1.589 Tage Krieg in der Ukraine: Alles ganz normal?
Im Krieg ändern sich Gewohnheiten. Was früher absurd schien, ist plötzlich Alltag. So wie das Schlafen im Flur. Und der Drohnendetektor im Auto.
L aut Vorhersage gibt es Sturm, Beschuss mit Marschflugkörpern und eine Zombie-Apokalypse. Aber die Zombie-Apokalypse ist nicht auf unserer Straßenseite, deshalb kann man ruhig kurz rausgehen“. Das ist ein typischer Witz in Zeiten des russisch-ukrainischen Krieges. Wir lachen sogar darüber. Aber da kommt schon die Frage nach der neuen Normalität.
Was ist normal? Sich am Gewohnten festhalten? An Protokollen? Oder am gesunden Menschenverstand? Und wo endet der eigentlich?
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Meine Großeltern haben den Holodomor, den Zweiten Weltkrieg und den Zerfall der Sowjetunion miterlebt. Bis zu ihrem Lebensende konnten sie kein Essen, nicht einmal Brotkrümel, in den Müll werfen. Für sie war das normal. Und sogar ich, der in den 1980ern und 1990ern aufgewachsen ist, kann es nicht ertragen, dass auf meinem Teller Essen übrig bleibt.
Kugelsichere Weste und Drohnendetektor im Kofferraum
Dieser Krieg lehrt uns eine neue Normalität. Seit über vier Jahren ist mein Auto immer vollgetankt, habe ich einen Schlafsack, eine Powerbank, eine kugelsichere Weste, einen Helm und eine Notfallapotheke dabei. Und Aderpressen – eine pro Körperteil. Und einen kleinen Lebensmittelvorrat nebst Wasser. Außerdem will ich noch einen Drohnendetektor kaufen. Das ist in der Ukraine ganz normal – viele machen das.
Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Überall wo ich übernachte, vergewissere ich mich als erstes, auf welcher Etage die Wohnung liegt. Woraus das Haus gebaut wurde. Ist es ein Plattenbau, dann ist das Risiko der Zerstörung wesentlich höher. Und was gibt es dort für eine Heizung? Entzündet die sich vielleicht, wenn eine Drohne einschlägt?
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Wie weit ist es vom Fenster bis zum Bett, und wo kann man sich am besten verstecken, damit man nach einem Angriff keine Glassplitter abbekommt? Ich schwöre, selbst in anderen europäischen Ländern tue ich das alles. Ich würde es sogar generell bevorzugen, in trockenen Kellerräumen ohne Fenster zu schlafen. Das ist jetzt normal.
Schlafen mit Schutzbrille – im Flur
Ich kenne viele Menschen, die jede Nacht einen Koffer mit den wichtigsten Dokumenten bei sich haben und vorm Schlafengehen frische Wäsche anziehen. Wissen Sie, warum? „Wenn eine Drohne mich tötet, sollen die Rettungskräfte und Passanten sehen, dass ich ordentlich gekleidet bin.“
Ein guter Freund von mir aus Cherson hat seine eigene Form von Normalität gefunden. Er schläft immer im Flur, damit er nicht bei jedem Luftalarm extra dort hinlaufen muss. Ihm ist auch wichtig, dass er immer einen Vorrat an Getreide, Nudeln, einen Campinggaskocher, zwei zusätzliche Gaskartuschen und 300 Liter Wasser hat, falls es mal abgeschaltet wird. Seine neue Gewohnheit ist übrigens, dass er jetzt immer eine Schutzbrille beim Schlafen trägt, um seine Augen vor möglichen Splittern und Staub zu schützen.
In unserer Realität ist es normal, täglich Explosionsgeräusche zu hören. Wir haben aufgehört zu denken, es sei nur ein Gewitter. Uns kommt es nicht länger ungewöhnlich vor, wenn Menschen mit Kindern auf der Uferpromenade entlang schlendern und vom Rattern des Maschinengewehrfeuers, dem Donnern von Flugabwehrgeschützen oder dem Summen von Abfangdrohnen begleitet werden. So ist das jetzt einfach.
Gleitbombenangriffe verschlafen
Wir gehen selten in die Schutzräume, auch das ist mittlerweile normal. Nicht, weil wir besonders heroisch oder verrückt sind. Sondern weil es einfach unmöglich ist, sich dauernd zu verstecken. Man muss ja auch lernen, arbeiten – ja, überhaupt leben. Ausländer, die in die Ukraine kommen, und sei es nur für eine Woche, übernehmen das ganz schnell.
Für uns ist es schon ganz normal, den Angriff mit einer Gleitbombe zu verschlafen, aber zusammenzuzucken, wenn eine Stecknadel herunterfällt oder eine Straßenbahn vorbeifährt.
Wahrscheinlich verstehen wir heute noch nicht so recht, wie sich diese Kriegsjahre auf uns auswirken werden. Werden wir wieder so sein wie früher, oder werden wir bis ans Ende unseres Lebens Aderpressen mit uns herumtragen, zu Hause Hunderte Liter Wasser vorrätig halten, in den Fluren mit Schutzbrillen schlafen?
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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