Theaterintendanten im Norden: Bremerhaven auf Bewährung

Große Intendanten-Rochade zwischen den Theatern des Nordens: In Osnabrück, Schwerin und Bremerhaven kommen und gehen die Chefs.

Lars Tietje stellt 2017 in Schwerin das Bühnenmodell zum Musical "West Side Story" vor.

Soll schwer an sich gearbeitet haben: Intendant Lars Tietje wechselt von Schwerin nach Bremerhaven Foto: dpa

BREMEN taz | Keine Einladung zur Pressekonferenz oder zum Interview: Dreieinhalb Monate nach der Ausschreibung verkündete nur eine mit PR-Vokabular formulierte gewürzte Pressemitteilung, dass Lars Tietje in 2021 neuer Intendant am Stadttheater Bremerhaven wird. 42 Bewerbungen habe es gegeben, sieben Personen wurden nach Rücksprache mit den als Experten engagierten Intendanten aus Münster und Oldenburg zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, aus denen Tietje als Sieger hervorging.

Ein klassischer Deal unter alten weißen Männern? Wie ist die Entscheidung sonst zu erklären? Immerhin hat sich der Neue als Generalintendant des fünfspartigen Staatstheaters in Schwerin keinen allzu guten Leumund erworben. Mehrmals wurde sein Rücktritt gefordert, bis er vor einem Jahr erklärte, den bis 2021 laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Autoritären Führungsstil sagt man ihm nach, einen geradezu feindseligen Umgang mit Menschen, keine künstlerischen Ambitionen in der Spielplangestaltung – dass Tietje in den Medien dank Einflüsterungen einiger Mitarbeiter als eine Art Terminator des Betriebsklimas dargestellt wurde, ist wahrlich kein Bewerbungsschreiben für Bremerhaven.

Dort hat Ulrich Mokrusch seit August 2010 aus der plüschig-staubigen Operettenseligkeit der Intendanz Peter Grisebachs ein Stadttheater entwickelt, das mit Musicals und Operetten Geld verdient, mit wiederentdeckten Opern, zeitgenössischer Dramatik und ambitionierten Regieansätzen auch ab und an überregional punktet. Man ging mit vielen Projekten raus in die Stadtöffentlichkeit, hat zudem ein sozial wie politisch relevantes Kinder- und Jugendtheater aus dem Nichts mit eigener Spielstätte etabliert.

Als Lohn für diese Aufbauarbeit bekommt Mokrusch ab 2021 die Chance, Intendant am Theater Osnabrück zu sein. Für ihn bedeutet das: mehr Geld, größere Ensemble, attraktivere Spielstätten, einen umfangreicheren Spielplan – dazu eine theateraffinere und bürgerlichere Stadt. Nach Osnabrück passt er zudem, da Vorgänger Ralf Waldschmidt in den letzten neun Jahren konzeptionell recht ähnlich, wenn auch mit einem avancierteren Programm als Mokrusch in Bremerhaven gewirkt hat. Vielversprechend ist Mokruschs Entscheidung, die Schauspielleitung der für zeitgenössische Dramatik stehenden Dramaturgin Claudia Lowin aus Braunschweig und dem Komödienregiespezialisten Christian Schlüter vom Theater Bielefeld anzuvertrauen.

Ende der Operettenseligkeit

Das Theater Osnabrück könnte mit Mokrusch noch besser werden, das Staatstheater Schwerin ohne Tietje wieder zu einer Identität finden. Und das Stadttheater Bremerhaven mit Tietje? Da gibt es durchaus Ängste an der Nordsee.

Nachdem Tietje das Theater in Nordhausen vor der Abwicklung gerettet hat, bekam er den Job in Schwerin 2016 deshalb, weil er bereit war, Geld einzusparen: unter anderem bei den Künstlerhonoraren, 30 Stellen abbauen, gleichzeitig den Zuschauerzuspruch halten und mit dem Landestheater in Parchim fusionieren, was nochmal ein Dutzend Stellen bedrohte.

Das nahm die Belegschaft natürlich schnell gegen den Generalintendanten ein. Es wurde nicht besser, als er kleine Privilegien der Mitarbeiter strich und kritische Äußerungen im Kleinkunstprogramm des Theaterballs verbat, um anwesende Sponsoren nicht zu verärgern.

Gleichzeitig zeigte sich, dass weniger Geld und Angestellte eben auch eine Reduzierung des Spielplanangebots bedeuten. Da fielen nicht publikumsträchtige Operninszenierungen, sondern inhaltlich und formal herausfordernde Schauspielprojekte dem Rotstift zum Opfer, so Vorwürfe aus dem Haus.

Hat Bremerhaven nun einen Mann für Budgetkürzungen und Entlassungen geholt? In aller Deutlichkeit „Nein“ sagt der Kulturdezernent der Stadt, Michael Frost. Es würden weiterhin nicht weniger als 14 Millionen Euro pro Jahr ans Theater fließen. „Aufgrund der sozial und damit auch finanziell schwierigen Lage Bremerhavens ist leider auch nicht mehr möglich“, sagt Frost. Zumeist fordern Intendanten zu Dienstbeginn mehr Geld fürs Theater als Zeichen, wirklich gewollt zu werden. In Bremerhaven sei nur das Einfrieren der Zuwendungen plus die übliche Übernahme von Tarifsteigerungen geplant, so Frost. So habe Tietje immerhin Planungssicherheit.

Das Theater in Osnabrück könnte mit Mokrusch noch besser werden, Schwerin ohne Tietje wieder neu zu sich finden

Obwohl die Abo-Zahlen weiter sinken, so Frost, seien Entlassungen weder geplant noch erwünscht. „Wir wollen nicht die Boulevardbühne an der Waterkant werden, können uns aber auch nicht einen prägenden Regiestil oder viele tolle Experimente leisten.“ Die Vielfalt des Angebots müsse in der Breite das treue alte und ein neues Publikum ansprechen, in der Spitze wolle man weiter überregionale Ausrufezeichen setzen.

Tietje deutet das als „Auftrag zur Kontinuität“, plus eigene Akzentuierungen. Er selbst ist Pianist und Dirigent und will mit dem Generalmusikdirektor Bremerhavens die Opernsparte leiten. Dort kommen die meisten Zuschauer, dort findet daher die Publikumsbindung statt, dort soll das Stadttheater ein klares Profil in der Abgrenzung zum zeitgenössischen Regietheater in Bremen und den romantischen Klangwallungen in Oldenburg entwickeln. „Wir könnten ein Haus der Klassik oder des Belcanto werden“, so Tietje, was wirtschaftlich nach Nummer sicher, künstlerisch aber wenig innovativ klingt. Vielleicht ja das Schauspiel, wo Tietje einen Spartenleiter engagieren will. Ob er das traditionelle Ballett von Sergei Vanaev behalte, habe er noch nicht entschieden.

Seine Nachfolge in Schwerin war bis Ende März als Doppelspitze ausgeschrieben, die Entscheidung für eine künstlerische und eine kaufmännische Leitung ist aber noch nicht gefallen. „Diese Neugestaltung der Theaterleitung ist für mich eine Genugtuung“, so Tietje, der bisher beide Jobs in Personalunion erledigt hat. „Eine Fehlkonstruktion, 70 Prozent der Arbeitszeit gingen für die des Geschäftsführers des wirtschaftlichen Bereichs drauf, blieben nur 30 Prozent für die des Intendanten des künstlerischen Bereichs.“ In Bremerhaven kann Tietje sich stärker um die Kunst kümmern, denn mit Heide von Hassel-Hüller ist derzeit bereits eine Verwaltungsdirektorin etabliert.

Schweriner Kleinkriege

Was sein Wirken in Schwerin angeht, ist Tietje selbstkritisch. Er weist zwar die Vorwürfe von sich, ein zu anspruchsloses Programm verantwortet zu haben, ärgert sich weiterhin über illoyale Mitarbeiter, sieht sich aber auch gescheitert als Kommunikator. „Viele Brandherde, die internen Macht- und Verteilungskämpfe hätte ich früher erkennen und anders damit umgehen müssen“, sagt er.

Fakt ist: Trotz Führungskräfte-Coaching hat Tietje es bis heute nicht geschafft, das in nicht unbeträchtlichem Ausmaß gegen ihn aufbegehrende Haus zu befrieden, Vertrauen aufzubauen, kooperativ zu führen und selbst mehr als ein Verwaltungsmanager guter Auslastungszahlen zu sein. Das hat eine kürzlich veröffentlichte Mitarbeiterbefragung erneut bestätigt.

Angesichts der Schweriner Kleinkriege war auch Frost klar, dass Bremerhavens Entscheidung für Tietje auf Kritik stoßen würde. „Dass er zu uns kommt, klingt für einige nicht glorreich“, erklärt der Kulturdezernent, „aber Tietje ist nach den Erfahrungen in Schwerin hart mit sich ins Gericht gegangen, hat offensiv an sich gearbeitet und sich beraten lassen. Er will die Chance bei uns nutzen und er kann das aufgrund seiner Erfahrung und seines Fachwissens“. Also, lassen wir doch den ersten Schreck beiseite und werden wir neugierig.

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