1.549 Tage Krieg in der Ukraine: Bestickte Hemden als Akt der nationalen Selbstbehauptung
Die Wyschywanka, das traditionell bestickte Hemd, ist in der Ukraine mehr als nur ein Kleidungsstück. Ihr ist sogar ein eigener Feiertag gewidmet.
N iemand auf der Welt zweifelt das an: Ein Mann im Kilt ist ein Schotte. Kein Engländer, kein Ire und kein Waliser. In Großbritannien käme aktuell auch niemand auf die Idee, den Schotten das Recht auf ihren Kilt abzusprechen. Und überhaupt käme niemand darauf, die Schotten davon überzeugen zu wollen, sie seien Engländer. Und selbst, wenn das jemand versuchen sollte, käme niemand darauf, es zu glauben. Es wäre ja auch absurd.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
In der Russländischen Föderation aber ist sogar jetzt, im 21. Jahrhundert, alles ganz anders. In der offiziellen Propaganda und nach Meinung nicht unbedeutender Teile der Bevölkerung dort ist es ganz normal, Ukrainer als „Kleinrussen“ oder beleidigend als „Chocholy“ (nach einer Kosakenfrisur im 17. Jahrhundert) zu bezeichnen. Und ganz allgemein die Existenz des ukrainischen Volkes und der ukrainischen Staatlichkeit zu leugnen.
Und das, obwohl es diese abwertende Bezeichnung „Chocholy“ bei den Russen schon seit mindestens 400 Jahren gibt. Es gibt zahlreiche solcher Widersprüche in der russländischen Geschichtsschreibung.
Chauvinismus ist der russländischen Kultur auf genetischer Ebene zu eigen. Und genau aus diesem Grund haben die Russen Jahrhunderte lang gegen jegliche Manifestation ukrainischer Identität und Eigenständigkeit angekämpft: Gegen eine Geschichte, die bis in die frühe Fürstenzeit zurückreicht, gegen die Sprache, die Literatur, das Theater und die Wyschywankas, die traditionell bestickten ukrainischen Hemden.
Der Wyschywanka-Tag ist einer der jüngsten ukrainischen Feiertage. Er wurde 2006 von Studierenden der Universität Tscherniwzi (Czernowitz) ins Leben gerufen. Die Idee: An einem Tag im Jahr sollten alle in den traditionell bestickten Hemden und Kleidern in die Uni kommen, um zu zeigen, dass sie Teil des Alltags sein können. Die Idee verbreitete sich schnell über die Landesgrenzen hinaus. Heute wird der Tag z.B. auch in Kanada begangen, wo eine große ukrainische Diaspora lebt. Der Tag findet alljährlich am 3. Donnerstag im Mai statt.
Die ukrainische Identität
Und aus genau diesem Grund haben alle diese Elemente der ukrainischen Identität die Menschen seit Jahrhunderten vereint und ihren Widerstand gestärkt. Wie in der Physik beim dritten Newtonschen Gesetz: Zu jeder Kraft wirkt immer eine gleich große Gegenkraft.
Es ist ärgerlich, dass, so scheint es in der Ukraine, immer noch viele in Deutschland und Großbritannien nicht die wahre Natur des russländischen Krieges gegen die Ukraine verstehen.
Russland kämpft nicht um Gebiete. Russland, nicht Wladimir Putin allein, kämpft gegen die ukrainische Identität. Russen wollen unsere Einzigartigkeit vernichten. Und genau deshalb kämpft die Ukraine so entschlossen gegen diese Invasion. Wir haben keine andere Wahl, keinen Ausweg. Eine Niederlage würde das Verschwinden einer ganzen Nation bedeuten.
Sollten Sie es nicht wissen: Immer am 3. Donnerstag im Mai ist – weltweit übrigens – der Tag der Wyschywanka, dieses Jahr war er am 21. Mai. Trotz der Angriffe und Todesopfer am Morgen wurde in der ostukrainischen Großstadt Charkiw dieser Tag mit einem Umzug begangen. Wie auch schon vor dem Krieg.
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Hunderte von Menschen (würden die anderen nicht kämpfen, wären es Tausende gewesen) hatten ihre bestickten Hemden angezogen und trugen einen fünfzig Meter langen Rutschnyk, ein mit ostukrainischen Sloboschansker Ornamenten besticktes Tuch. Um zu zeigen, dass der Osten der Ukraine uraltes Kosakenland ist, das unter keinen Umständen Teil des modernen russischen Imperiums werden kann.
Für uns ist der Wyschywanka-Tag ein fröhlicher Feiertag.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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