1.563 Tage Krieg in der Ukraine: Blutiger Alltag
In der Ukraine gibt es seit Kriegsbeginn einen erhöhten Bedarf an Blutkonserven. Unser Autor kommt dem Aufruf zur Blutspende in Odessa nach.
O dessa! Kritischer Mangel an Blutkonserven für unsere Verteidiger. Wir brauchen dringend Blut der Gruppen I (+) und III (+). Spendentermine morgen ab 9 Uhr. Stadtteil Primorskyj. Registrieren Sie sich und warten Sie auf unseren Anruf.“
Diese Meldung ploppte kürzlich im Telegram-Kanal „Odessa-Spender“ auf. Ich hatte quasi schon darauf gewartet: Zeit zum Blutspenden! Das heißt, keine Milchprodukte und nichts Fettiges am Vortag. Und präventiv auch keinen Alkohol. Morgens dann Porridge, Apfel und warmes Wasser.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Ob das für den menschlichen Körper eigentlich gut ist, so viel Blut auf einmal zu verlieren, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber vor diesem Termin überzeuge ich mich selbst davon, dass das gut ist: Ich erneuere sozusagen mein Blut, senke das Risiko für irgendwelche Krankheiten und tu etwas Gutes.
Der Check-up verrät gute Gesundheit
Aber, um ehrlich zu sein: Ich bin Egoist. Dieser Termin zeigt mir, dass es um meine Gesundheit noch nicht ganz so schlecht bestellt ist und ich das noch problemlos schaffe. Und auch, dass dieser kurze medizinische Check-up mir sagt: „Du bist noch in einem Top-Zustand!“
Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Blutdruck – im Normbereich, Hämoglobin – ebenfalls. Chronische Krankheiten, die sich im Blut nachweisen lassen – keine. Regelmäßig eingenommene Medikamente – auch nicht. Während dieselben Ärzte zeitgleich eine 23-Jährige nach Hause schicken: „Sie haben erhöhten Blutdruck und sollten heute kein Blut spenden.“ Noch eine Kontrollfrage an mich: „Haben Sie früher schon einmal Blut gespendet? Wie haben Sie sich dabei gefühlt?“ Ich lache fröhlich zur Antwort. Denn wirklich: Obwohl ich nicht besonders groß und schwer bin und auch nicht wirklich gesund lebe, werde ich nicht ohnmächtig, wenn mir 450 Milliliter Blut abgenommen werden – darin liegt meine Superkraft. Ich habe große, rotwangige Jungs vom Land erlebt, die das kein zweites Mal tun könnten.
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Auch Frauen scheinen diese Prozedur besser zu ertragen. Das ist nur meine persönliche Beobachtung, wissenschaftlich belegt ist es nicht. Sie geben manchmal sogar ein bisschen damit an, wenn sie beim Blutspenden wieder einen kräftigen Typen sehen, der beim Blutverlust blass wird. „Die Männer sind heute so zart besaitet“, beklagt dann auch die temperamentvolle Krankenschwester.
Dritte Blutspende seit Kriegsbeginn
Diese Blutspende war übrigens die fünfte in meinem Leben und die dritte seit Beginn des russischen Großangriffs. „Das ist ja noch gar nicht so viel“, sagen Sie jetzt vielleicht. Und klar, es gibt Menschen, die das alle zwei Monate machen. Und auch ich würde gerne öfter … Aber egal, jetzt bin ich hier.
Der Fragebogen ist ausgefüllt, die Voruntersuchung gemacht, ich liege mit punktierter Vene im Behandlungsstuhl, direkt neben einer schmatzenden Pumpe, die das Blut aus mir heraussaugt. Unangenehm, klar, aber auch nicht tödlich. „Machen Sie eine Faust. Soll ich Ihnen vielleicht einen kleinen Gummiball dafür geben?“, fragt die Krankenschwester.
Nach fünfzehn, zwanzig Minuten ist alles vorbei. Dann sollen wir noch ein bisschen liegenbleiben, manchen Spendern wird doch etwas schwindlig. In einem Raum gibt es Saft und Kekse. In einigen Zentren werden sogar Urkunden vergeben – so was wie „Verdienter Spender“ – und lustige Sticker mit Blutspende-Content.
Und dann gibt es noch die Ratschläge, wie man sich im Anschluss verhalten soll: das Pflaster am Arm mindestens zwei Stunden dranlassen. Nicht Auto fahren oder ins Gym gehen – generell keine körperliche Belastung während der nächsten 24 Stunden. Mehr trinken, aber keinen Alkohol.
Und dann wird immer noch gefragt, ob man eine Bescheinigung für den Arbeitgeber braucht. „Nicht nötig“, sage ich und stelle mir vor, wie ich mir als freiberuflicher Journalist selbst den Schein vorlege und mir erkläre, an diesem Tag nicht mehr arbeiten zu können. Aber das wäre Quatsch. Denn natürlich arbeite ich noch. Auch mit 450 Milliliter weniger Blut im Körper.
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