1.457 Tage Krieg in der Ukraine: Lesen gegen die Angst
Ukrainische Bücher sind im Trend. Menschen strömen zu Lesungen. Junge Autorinnen und Autoren werden zu lebendigen Stimmen einer ganzen Generation.
I n meiner Familie wurde nicht sehr viel gelesen. Wir sahen mehr fern. Ich bin in einem Dorf im Gebiet Cherson aufgewachsen, im Süden der Ukraine, eine Region, die heute international durch den Krieg bekannt ist. Meine Eltern hatten kein einfaches Leben. Sie arbeiteten ständig, um genügend Geld zu verdienen. Und dann standen sie noch in der glühenden Sonne im Garten, mit dessen Hilfe sie die Familie ernährten.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Eine kleine Bibliothek hatten wir trotzdem. Und wenn ich Bücher wollte, haben meine Eltern sie mir gekauft. Deshalb lese ich schon seit meiner Kindheit gerne und würde das sogar mein Hobby nennen. Wo immer ich wohne – ich hinterlasse ein Regal mit Büchern.
Heute lebe ich in Kyjiw. Nach russischen Luftangriffen gibt es häufig weder Strom, Wasser noch Heizung. An solchen Abenden werden Bücher meine Komfortzone – ein Mittel, um Dunkelheit und Angst zu überstehen.
Ukrainische Journalistin und Produzentin aus der Region Cherson, 28 Jahre, lebt in Kyjiw. Master in Kulturwissenschaften. Seit 2022 arbeitet sie an einem Nachrichten- und Analyseprojekt über das Leben der Menschen im Süden der Ukraine während des Krieges. Als Produzentin erstellt sie das Geschichtsprojekt „Deokupowana istoriia“ (Befreite Geschichte) über russische Mythen im Süden der Ukraine.
Ukrainische Literatur im Trend
In meinem Bücherregal stehen jetzt fast nur noch Bücher ukrainischer Autor*innen. Warum? In der Ukraine ist es wieder in, Ukrainisch zu lesen. Und Schriftsteller*innen sind fast so etwas wie Superstars. Jede Woche werden in Kyjiwer Cafés und Kulturzentren neue Bücher vorgestellt, und zu diesen Veranstaltungen kommen Hunderte Menschen. Literatur ist wieder zu einem lebendigen Teil des städtischen Lebens geworden.
Aber für mich ist das mehr als ein Trend. Bei ukrainischen Autor*innen finde ich Antworten auf Fragen, die ich schon lange in mir trage. Eine davon ist: Wie überlebt man den Krieg?
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e.V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Und eben das habe ich im Buch „Hemingway weiß nichts“ von Artur Dron gefunden, das ich über Social Media entdeckt habe. Es zeigte sich, dass fast alle meine Freunde es gelesen hatten. Es sei keine leichte, aber sehr wichtige Lektüre, sagten sie.
Ich wollte mehr über den Autor wissen und habe mir seine Facebook-Seite angeschaut. In der Profilbeschreibung stand ein einfacher Satz: „Wenn Sie mein Buch mit Widmung haben möchten, schreiben Sie mir eine private Nachricht.“ Beeindruckend: Im Laden ist das Buch nur schwer zu bekommen, aber der Autor selber ist bereit, jedem Leser persönlich ein Exemplar zu signieren.
Artur Dron ist ein Veteran des russländisch-ukrainischen Krieges. Mit 25 Jahren hat er bereits mehrere Jahre in der Infanterie gedient, hat Kameraden verloren und ist schwer verwundet worden. Das Schreiben wurde für ihn zu einer Möglichkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren.
Heilsame Lektüre in schweren Zeiten
Als ich sein Buch las, ertappte ich mich bei dem Gedanken, diese Geschichten zusammen mit dem Autoren zu erleben. Das schmerzt, aber ist auch heilsam. Es ist ein Text, der schwer zu lesen ist, den man aber unmöglich zur Seite legen kann.
Während ich diese Kolumne schreibe, schaute ich mir noch einmal Drons Facebook-Seite an und finde dort ein Foto, wo er lächelnd Bücher signiert. Die Bildunterschrift dazu lautet: „Wenn ich Bücher für Sie signiere, ist das so, als würde ich meine Leser*innen ein bisschen persönlich kennenlernen.“ In diesem Satz steckt die ganze moderne ukrainische Literatur: lebendig, nah und echt.
Diese Nähe ist ein Grund, warum ich heute ukrainische Bücher lese.
Aus meinen Schulbüchern blickten mich grauhaarige Klassiker an – dieses Bild von Schriftsteller*innen schien mir fern, fast museal. Heute existiert dieses Bild nicht mehr.
Die Bücher, die ich lese, werden von Menschen unserer Zeit geschrieben: von Soldat*innen, Journalist*innen, Freiwilligen, von jungen Autorinnen und Autoren, die sich nicht scheuen, der Welt von ihrem Schmerz, ihrer Angst von Liebe und Hoffnung zu erzählen. Egal, wie alt sie sind und welche Erfahrungen sie haben – wichtig ist, dass sie etwas zu erzählen haben.
Und deshalb lese ich ukrainische Literatur. Denn es sind nicht einfach Bücher über ein Land – es sind lebendige Stimmen von Menschen, die diese Geschichte jetzt gerade mit mir zusammen erleben.
Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
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