17-jähriger über Rassismus: „Das Polizeiproblem ist massiv“

Musa Farhan wechselt die Straßenseite, wenn er die Polizei sieht. Im April attackierten Beamten den 17-jährigen nach einer Demo gegen Racial Profiling.

Ein junger Mann mit Locken und einem 2 Pac-Pullover hält einen gepunkteten Regenschirm

Hat kein Vertrauen mehr zur Polizei: Musa Farhan Foto: Miguel Ferraz

taz: Hallo Musa, soll ich du oder Sie sagen?

Musa Farhan: „Du“ ist okay.

Würdest du die Polizei rufen, wenn du auf Straße in Schwierigkeiten gerätst?

Eher nicht. Also höchstens im Extremfall, wenn jemand mir eine Waffe vor das Gesicht hält. Aber auch dann hätte ich Angst, dass mir seitens der Polizei etwas angetan wird. Ich würde eher meine Freunde anrufen.

War das schon immer so oder gab es einen Punkt, an dem du deine Einstellung geändert hast?

Mir war schon immer bewusst, dass die Polizei kein Freund und Helfer ist. Aber dass ich als schwarzer Mensch einer erhöhten Gefahr von Polizeigewalt ausgesetzt bin, ist mir erst vor zwei Jahren klar geworden.

Was ist da passiert?

Ich bin abends noch mal rausgegangen, wollte kurz zum Supermarkt, hatte Flipflops und eine kurze Hose an und Kopfhörer in den Ohren. Da kamen mir zwei Polizisten entgegen. Ich habe getan, was ich immer tue: Ich gehe ihnen aus dem Weg. Sie kamen mir hinterher, hielten mich an. Sie sagten, ich hätte auffällig die Straßenseite gewechselt.

17, besucht in Hamburg die 11. Klasse und will Abitur machen. Was er danach anfängt, weiß er noch nicht, aber was er auf jeden Fall nicht will, weiß er schon: studieren.

Und was wollten sie?

Sie fragten meine Personalien ab, ich musste meine Taschen leeren. Sie meinten, sie suchen Leute, die hier nicht hergehören, checkten meinen Aufenthalt, fragten, wo ich wohne und wo ich geboren bin. Als sie sahen, dass ich deutscher Staatsbürger bin, fragten sie, ob ich Rauschgift dabei hätte. Sie haben nach einem rassistischen Stereotyp Probleme bei mir gesucht. Sie haben aber nichts gefunden.

Was dachtest du, warum dir das passiert ist?

An dem Abend war mir das nicht als rassistischer Übergriff bewusst, sondern nur als unnötiger Vorfall. Erst später, als ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, ist mir bewusst geworden, wie rassistisch das war – allein, dass sie sagen, sie suche nach Leuten, die hier nicht hingehören. Oder das mit den Drogen.

Seit wann wechselst du die Straßenseite, wenn du die Polizei triffst?

Seit ich wieder in Hamburg bin, also seit zwei Jahren. Als ich zehn war, sind unsere Eltern mit uns sechs Geschwistern nach Tansania gegangen, als ich 15 war, kamen wir zurück. Vorher war ich einfach zu klein und in Tansania war es sowieso anders.

Welche Erfahrungen hast du dort mit der Polizei gemacht?

In Tansania ist die Polizei nicht rassistisch, aber das Polizeiproblem dort ist auch massiv. Die Polizei geht auch nicht respektvoll mit Menschen um. Mein Vater war davon betroffen. Sicher auch schon vorher in Deutschland, aber da war ich so klein, dass ich das nicht richtig mitbekommen habe. Aber er hat mir immer klargemacht, dass man im Umgang mit der Polizei aufpassen muss und sie einem in der Regel nicht helfen will. Und dass man selbst respektvoll mit ihr umgehen muss, damit einem bestimmte Dinge nicht passieren.

Warum seid ihr nach Tansania gegangen und warum kamt ihr zurück?

Mein Vater kommt von dort und meine Mutter hatte Lust, dort eine Zeit zu leben. Als sie ein Jobangebot bekam, gingen wir hin, als sie den Job dort verlor, kamen wir zurück. Dann haben wir erst mal in Kiel gewohnt, dann in Hamburg. Geboren bin ich in Husum, zwischendurch haben wir auch mal in Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz gewohnt.

Wie schnell hast du zurück in Deutschland realisiert, dass du als schwarzer Mensch im Fokus der Polizei stehst?

Ich habe zuerst in den Medien mitbekommen, dass andere schwarze Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe von der Polizei getargeted werden. Es gab ja viele Fälle, wo Leute gestorben sind oder grundlos verhaftet wurden. Ich selbst kämme mir meine Locken zum Afro. Ein bisschen war mir schon bewusst, dass ich damit Aufmerksamkeit errege, aber ich erinnere mich an eine Situation vor einem Jahr, als ich mich gerade gekämmt hatte und rausgegangen bin. Kurz danach fuhr ein Polizeiauto an mir vorbei und ein Polizist guckte mir aus dem Fenster so lange hinterher, bis das Auto außer Sicht war. Da hat es in meinem Kopf Klick gemacht.

Wie hat der Vorfall im April an der Reeperbahn dein Leben verändert?

Er hat mich traumatisiert. Das letzte bisschen Vertrauen, dass ich in die Polizei hatte, ist durch den Vorfall verschwunden. Wenn es vorher Diskussionen über die Polizei in meinem Freundeskreis gab, war ich immer die Person, die gesagt hat: „Die Polizei ist nicht im Ganzen schlecht, sie macht auch gute Sachen.“ Nach dem Vorfall änderte ich diese Einstellung. Meine Angst vor der Polizei ist jetzt viel größer, meine Hände fangen an zu zittern, wenn ich einen Streifenwagen sehe. Ich habe viele Alpträume. Krass finde ich auch, dass alle 15 Polizisten in ihrer Darstellung der Ereignisse gelogen haben.

Wie gehst du damit um?

Es geht mir gar nicht so sehr um mich selbst, sondern um alle schwarzen Menschen, die davon betroffen sind. Ich hab’ es nicht gut, aber im Verhältnis zu anderen habe ich es extrem gut. Zum Beispiel Geflüchtete, die keine Arbeitserlaubnis haben und dealen, weil sie Geld verdienen müssen. Es gibt ein rassistisches Stereotyp vom schwarzen Dealer, und diese Menschen werden da reingezwungen. Sie sind dann auch nachts draußen, wenn die Straßen leer sind und niemand zuguckt. Stell dir vor, ein schwarzer Dealer wird nachts von der Polizei verprügelt. Wenn der das am nächsten Tag anzeigen will, wird ihm niemand glauben.

Der Vorfall hat auch viel Solidarität und eine politische Diskussion ausgelöst.

Wenige Tage nach dem Vorfall gab es eine Demo vor der Davidwache auf St. Pauli, da kamen 500 Leute. Der Tag war sehr emotional für mich. Ich hatte eigentlich so viel zu sagen, aber ich durfte nicht, ich hatte noch keine Anwältin und es war nicht klar, welche rechtlichen Konsequenzen das Ganze noch haben würde. Das hat mich klein gemacht.

Engagierst du dich seitdem politisch?

Ja, ich nutze meine Reichweite auf Instagram, um über Rassismus, Sexismus und Diskriminierung aufzuklären. Die Reichweite habe ich mir über Skatevideos aufgebaut. Skaten ist meine Ablenkung, und ich hasse es, das zu sagen, aber es ist wie eine Therapie. Wenn ich skate, muss ich mich so auf den Trick konzentrieren, dass ich alles andere ausblenden kann. Dadurch bekomme ich Abstand. Wenn ich Musik mache, hilft das auch, dabei kann ich Sachen verarbeiten.

Engagierst du dich auch im Black-Lives-Matter-Kontext?

Ja, ich helfe bei Demos, die meine Schwester organisiert. Sie finden unter dem Motto „loud 'n proud“ statt. Es treten Künst­le*innen auf, neulich hat jemand gebreakdanced, sonst läuft viel Black Music. Es werden aber auch ernste Themen besprochen. Wenn die Stimmung dann schlecht ist, spielt zum Beispiel der Reggaeartist Mighty Howard und die Stimmung geht wieder hoch, die Leute tanzen. Es ist wie ein politisches Festival.

Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben?

Mein Vater war nie viel da. Ich habe meine Vaterfigur durch Musik ersetzt. Tupac hat mich sehr geprägt. Ich habe meinen Respekt vor Frauen von dem Lied „Keep your head up“ von Tupac gelernt. Und ich habe Hoffnung aus dem Song „Changes“ bekommen. Da rappt Tupac ja über Rassismus, die Polizei und Dinge, die sich ändern müssen in der Welt. Er vermittelt die Hoffnung, dass das vielleicht noch was wird.

Glaubst du daran?

Ich habe mich damit abgefunden, dass Rassismus Realität ist. Man muss sich nicht einbilden, dass es woanders besser ist. Rassismus ist ein Problem, vor dem man nicht weg rennen kann. Das ist extrem frustrierend. Aber ich probiere, an allem zu wachsen und verliere nicht die Hoffnung. Ich glaube nicht, dass ich noch erleben werde, dass alle zusammen friedlich leben. Aber wenn ich sterbe, werde ich vielleicht denken, ich hab mein Bestes getan um die Welt in die richtige Richtung zu bewegen.

Was müsste sich in Deutschland ändern, damit Übergriffe wie der auf dich und deinen Bruder nicht mehr passieren?

Es müsste klare Konsequenzen für die Polizei geben. Da waren 15 Be­am­t*in­nen im Einsatz. Ich wurde geboxt, mein Bruder musste zur Wache, ich musste ins Krankenhaus. So etwas müsste doch reichen, damit Po­li­zis­t*in­nen gefeuert werden. Sie haben so einen wichtigen Job mit soviel Macht, dass Fehler wie diese nicht passieren dürfen. Wenn man keine Konsequenzen zieht, heißt das, dass man wartet bis jemand stirbt.

Auf der Demo vor der Davidwache wurde ein Song von dir gespielt. Wie hat sich das angefühlt?

Es war ein extrem krasses Gefühl. Ich bin noch nie aufgetreten und auch da war es ja nicht live, sondern vom Band. Es ist mein einziger aufgenommener Song bislang. Er heißt „Letter to my kings and queens“. Die Aufnahmequalität ist leider sehr schlecht. Aber dass der Song vor so einem großen Publikum lief, hat sich krass angefühlt. Ich ich wusste dadurch, dass ich Menschen erreiche.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de