Virtuelles Theater in Augsburg: Erst mal durchs Wurmloch stürzen

Ins Theater nur mit meinem Avatar: Produktionen für den Cyberraum vom Staatstheater Augsburg und der Berliner Gruppe CyberRäuber.

Kirchenraum, in dem ein Mann mit technischem Geraät hantiert

Roman Perti arbeitet in St. Anna in Augsburg an der Inszenie­rung „Judas“ für das Virtuelle Theater Foto: David Ortmann

Covid-19 macht (auch) erfinderisch. Während zahlreiche Theater die erzwungene Schließung von Probenräumen und Aufführungsstätten vor allem mit Streaming-Aktivitäten zu überbrücken suchen, stoßen einige Technologiepioniere in die virtuelle Realität (VR) vor. Die hat den Vorteil, ein unmittelbares Raumerlebnis zu erzeugen.

Mittels Avatar steckt man mitten im Geschehen, kann ständig die Perspektive wechseln und erlebt die ebenfalls digitalen Performer „hautnah“. Weil hier der Raum selbst zum Werkzeug und Kunstwerk wird, könnte VR mittelfristig zur sechsten Sparte (neben Theater, Oper, Ballett, Kinder- und Puppentheater) werden. Erste Schritte dafür stellen Projekte des Staatstheaters Augsburg und des Badischen Staatstheaters Karlsruhe dar.

Augsburg machte Furore als erstes Bühnenhaus mit VR-Brillen-Lieferservice. Zum Preis von 9,90 Euro wird die Brille frisch desinfiziert ausgeliefert und nach zwei Stunden wieder abgeholt. Das bayerische Vierspartenhaus verhielt sich wie ein Restaurantbetreiber, der seine Köche weiter brutzeln lässt und die Kellner zu Boten umschult.

Für das neue Format zeichneten Tänzer und Schauspieler Bewegungssequenzen und Monologe mit 360-Grad-Kameras auf. Das Ganze wurde dann bearbeitet und auf die Brille gepackt. Möglich wurde es, weil nicht nur eine 360-Grad-Kamera und zahlreiche VR-Brillen im Hause waren, sondern weil auch Erfahrung in der Produktion von VR-Clips bestand.

VR-Sequenzen in „Orpheus und Eurydike“

Für das Ballett „Orpheus und Eurydike“ sollten einzelne VR-Sequenzen dem Publikum den Blick von Orpheus auf die Szenerie bieten. Das war als virtuelle Erweiterung des Theaterraums erdacht. In Corona­zeiten ist nur die virtuelle Realität übrig geblieben.

Zwei Stücke gibt es derzeit: eine VR-Fassung des bereits 2019 zur Premiere gekommenen Monologstücks „Judas“ von Lot Vekemans und die extra für VR produzierte Ballettshow „shifting_perspective“. Der VR-Reiz bei „Judas“ besteht vor allem darin, sich nach eigenem Gusto in der kleinen Goldschmiedekapelle in der Kirche St. Anna in Augsburg bewegen zu können und dabei dem Schauspieler Roman Pertl bei der Verfertigung seines Verräter-Monologs zuzuschauen. Dies erschöpft sich aber schnell, weil „Judas“ kaum mehr ist als eine virtuelle Kopie des Bühnenmonologs.

Etwas mehr Zutrauen in die Möglichkeiten von VR offenbart „shifting_perspective“. Hier schweben Tänzerkörper am Betrachter vorbei, ihre Datenwolken vermischen sich. Der Raum allerdings bleibt statisch – eine gewöhnliche Bühne, auf der nur ab und an das Licht wechselt.

Ambitionierter ist im neuen Medium die Berliner Gruppe CyberRäuber unterwegs. Seit 2016 produziert sie Bühnenstücke mit VR-Erweiterungen. Auch das aktuelle Projekt „CyberBallet“ war ursprünglich für den Bühnenraum gedacht; VR sollte eine Erweiterung des Erlebnisses sein.

Wegen Covid-19 ist diese Zusammenarbeit mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe komplett in die virtuelle Realität gewandert. Man loggt sich auf der Plattform VRChat mit seinem Avatar ein, passiert dann einige Schleusen, die den Retro-Appeal von Wurmlöchern bei „Star Trek“ oder dem Tor von „Star Gate“ aufweisen und landet schließlich auf der virtuellen Bühne.

Datenwesen mit hydraulischen Sehnen

Sie ist in konzentrischen Kreisen in der Raummitte markiert. Dort tanzt eine cyberhaft aufgelöste menschliche Figur. Es ist ein Datenwesen, Muskeln, Sehnen und Blutgefäße sind hydraulische Systeme. Weitere dieser Figuren kommen hinzu. Projektionen von ihnen füllen die Wände.

Stets handelt es sich um Bearbeitungen von Bewegungssequenzen des Tänzers Ronni Maciel. Eine Stimme erklärt die Tänze als Versuche einer künstlichen Intelligenz, sich einen Körper zu erschaffen.

„CyberBallet“ zeigt eindrucksvoll die Möglichkeiten von VR. Der Zugang dazu ist allerdings komplizierter als beim Augsburger VR-Brillen-Verleihservice. Man muss VRChat erst installieren. Für Neugierige werden einzelne Testläufe aber auch auf der Plattform Twitch gestreamt; das bietet allerdings nur 2-D-Erfahrung.

Die Augsburger Produktionen sind seit Kurzem auch in einer Version über Webbrowser erlebbar. Und wer eine VR-Brille zu Hause hat und die Vorstellung auf VR-fähigen Browsern zum Laufen kriegt, taucht dann auch out of Augsburg in die dreidimensionalen Welten ein. Noch sind die Zugänge zur sechsten Theatersparte etwas kompliziert. Erste Schneisen sind aber geschlagen.

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