sich nicht am Streaming.

Dafür, dass man hier so vorsichtig und ergebnisoffen an die Sache geht, wird es aber doch schnell weitergehen. Das Festival „Hart am Wind“ hat die Göttinger Produktion „Fridays. Future“ eingeladen und will sie nun digital zeigen. Bei den Hamburger Privattheatertagen im Juni denkt man zumindest intensiv darüber nach. Hier sollte „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nach dem Roman von Joachim Meyerhoff laufen. Das „Wintermärchen“ geht im Juni online. Es ist gut möglich, dass bis dahin schon die nächsten Kameras vor der Bühne des Jungen Theaters stehen.

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