1.429 Tage Krieg in der Ukraine: Hurra, ich bin kein Eisblock!
Bei Minusgraden bombardiert Russland verstärkt die Energieinfrastruktur. Unsere Autorin entflieht ihrer kalten Kyjiwer Wohnung – für einen Tag.
N ach dem Aufstehen führte mein erster Gang zur Heizung. Kalt! Draußen lag Schnee, das Thermometer zeigte minus 9 Grad.
Die ganze Nacht lang waren über Kyjiw russischen Raketen und Drohnen geflogen. Alle zehn Minuten konnte man Explosionen hören. Deshalb hatte ich entschieden, im Flur zu schlafen. Der nächste Schutzraum ist zu weit von meiner Wohnung entfernt. Ich nahm also wichtige Dokumente, Telefon, Notebook, Powerbank und das neue Kleid, das ich erst kürzlich gekauft hatte. Wäre schade, wenn es durch russische Drohnen zerstört würde.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Gegen drei Uhr nachts las ich auf Telegram Nachrichten und sah dort, wie Drohnen und ihre Trümmer über Kyjiwer Wohnhäuser flogen. Und in diesem halbdämmernden Zustand schlief ich irgendwann wieder ein.
Ohne Heizung, Strom und Wasser
Morgens ging dann die Heizung nicht mehr. Strom und Wasser waren auch weg. Ich lag auf meinem improvisierten Nachtlager im Flur und hatte keine Lust, den Tag zu beginnen. Und ich hatte Angst, denn es waren 17 Grad Frost angesagt. Und dann keine Heizung! Wie kann man so überleben? In Zeichentrickfilmen über Superhelden werden die Menschen in solchen Situationen zur Schneeskulptur oder zum Eisblock. Und wenn es wieder wärmer wird, tauen sie halt wieder auf und laufen weiter. Sind Ukrainer jetzt also auch Superhelden?
Ukrainische Journalistin und Produzentin aus der Region Cherson, 28 Jahre, lebt in Kyjiw. Master in Kulturwissenschaften. Seit 2022 arbeitet sie an einem Nachrichten- und Analyseprojekt über das Leben der Menschen im Süden der Ukraine während des Krieges. Als Produzentin erstellt sie das Geschichts-Projekt „Deokupowana istoriia“ (Befreite Geschichte) über russische Mythen im Süden der Ukraine.
Der Strom blieb den ganzen Tag über weg. Abends fuhr ich mit einer Freundin ins Büro, um Telefon und Notebook aufzuladen. Unser Gespräch hob meine Stimmung, gleich war alles ein bisschen leichter. Und so beschlossen wir gemeinsam, am nächsten Tag einen kleinen Ausflug zu machen: zum zugefrorenen Kyjiwer Meer.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e.V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Das Kyjiwer Meer ist ein Stausee – nur 60 Kilometer von der ukrainischen Hauptstadt entfernt. Dieses Jahr gibt es hier wirklich Eis und Schnee, darum ist der See zugefroren und hat sich in eine endlose weiße Fläche verwandelt, fast wie in der Antarktis. In den sozialen Medien haben die Kyjiwer das bereits zum neuen Fotospot erkoren. Und auch wir wollten uns ein bisschen davon inspirieren lassen.
Wie ein eisiges Märchen
Den See erreicht man nur mit dem eigenen Auto. Die meisten Busse fahren nicht so weit raus. Die Straße war rutschig und nicht überall war geräumt worden. Eisstücke und gefrorener Schnee lagen in der Mitte. Es war wie in einem eisigen Märchen. In der Woche zuvor hatte es geregnet, dann kam plötzlich starker Frost und alles vereiste quasi über Nacht: Bäume, Sträucher, Dächer, Stromleitungen. Märchenhaft, aber auch beunruhigend – denn vereiste Leitungen bedeuten neue Herausforderungen für die Energieversorger. Und eine lange Zeit ohne Strom.
Eine halbe Stunde später lag die Kyjiwer Antarktis vor uns. Die Sonne schien und daher fühlte es sich trotz der minus 13 Grad fast warm an. Viele Menschen waren mit Schlitten und Skiern unterwegs. Sie tranken Tee aus Thermoskannen und machten Fotos, wir auch. Und dann legten wir uns einfach in den Schnee und schauten ein paar Minuten in den Himmel.
Für mich hält in solchen Momenten einfach die Zeit an. Der Lärm der Stadt verstummt, Jobdeadlines verschwinden aus meinem Kopf. Aber das Wichtigste und Schönste ist, dass man mal für eine Weile den Krieg und die Raketen vergisst, die fliegen, um dich umzubringen.
Nach einer Stunde fuhren wir zurück. In Kyjiw dämmerte es schon, der Strom war immer noch nicht zurück. Aber die Heizung ging wieder. Hurra, ich werde nicht zum Eisblock! Schon ist alles etwas leichter.
Ich wärmte mich an der Heizung wie an einem Kaminfeuer. Und ertappte mich bei dem Gedanken: Wir lernen, uns über Dinge zu freuen, die wir früher gar nicht wahrgenommen haben. Die Wärme im Haus, das Wasser aus der Leitung, das Licht im Zimmer – Alltägliches, das jetzt zum Ereignis wird. Und obwohl uns der Krieg jede Nacht das Leben nehmen will, erkämpfen wir es uns hartnäckig zurück.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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