1. Mai in Berlin: Raver, vereinigt euch!
In Berlin existieren am 1. Mai Parallelwelten: Während die einen ein entpolitisiertes Straßenfest feiern, halten andere am Revolutionsanspruch fest.
Was unterscheidet den 1. Mai vom CSD, der Fête de la Musique oder dem Karneval der Kulturen? Oberflächlich betrachtet erst mal nichts. Der einst revolutionäre Kampftag ist vielfach verkommen zu einem durchkommerzialisierten Straßenfest.
Statt „Arbeiter, vereinigt euch!“ heißt es für viele heute „Raver, vereinigt euch!“ Verstärkt wird dieser Trend, der vor allem bei einem Großteil der Jugendlichen vorherrscht, durch Tiktok und Instagram. Dort dominieren Guides: „Outfits am 1. Mai“ oder „Wo feiern am 1. Mai“. Aufrufe zu den dennoch stattfindenden zahlreichen Demos bleiben in ihrer Sichtbarkeit dagegen unterrepräsentiert.
Ein Influencer empfiehlt etwa: 12 Uhr Pre-Drinks am Aperol-Spritz-Stand an der Admiralsbrücke, 14 Uhr Görlitzer Park Day-Rave – hier immerhin mit Politik-Begleitprogramm –, 15 Uhr Boot-Rave, 16 Uhr Schlesischer Busch (DJ, Musik, Cocktails), 18 Uhr Späti-Rave, abends: Open Air im Prince Charles, Else, Renate, Butzke, About Blank – oder jedem anderen Club, der die Chance wittert, mit dem entpolitisierten „Kampftag“ Kasse zu machen. Das zeigt: Die vielfach besungene politische Clubkultur ist oft wenig mehr als ein schmückendes Anhängsel.
Queerfeministische „Take Back The Night“-Demo in der Walpurgisnacht (30.04.)
„Zickenplatz“ (Hohenstaufenplatz), 20 Uhr
DGB-Demo: Ziel ist eine geeinte Arbeiter*innenbewegung
Strausberger Platz, 11 Uhr
„Rave Against the Zaun“: Rave und Reden
Görlitzer Park, ab 12 Uhr
„My-Gruni“-Demo der hedonistischen Klassenkämpfer*innen
Johannaplatz, ab 13 Uhr
Feministische Demonstration von F_AJOC gegen patriarchale Gewalt
Henriettenplatz am S-Bahnhof Halensee, 13:12 Uhr
Revolutionäre 18-Uhr-Demonstration: bundesweit größte linksradikale Demo
Oranienplatz, ab 18 Uhr
Die exzessive Feierei kann man auch als eine Folge der Eventisierung durch das MyFest verstehen, einst vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und dem Senat initiiert, um den Kreuzberger Krawallen entgegenzuwirken. Es war jenes Fest, immerhin noch getragen von der Nachbarschaft statt hippen Bars, die die Massen der Partyhungrigen in den einst revolutionären Kiez lockte.
Gesoffen wird auch ohne MyFest
Vom Erfolg, aber auch dem Alkohol- und Müllrausch überrollt, ist es mit dem MyFest seit nunmehr vier Jahren vorbei. Doch die Menschen pilgern einfach weiter nach Kreuzberg und Neukölln und haben die Saufzone damit noch vergrößert. Wie massiv dieser Sog ist, wird sich wieder im Görli zeigen. Zwar sind der Park und seine Umzäunung zum zentralen Symbol des Kampfes um eine alternative Stadt geworden und ist der Versuch redlich, das Feierpublikum dort auch mit Inhalten anzusprechen. Doch kaum einer der Feiernden wartet ernsthaft auf die Pausen zwischen den Live-Acts, um die Reden der SDAJ zu hören.
Kritisieren könnten die Jungsozialist*innen auch gleich, wie sich in der Gastro- und Clubszene der 1. Mai als lukratives Geschäftsmodell etabliert hat. Spätis verlangen Mondpreise, eine Flasche Rotkäppchen kostet an dem Feiertag schnell 14 Euro. Clubeintritte bewegen sich zwischen frei und bis zu 30 Euro.
Dass in diesem Jahr ausgerechnet am 1. Mai das Gallery Weekend beginnt, wirkt wie die makabre Pointe einer Stadt, die ihren Widerstand längst selbst verwertet. Statt Demos gibt es Vernissagen, statt Straßenschlachten Preisschlachten.
Einige Influencer haben zumindest noch den Anstand, ihren ausführlichen Feier- und Outfit-Guides in Klammern einen Pflichtsatz anzuhängen: („und vergesst nicht, auf eine Demo zu gehen.“).
Demos ohne Sauftouristen
Immerhin: Ein anderer Teil jener, die sich in der tendenziell links-liberalen Berliner Großstadtblase bewegen, tut genau das. Für sie bleibt der 1. Mai ein revolutionärer Kampftag, wenn auch nicht unbedingt ein kollektiver oder einer, der die Interessen der Werktätigen, aka Lohnabhängigen in den Mittelpunkt stellt. Denn das Demoangebot rings um den Tag ist so vielschichtig wie die zersplitterte linke Szene und reicht von zwei feministischen Demos über jene des DGB, dem Umverteilungs-Happening im Grunewald bis hin zur 18-Uhr-Demo.
Zumindest auf dieser revolutionären Demo lässt sich aber auch ein Gegentrend ausmachen. Trotz Rekordbeteiligungen – im vergangenen Jahr nahmen etwa 25.000 Menschen teil – ist der Anteil der schaulustigen Krawall-Tourist*innen schon seit einiger Zeit rückläufig. Zu groß sind wohl die Party-Gegenangebote, zu wenig gibt es zu schauen, seit die Krawalle der Vergangenheit angehören.
Während also Hunderttausende feiern, versammeln sich auf der größten linksradikalen Demonstration des Landes all jene, die sich gänzlich andere Verhältnisse herbeisehnen. Einig sind sie sich dabei nicht: Neben einem antiautoritären Block, der, angestoßen von der Interventionistischen Linken, sein Comeback feiern wird, sind es vor allem rote, stramm sozialistische Gruppen, die letzten Reste der Autonomen und eine Vielzahl migrantischer Gruppen, die die Demo tragen. Die Solidarität mit Palästina ist zwar nach dem Höhepunkt vor zwei Jahren nicht mehr das alles dominierende, aber doch ein einigendes Thema.
Was der Demo aber nicht gelingt, ist ein Angebot an jene zu schaffen, die nicht an Revolutionsfantasien glauben, obwohl sie in einer kapitalistischen Welt struggeln, in der sich die Preisspirale nach oben dreht, Sozialleistungen gekürzt werden, der rechte Autoritarismus auf dem Vormarsch ist und Solidarität erodiert.
Für das Partyvolk, das ganz unbewusst am Tag der Arbeiterklasse seine eigene Entpolitisierung zur Schau stellt, braucht es mehr als Parolen, die mit ihrem eigenen Leben wenig bis nichts zu tun haben. Es bräuchte ein revolutionär-linkes Angebot, dass sie abholt, wo sie sind: Und sei es beim Späti und ihrem Ärger über den teuren Rotkäppchen.
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