piwik no script img

100.000 Menschen betroffenMonsun flutet Afghanistan

Durch die Machtübernahme der Taliban ist Afghanistan international isoliert. Das erschwert die Katastrophenhilfe.

Thomas Ruttig

Aus Berlin

Thomas Ruttig

Ein Drittel Pakistans steht gerade unter Wasser, aber auch das Nachbarland Afghanistan ist schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Vereinten Nationen sprechen vom „Monsun auf Steroiden“. Ihnen zufolge sind über 100.000 Menschen in 32 der 34 Provinzen des ohnehin schon von extremer Armut gezeichneten Staats betroffen. 256 Menschen starben, allein in dieser Woche waren es fast 80. Mitten in der Sommerernte wurden 34.000 Hektar Ackerland zerstört.

Die Tragödie begann schon während des schweren Juni-Erdbebens im Südosten des Landes, als der früher als sonst beginnende Monsun Zufahrtsstraßen für die Retter zerstörte. In dem von jahrelanger Dürre ausgetrockneten Land verwandelte er trockene Flussbetten in reißende Ströme und löste Erdrutsche aus.

Der Norwegische Flüchtlingsrat, eine seit Jahrzehnten in Afghanistan tätige Nichtregierungsorganisation, sprach bereits Anfang August von „nie dagewesenen Zerstörungen“ an kritischer Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Weizenmühlen, Kliniken und Schulen.

Experten sagen, die Hitzewelle der vergangenen Monate in Südasien habe mächtige Niederschlagswellen erzeugt, die vom Indischen Ozean über den Subkontinent zogen. In den sozialen Medien ist ein Video aus dem Dorf Duab in der Provinz Wardak zu sehen, etwa eine Autostunde südwestlich der Hauptstadt Kabul, das vor einer Woche bereits zum dritten Mal überflutet wurde.

Wie umgehen mit den Taliban?

Die seit einem Jahr herrschenden Taliban baten um internationale Hilfe und beriefen am Donnerstag in Kabul eine Geberkonferenz ein. Doch ihre Machtübernahme hat Afghanistan isoliert. Vereinte Nationen und Nichtregierungsorganisationen leisten zwar Soforthilfe, langfristige Entwicklungshilfe für Afghanistan wurde aber zur Sanktionierung der Taliban gestrichen.

Der globale UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Martin Griffiths, fordert allerdings von den Geberländern, die Unterstützung wieder aufzunehmen. Aber: Auch die Taliban müssten sich dafür bewegen, so Griffiths. Die halten sich bisher nämlich zur konkreten Verwendung ihres nach eigenen Angaben 2,6 Milliarden US-Dollar betragenden Jahresbudgets bedeckt.

Auch Assem Mayar, afghanischer Spezialist für Wassermanagement, beklagt den Stopp der internationalen Entwicklungshilfe, durch den 32 Projekte zur Minderung von Klimawandelfolgen in Afghanistan ausgebremst worden seien. Immerhin, so Mayar zur taz, liefen Gespräche zu ihrer Wiederaufnahme zwischen der nun von den Taliban kontrollierten afghanischen Nationalen Umweltschutzbehörde und der Global Environment Facility, einem multinationalen Fonds zur ökologischen Unterstützung von Ländern des Globalen Südens.

Afghanistan steht aber auch vor der Herausforderung, Expertise bei der Anpassung an den Klimawandel wieder aufzubauen. Durch die Massenflucht vor den Taliban ist diese erheblich geschrumpft.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare