1.628 Tage Krieg in der Ukraine: Rettung vor Hitze – ein Gesundheitsrisiko?
Im Badesee Basiw Kut in Riwne kann man sich gut abkühlen, wenn durch Stromsperren die Klimaanlagen ausfallen. Doch er ist durch Bakterien belastet.
Foto: Viktoriia Stadnychuk
A n einem heißen Sommertag Ende Juni stand ich morgens gegen acht Uhr auf und machte mich für die Arbeit fertig. Zwar hatte ich nachts die Wohnung durchgelüftet, trotzdem war es schon wieder heiß und stickig. Ich kühlte mich unter der Dusche etwas ab, bevor ich losging. In der Mittagshitze musste ich einige Stunden draußen verbringen. Die Temperatur in meiner Heimatstadt Riwne hatte an diesem Tag ihren historischen Höchstwert erreicht.
Eigentlich war es unmöglich, sich länger außerhalb der Reichweite einer Klimaanlage aufzuhalten. Aber durch die Hitze war das Netz schon seit Tagen so überlastet, dass der Strom immer wieder abgeschaltet werden musste. Und ohne Strom keine Klimaanlage.
20-jährige ukrainische Journalistin aus Lwiw, arbeitet im westukrainischen Riwne bei Suspilne Riwne, einer Regionalredaktion der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk – und Fernsehanstalt der Ukraine. Die Autorin war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Man stellt sich dann die Frage: Wie rettet man sich vor der Hitze? Für mich ist Schwimmen die beste Option. In Riwne bietet sich dafür der große Badesee Basiw Kut an. Von jedem beliebigen Punkt der Stadt aus ist er schnell per Bus, Auto und sogar zu Fuß zu erreichen. Und das Beste: Er kostet keinen Eintritt.
Außerdem gibt es einen Sandstrand, Toiletten und Duschen sowie einen Sportplatz gleich nebenan. Boote mieten kann man auch. Man könnte also denken, dass sowohl die Stadt als auch private Investoren großes Interesse an der Entwicklung der Infrastruktur am Basiw Kut hätten. Und ein bisschen stimmt das auch. Aber nicht so, wie es für den See gut wäre.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Experten raten vom Baden ab
Einer der wichtigsten Akteure bei der Entwicklung des Seegebiets war der Bauunternehmer Serhij Kachanowski, der auch von städtischen Behörden unterstützt wurde. Beim Bau neuer Wohngebiete ging es zunächst einmal darum, die Immobilienpreise in Seenähe stabil zu halten. Es könnte also alles schön sein. Doch Vertreter eines regionalen Gesundheitszentrums wiesen gegenüber Suspilne, dem staatlichen ukrainischen Rundfunk, auf Probleme mit der Wasserqualität hin. Der See könne sich nur noch begrenzt selber reinigen.
Schon seit Langem werden im Basiw Kut Bakterien wie Escherichia coli oder der Parasit Giardia intestinalis, die Magen-Darm-Beschwerden auslösen können, nachgewiesen. Besonders in der Hochsaison. Am Strand wurden bislang die Grenzwerte nicht überschritten, doch vom Baden raten Experten dringend ab.
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Umso mehr wundert man sich, wenn man an einem heißen Tag zum See kommt: Denn ungeachtet der Gesundheitsgefahr ist der Basiw Kut im Sommer voller Badegäste.
Kein Badeverbot – und kaum Alternativen
Das liegt sicher auch daran, dass es eben kein ausdrückliches Badeverbot gibt, der Strand sauber ist und vor allem, dass es in Riwne an Alternativen mangelt. Es gibt zwar noch ein paar kleinere Teiche, aber in den meisten ist das Baden verboten. Auch ein Fluss fließt durch Riwne, die Ustja. Die ist jedoch zum Baden zu schmal und außerdem kristallgrün. Das heißt, sie ist noch dreckiger als der Basiw Kut.
Es gibt einige private Strände und Schwimmbäder, die jedoch Eintritt kosten. Die Preise beginnen bei 270 Hrynja, etwas über 5 Euro. Weshalb die Menschen diese Orte eher meiden.
Wasserqualität hat sich durch Neubaugebiet verschlechtert
Ich habe einen älteren Kollegen gefragt, wie das in seiner Jugend war. Nazar ist um die 40 und sagt, dass man im Basiw Kut noch Anfang der Nullerjahre problemlos habe schwimmen können und es keine Berichte über Gesundheitsgefahren gegeben hätte. Erst mit dem Bau neuer Wohnsiedlungen am See hätten die Probleme angefangen.
Der Fluss Ustja sei allerdings schon seit den 80er Jahren durch Industrie- und Landwirtschaftsabwässer verunreinigt worden. Das bestätigen auch Umweltschützer der Nationalen Universität für Wasserwirtschaft und Naturmanagement in unserer Stadt.
Ende Juni haben Freiwillige vom Freilichtpark Ostwytsia aus begonnen, den Basiw Kut mithilfe der Chlorellaalge zu reinigen. Diese Methode hat man bereits in anderen Städten der Westukraine wie Chmelnyzkyj und Ternopil angewandt. Wenn lokale Behörden diese Aktion unterstützen, können wir vielleicht bald wieder gefahrlos baden gehen.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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