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Sammelklage wegen EwigkeitschemikalienAn­woh­ne­r:in­nen bringen Chemiekonzern Chemours vor Gericht

Seit Jahren steht der Konzern wegen großflächiger Verschmutzung mit PFAS-Chemikalien in der Kritik. Eine Sammelklage fordert jetzt Entschädigungen.

Aus Dordrecht

Tobias Müller

Der US-Chemiekonzern Chemours muss sich wegen Verschmutzung der Umgebung seiner Fabrik bei der niederländischen Stadt Dordrecht vor Gericht verantworten. Etwa 550.000 An­woh­ne­r:in­nen haben sich einer Klage angeschlossen, die ab 2027 vor dem Gericht in Rotterdam verhandelt wird. Eingereicht hat sie die Stiftung PFAS Vrij Green Claim. Sie fordert, dass Chemours seinen Ausstoß sogenannter Ewigkeits-Chemikalien beendet und die Anwohnenden entschädigt.

PFAS (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen) sind ultrarobuste Kohlenstoff-Fluor-Verbindungen, die sich leicht verbreiten und auch im menschlichen Körper ansammeln, aber nur äußerst langsam abgebaut werden. Sie sind in zahlreichen Alltagsgegenständen enthalten, inzwischen aber auch im Blut fast aller Menschen. In der Nähe des Chemours-Werks werden nach Untersuchungen des niederländischen Gesundheitsinstituts RIVM die Grenzwerte besonders stark überschritten.

Kontakt mit diesen Chemikalien wird mit schweren Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht, darunter Nieren- und Hodenkrebs, erhöhtem Cholesterin, Schäden an Immun- und Hormonsystem und Schilddrüsenkrankheiten, Bluthochdruck oder Leberschäden. Den „enormen Effekt“ auf ihr Leben und ihre Gesundheit betonten Ver­tre­te­r:in­nen der Stiftung Anfang November bei einer Pressekonferenz in Dordrecht – am Tag, als die 268-seitige Klageschrift übermittelt wurde. Das Gesundheitsministerium in Den Haag rät dringend ab, Gemüse und Eier aus dem unmittelbaren Umfeld der Fabrik zu verzehren.

Seit diese 1962 eröffnet wurde, verseuchen ihre Emissionen und Einleitungen Boden, Grund- und Oberflächenwasser der Umgebung mit PFAS. Unter anderem wurde jahrzehntelang Perfluoroctansäure (PFOA) in den nahen Fluss Merwede entsorgt. Laut der regionalen Umweltbehörde Zuid-Holland-Zuid sind unter dem Gelände und in der Umgebung rund 2,7 Millionen Kubikmeter Grundwasser verseucht. Die klagende Stiftung nennt Dordrecht darum „das Zentrum der niederländischen PFAS-Verschmutzung“.

„Die PFAS-Vertuschung“

Chemours, das 2015 vom US-Chemiekonzern DuPont abgespalten wurde, steht in den Niederlanden seit drei Jahren permanent in der Kritik. Im Sommer 2023 sorgte eine TV-Reportage mit dem Titel „Die PFAS-Vertuschung“ für Aufsehen. Sie rekonstruierte, wie lange DuPont schon über die Gesundheitsrisiken für Mit­ar­bei­te­r:in­nen und Anwohnende informiert war, ohne jedoch zu handeln. 2023 befand ein Rotterdamer Gericht, Chemours sei für die Schäden haftbar, die umliegende Kommunen durch die PFAS-Verseuchung erlitten haben.

Auf dieser Grundlage und wegen des vorliegenden Beweismaterials räumt Anwalt Michael Bacon der Klage der Anwohnenden „gute Chancen“ ein. Zugleich betont er, in vergleichbaren Fällen reagierten die verklagten Konzerne häufig mit einer Verzögerungsstrategie. „Es wird einen langen Atem brauchen. Zwei bis fünf Jahre sind in so einem Fall nicht außergewöhnlich“, so Bacon zu taz.

Chemours hat nun drei Monate Zeit, um zu reagieren. In einer ersten Stellungnahme ließ der Konzern wissen, man werde die Klageschrift „sorgfältig studieren“ und „Fragen und Sorgen über PFAS und unsere Aktivitäten“ ernst nehmen. Die Bür­ge­r:in­nen­in­itia­ti­ve Gezondheid vóór alles, die seit Jahren wöchentlich vor dem Fabriktor demonstriert, rief zu einem Protestmarsch in Dordrecht auf.

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